Gesunde Zähne

Von Schnullern und Bäumen

Jule Leger · 18.11.2019

© Bettina Schipping

© Bettina Schipping

Manch einer mag ihn überhaupt gar nicht am Kleinkind sehen, für wieder andere gehört er zur Kindheit schlichtweg einfach dazu – der Schnuller spaltet die elterlichen Gemüter. Was er kann, wozu er gut ist und wie Kind ihn wieder los wird.

Unter wuchtigen, schattenspendenden Pappeln, an einem heißen Nachmittag stellte mir eine neue, supernette Bekannte zum ersten Mal ihre nun bald vierjährige Tochter vor. Ein wunderbar selbstbewusstes, schneeblondes Mädel mit dicken Pflastern auf den Knien und schokoverschmierter Schnute. „Schau, das ist Lotti!“ Und mit einem entschuldigenden, beinahe schon peinlich berührten Schulterzucken schob sie nuschelnd hinterher: „Sie braucht ihn halt noch.“ Zwischen der Schokoschnute von der kleinen Lotti klemmte nämlich ein hübscher, rotgetupfter Schnulli und der war gemeint. Mich störte der nicht, Lotti nuckelte wohlig an ihm herum, während sie mit einem Stöckchen im Sand rumbuddelte und ihre Mama verdankte diesem kleinen Schnuller ein paar ruhige Minuten und ein ungestörtes Gespräch auf der Parkbank.

Fristgerecht abgewöhnt?
Aber natürlich wusste meine Bekannte, dass ich wusste, was alle Muttis wissen: Der Schnuller kann zu  Zahnfehlstellungen führen. Und Vierjährige sollten längst keinen Schnuller mehr benutzen. Und außerdem versteht ja niemand, was sie sagen, wenn sie mit Schnulli im Mund sprechen. Und nur Babys haben Schnullis und brauchen diese, um ihr Saugbedürfnis zu stillen. Was aber schon mit spätestens 2,5 Jahren überhaupt gar nicht mehr vorhanden sein sollte. Nun ja. Vielleicht hätte ich es meiner Bekannten ja gleich von Anfang an direkt sagen sollen. Ich halte es da mit Remo Largo. Jedes Kind ist anders. Ich lehne es ab, Kinder zu vergleichen. Und natürlich raten Experten wie Kinderärztin Ursula Schleicher im Allgemeinen dazu, den Schnuller mit spätestens drei Jahren abzugeben, weil da schon die ersten Zahnfehlstellungen drohen wie zum Beispiel der offene Biss. Ein gutes Stichwort gibt sie uns Eltern aber auch mit auf den Weg: den richtigen Zeitpunkt. Und den muss eben jeder bei seinem Kind selber finden. Und da jedes Kind anders ist, jede Familiensituation auch, gewöhnt sich das eine Kind termingerecht zum dritten Geburtstag ab. Das andere jedoch verpasst den Zeitpunkt. Vielleicht kam es ja gerade in den Kindergarten und brauchte den geliebten Nuckel erst recht zum Trost? Oder es wurde gerade große Schwester/ großer Bruder und musste emotional erstmal noch ein bisschen Baby bleiben? Also – immer schön relaxed bleiben, wenn die Entwöhnung nicht fristgerecht klappt. Die oft so dramatisch dargestellten Zahnfehlstellungen bilden sich häufig von ganz alleine zurück und beim Bewerbungsgespräch fragt in der Regel auch keiner wie lange man einen Schnuller hatte.

Saugen beruhigt
Dazu kommt: Dass viele Babys mit Schnuller deutlich entspannter sind, das bilden wir uns so sehr nach ruhigen Nächten und einer halbwegs gechillten Babyzeit sehnenden Eltern nicht einfach bloß so ein. Das Nuckeln entspricht dem menschlichen Saugbedürfnis und beruhigt ungemein. „Außerdem“, erklärt Kinderärztin Schleicher „wird darüber spekuliert, dass durch die Kaubewegungen das Gehirn stimuliert wird und so das Risiko für den plötzlichen Kindstod verringert wird.“ Und was uns heute so manche ruhige Minute beschert, war auch unseren Vorfahren schon bekannt: So gibt es bei uns in Europa Schnuller schon mindestens seit dem Mittelalter. Die damaligen Lutschbeutel – mit Brei gefüllte Stoffbeutel – waren weit verbreitet und dienten als Beschäftigung, Ablenkung und Durststiller. Die modernen Gummischnuller wurden dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Bis heute werden zwei Formen des Mundteils unterschieden: die runde Kirschform und die vorn abgeschrägte, der Mundhöhle angepasste Gaumenform.

Besser als der Daumen?
Bevor wir Eltern werden, wissen wir ja meist ganz genau, was wir mit der Erziehung unserer Kinder wie machen wollen. Unsere Kinder, die die wir dann wirklich bekommen, lehren uns meist eines Besseren. Für mich persönlich war eine Sache ganz klar: ein Schnuller ist allemal besser als Daumen, denn den hat mir meine eigene Mutter nur mit Ach und Krach, vielen Geschenkeversprechen und bitterschmeckendem Nagellack abgewöhnen können. Und so bekam meine Tochter einen Schnulli. Ihren Dudu. Zunächst einen winzigen, bonbonfarbenen Kirschsauger aus der Apotheke. Extraklein und fein für ihr winziges Mündlein. Später dann nach Lust und Laune, keine Ahnung wie viele von den Dingern wir verbraucht haben. Über das Abgewöhnen habe ich mir nie Gedanken gemacht, ich wollte es entspannt angehen lassen, anders als meine eigene Mom. Und als die Kleine dann größer wurde und in der Kita zum Mittagsschlaf keine Windel mehr brauchte, sagte ihr Kumpel zu ihr: „Wer keine Pämpi mehr braucht, braucht auch keinen Nuggi mehr!“ Das saß. Und so packten wir alle Schnullis, die wir finden konnten (einen habe ich heimlich für die Erinnerungskiste aufgehoben), machten einen Ausflug in den Park zum Schnullerbaum und hängten unsere zu den übrigen bunten Saugern. Danach kam die Schnullerfee und legte eine Kleinigkeit unters Kopfkissen. Das wars. So unspektakulär endete die Dudu-Zeit. Und genauso unspektakulär wird auch Lotti irgendwann ihren Schnuller los. Wenn die Zeit reif ist.

In aller Munde – Schnuller auf Mundart
Nuckel, Nunni, Duddu, Diddl (umgangssprachlich)
Nuggl (allemannisch und schweizerdeutsch)
Duttel, Fopper, Luller, Nosi, oder Zuz(zi) (österreischich)
Huttl oder Hutti (in der Oberlausitz)
Nubbel oder Nubbl (in Sachsen)
Bubu (im rheinisch-bergischen Raum)
Duzl oder Dizi (Bayern)

Tags: milchzähne , Schnuller , zähne

Kategorien: Gesunde Zähne , Freizeit