Gesunde Zähne

Bloß keine Angst!

Nadine Lente · 18.11.2019

© Zahnarztpraxis Dr Jarkowski

© Zahnarztpraxis Dr Jarkowski

Im Kindergartenalter, besser noch früher, beginnen Kinder mit den regelmäßigen Kontrollbesuchen beim Zahnarzt. Dieser gibt Tipps und Infos zu Zähneputzen und Zahnwechsel. Dass er wirklich mal bohren muss, kommt selten vor und wenn, dann gibt es gute Möglichkeiten, quasi schmerzfrei zu behandeln.

Die dreijährige Sofia steht staunend vor dem Aquarium im Empfangsbereich der Zahnarztpraxis. „Haben Fische eigentlich auch Zähne?“, fragt sie. Schmunzelnd überreicht ihre Mutter der Praxismitarbeiterin die Versichertenkarte. Die hat auch gleich eine Antwort für die kleine Patientin parat: „Aber sicher“, sagt Sylvia Stollenwerk, während Sofia etwas schüchtern zu ihr aufblickt. „Die meisten zumindest, nur dass sie nicht mit einer Zahnbürste geputzt werden. Die Fische haben ja den ganzen Tag sauberes Wasser im Mund.“ Welche Rolle das Wasser bei der Zahnpflege spielt, wird Sofia später noch von Zahnarzt Dr. Urs Niclas Jarkowski erfahren. Wie für viele Kinder in ihrem Alter ist dies Sofias erster Zahnarztbesuch. Seit Kurzem ist sie im Kindergarten und hat dort schon einmal Besuch von einer Zahnärztin bekommen. „Das ist für Kinder aber nicht dasselbe wie jetzt auf einem echten Zahnarztstuhl zu sitzen“, sagt Dr. Jarkowski. Er weiß, wovon er spricht, denn er ist ebenso wie sein Kompagnon selbst Familienvater. „Zähne sind eine spannende Sache für Kinder sowie Eltern.“ So manches Elternteil denkt mit gemischten Gefühlen ans tägliche Ritual im Badezimmer, bei dem oft genug Überredungskunst gefragt ist – auch zu Hause beim Zahnarzt, wie dieser zwinkernd zugibt. Die positive, spielerische Herangehensweise liegt ihm für Kleinkinder als Patienten sehr am Herzen. „Nur so kann man erreichen, dass Zahnpflege und Zahnarztbesuche keine Unlust oder gar Angst auslösen.“ Überhaupt kämen die Ängste von Kindern meist von den Eltern. „Ein Kind, dass keine eigenes traumatisches Erlebnis beim Zahnarzt hatte, hat auch von sich aus normalerweise keine Angst.“

Spaß mit dem Zahn-Krokodil
Ab dem ersten Zahn zum Zahnarzt – so lautet die offizielle Empfehlung der Zahnärztekammer. Aber wer macht das schon? Sinnvoll ist es jedenfalls, denn „so können Kinder früh Vertrauen aufbauen und entwickeln weniger bis keine Angst, wenn einmal wirklich behandelt werden muss“, sagt der Zahnarzt. Außerdem gibt es hilfreiche Tipps für die Eltern: Fluorid aus Sicht der Zahnärzte besser über die Zahnpasta verabreichen und nicht in Tablettenform, erste Milchzähne mit einem Wattestäbchen und Wasser reinigen und vieles mehr. Wie überall ist es gut, einen Profi zu Rate zu ziehen. Spaß macht es obendrein: Sofia darf das knatschgrüne Praxis-Plastik-Krokodil mit einem echten Zahnspiegel untersuchen, Zahnarztstuhl und -tisch lassen sich auf magische Weise bewegen, der Speichelsauger wird zum Elefantenrüssel und saugt ein ganzes Glas in Sekundenschnelle leer. Kommen Eltern und Kinder allerdings erst, wenn es ein Problem gibt, entfällt diese spielerische Vorsorge-Phase. Trotzdem setzen die Zahnärzte auch dann alles daran, die Situation für kleine Patienten angenehm und weitgehend schmerzfrei zu gestalten. Vielen ist nicht bewusst, dass Milchzähne auch Nerven haben und genauso empfindlich sind wie die bleibenden. Außerdem haben sie eine dünnere Zahnschmelz-Schicht. Daher sollte man Pflege und Vorsorge ernst nehmen. Die zwei großen frühkindliche Untersuchungen bis zum sechsten Lebensjahr sollten Pflicht sein, halbjährliche Kontrollen wären die Kür. Ab dem sechsten Lebensjahr beginnt die Kinder- und Jugendprophylaxe mindestens einmal im Jahr. Dabei können zum Beispiel auch empfindliche Backenzähne versiegelt werden; das zahlen auch die gesetzlichen Krankenkassen. „Bei uns sollen Kinder zu diesen Terminen ihre eigene Zahnbürste mitbringen", sagt Dr. Jarkowski. „So kann die Prophylaxemitarbeiterin den Kindern die richtige Putztechnik mit der eigenen Zahnbürste zeigen."    

