Gesunde Zähne

Start in die Spangenzeit

Nadine Lente · 15.11.2019

Mit dem Kind zum Kieferorthopäden? Was Eltern wissen sollten.

Die ersten Zähnchen eines Babys sind ein aufregendes Ereignis, das die Familie mit Spannung erwartet. Wenn man sie nicht schon längst von den Großeltern geschenkt bekommen hat, kauft man nun eine Baby-Zahnbürste und übt voller Einsatzfreude spielerisch das Zähneputzen mit den Allerkleinsten. Mit jedem Zahn sieht der Nachwuchs plötzlich ‚erwachsener‘ aus und die meisten Eltern denken an den ersten Besuch beim Zahnarzt. Aber Kieferorthopäde? Das hat doch noch ewig Zeit, oder? „Da überweist uns doch der Zahnarzt hin“, meinen viele Eltern. „Nicht unbedingt“, sagt Dr. Peter Kram (56). Seit 1989 arbeitet er als Zahnarzt, seit 2003 als Kieferorthopäde in seiner Kölner Praxis und weiß: „Für die Beratung beim Kieferorthopäden ist es nie zu früh und nie zu spät.“ Denn dass Kinderarzt oder Zahnarzt hierhin überweisen, kann sein – muss aber nicht. „Angewiesen sind die Eltern, egal ob kassen- oder privatversichert, auf die Überweisung jedenfalls nicht“, sagt Dr. Kram. Die Erstberatung beim Kieferorthopäden ist eine Kassenleistung – als Baby, Kleinkind, aber auch noch im Erwachsenenalter. „Wie bei allen medizinischen Behandlungen ist der Zeitpunkt entscheidend“, so Dr. Kram. „Daher macht es Sinn, den Kieferorthopäden schon mit einem Kleinkind im Alter von drei bis sechs Jahren aufzusuchen, auch wenn kein akuter Anlass besteht.“ Wenn das Gebiss von den Milchzähnen zu den bleibenden Zähnen wechselt, also im Alter von etwa sechs Jahren, ist der Zeitpunkt, zu dem die Eltern spätestens an eine Vorstellung beim Kieferorthopäden denken sollten. Generell wird zwischen Zahn- und Kieferfehlstellungen differenziert. Je früher man diese erkennt, desto besser für die Behandlung. Gerade bei Kleinkindern ist das Daumen- oder Schnullerlutschen eine Angewohnheit, die zu kieferorthopädischen Behandlungen führen kann, aber auch nicht muss. „Form folgt Funktion“, sagt Dr. Kram. „Wenn die Funktion von Zunge und Lippen zum Beispiel nicht gut ist, kann das den Kiefer beziehungsweise das Gebiss ungünstig formen. Der Facharzt kann erkennen, ob und wann Handlungsbedarf besteht. Generalisieren kann man hier nicht.“ Oft können auch längere, kieferorthopädische Behandlungen vermieden werden, wenn frühzeitig beraten wird und schädliche Angewohnheiten geändert werden. „Beim ungünstigen Zusammenspiel zwischen Zunge, Lippe und Zähnen kann man durch frühe Verhaltensänderung bereits viel bewirken.“ Kieferorthopäden arbeiten eng mit Kollegen verschiedenster Disziplinen zusammen: Logopäden, Sprachtherapeuten, Physiotherapeuten, Osteopathen, aber natürlich auch Zahn- und Kinderärzten. Zum Fall des Schnullers oder Daumens sagt Dr. Kram: „Der sollte allerspätestens Vergangenheit sein, wenn die bleibenden Zähne kommen.“

Die Erstvorstellung kann grundsätzlich in jedem Alter stattfinden - denn es gibt auch Kiefer- und Zahnfehlstellungen, die bereits früher zu erkennen und zu behandeln sind. Eine Überweisung ist nicht notwendig und der Erstbesuch ist Kassenleistung. Je nach Art der Fragestellung wird das kindliche Gebiss vermessen, genau betrachtet, fotografiert, geröntgt und natürlich der berühmte Abdruck genommen. Heutzutage sind die Abdruckmassen schnellhärtend, sodass diese vielen Kindern recht unangenehme Prozedur rasch vorbei ist. Anschließend erklärt die Kieferorthopädin in aller Ruhe den Befund: Wie ist der Biss, wo gibt es unschöne Abweichungen, wie steht der Unterkiefer zum Oberkiefer, welche Zähne sitzen zu weit innen oder außen oder sind mangels Gegenüber gar ein Stück aus dem Kiefer rausgewandert? Im Regelfall wird eine kieferorthopädische Behandlung angeraten und besprochen: lose Spange, Brackets, Gummis oder Federn - die handwerklichen Möglichkeiten sind vielfältig und beeindruckend. Aber je nach Sachlage und Beschwerden ist auch eine Empfehlung in Richtung Logopädie oder Sprachtherapie möglich. Für die klassische Behandlung mit der Zahnspange ziehen die Krankenkassen mit Hilfe einer Einteilung in sogenannte kieferorthopädischen Indikationsgruppen (Kig) klare Grenzen, was erstattet wird und was nicht: Beträgt beispielsweise, so ist es bei Kindern ein typischer Fall, der Abstand zwischen unteren und oberen Schneidezähnen beim Biss weniger als sechs Millimeter, gilt die Korrektur als medizinisch nicht notwendig und wird nicht erstattet. Im Verlauf einer durch die Kasse finanzierten Behandlung - immerhin gut und gern mal 3000 Euro  - zahlen die Eltern von jeder Rechnung 20 Prozent selbst (beim zweiten Kind zehn Prozent). Diese Eigenbeteiligung gibt es ein Jahr nach erfolgreichem Abschluss der Therapie zurück - so lässt sich die Mitmachmotivation aufrecht erhalten. Ein unter Eltern leidiges Thema sind die trotzdem noch anfallenden Zusatzkosten: Viele Praxen veranschlagen für ihre speziellen und über die Kassenleistungen hinausgehenden Angebote wie zum Beispiel modernere Brackets oder spezialelastische Drähte noch einmal 2- bis 3000 Euro obendrauf. Insofern ist es durchaus eine Überlegung wert, rechtzeitig vorab eine Zahnzusatz-Versicherung für die Kinder abzuschließen und darauf zu achten, dass diese auch alle gewünschten Behandlungen abdeckt.

Tags: gebiss , kieferorthopäde , spange , zähne

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