Mit Schweinenase und Zauberstab
So eignet sich zum Beispiel die moderne Form der Lachgas-Behandlung über eine kleine Nasenmaske auch für Kinder. Ziel ist die leichte Sedierung bei erhaltenem Bewusstsein. Das Kind legt sich dazu auf den Behandlungsstuhl, lässt sich die Nasenmaske (die von kleinen Patienten auch gerne mal „Schweinenase“ genannt wird) aufsetzen und atmet darüber. So mitzumachen, schaffen Kinder ab etwa vier Jahren. Hinzu kommen die lokale Betäubung sowie die üblichen psychologischen verhaltensführenden Maßnahmen wie Erklären, Ablenken, hypnotische Sprachmuster und anderes. Es gibt Zahnärzte mit Fortbildungen in Hypnose oder Ohrakupunktur – alles Möglichkeiten zur Behandlung ängstlicher Patienten. Gerade Ohrakupunktur kann nicht nur entspannen, sondern auch den bei vielen Menschen auftretenden Würgereiz mindern. „Wobei sich diese Methode eher nicht für ganz kleine Patienten eignet, der Nadeln wegen“, sagt Dr. Jarkowski. Bei denen funktionieren meist ablenkende Elemente aus der Hypnose oder gar der Zauberei. Mit kleinen Tricks kann man Kinder wunderbar auch im Behandlungsstuhl beruhigen oder ablenken. Die bringen die Kleinen zum Staunen und bündeln ihre ganze Aufmerksamkeit. Zaubern ermöglicht Konzentration und Entspannung zugleich – ein wunderbares Medium, um unruhige Kinder zur Ruhe kommen zu lassen und ängstli­che, kleine Patienten zu lockern. Es gibt sogar spezielle Fortbildungen zu therapeutischen Zauberkunststücken begleitend zur Zahnbehandlung.

Wenn‘s wackelt
Die meisten Kinder kommen allerspätestens im Zahnwechsel-Alter von sechs Jahren zum Zahnarzt, wenn die Milchzähne wackeln. Manchmal gibt es dabei aber auch Überraschungen: Es kann nämlich sein, dass ein Milchzahn nicht ausfällt, da gar kein bleibender Zahn angelegt ist. Erkennen kann dies der Zahnarzt auf dem Röntgenbild. Auch deswegen ist es wichtig, die halbjährlichen Kontrollen wahrzunehmen. Bis Sofias erste Zähne wackeln, wird es noch etwas dauern. Damit sie so lange auch gesund und kräftig bleiben, stellt Dr. Jarkowski ihr das Kai-System zum Putzen vor: „Kaufläche, Außenfläche, Innenfläche – so putzt du am besten. Zunge nicht vergessen, denn hier sammelt sich so mancher Schmutz.“ Und warum Wasser dabei so wichtig ist, erfährt Sofia auch noch: Vor dem Zähneputzen sollte man eigentlich etwa eine halbe Stunde lang nicht essen, zumindest nichts Saures oder Süßes. Denn das greift den Zahnschmelz an, der dann durch die Zahnbürste regelrecht abgeschmirgelt werden kann. Unter Umständen putzt man sich auf Dauer so den wertvollen Zahnschmelz selbst weg. Dagegen hilft: Mundspülen mit Wasser vor jedem Putzen, denn das neutralisiert! Sofia grinst. „So wie die Fische die Zähne putzen!“ Sie hat viel bei ihrem ersten Besuch beim Zahnarzt gelernt und beendet diesen stolz mit einem kleinen, glitzernden Geschenk aus der Schatzkiste. 

MIH
Ein Problem, das in Deutschland mittlerweile jedes zehnte Kind betrifft und gerade auch bei Milchzähnen auftritt, heißt MIH – das steht für Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation. Dabei sind meist die großen Backenzähne (Molare) betroffen. Die bräunlichen, manchmal auch weißlichen Flecken sind zwar keine Karies, machen die Zähne aber anfälliger für selbige. Ganz aktuell legen Versuche mit Ratten einen Zusammenhang zwischen Plastik mit Bisphenol A (BPA) und dem Enstehen des Zahnschmelzdefektes nahe. Zur Therapie empfehlen Zahnärzte gründliche Zahnpflege, engmaschige Kontrollen, Intensivprophylaxe sowie regelmäßiges Fluoridieren der Zähne.

Webtipp
Über die Webseite des Bundesverbands der Kinderzahnärzte können Eltern eine entsprechende Praxis finden, die eine Zusatzqualifikation für die Behandlung von Kindern aufweist. Das dortige Praxisteam legt besonderen Wert auf Vorsorgeangebote wie die Zahnputzschule oder eine Ernährungsberatung.
www.kinderzahnaerzte.de

Tags: milchzähne , zahnarzt , zahnpflege

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