Gesunde Zähne

Das kitzelt nur!

Nadine Lente · 18.11.2019

Damit Kinder dem Zahnarztbesuch ohne Angst entgegensehen, sind auch die Eltern gefragt – im Interview gibt die Zahnärztin Drs. Johanna Kant vom Bundesverband der Kinderzahnärzte Tipps, wie das Kind vor und während des Termins angstfrei mitmacht.

Libelle: Wie bereite ich mein Kind auf den Zahnarztbesuch vor?
Drs. Johanna Kant: Wenn der erste Besuch vor dem ersten Geburtstag liegt, bedarf es keiner besonderen Vorbereitung. Für ältere Kinder geben wir gerne folgende Tipps: Kinder sollten wissen, dass sie einen Mund und Zähne darin haben und dass es ganz normal ist, sich mit diesem Bereich zu beschäftigen. Lachen, lächeln, sprechen, die Lippen zusammenpressen, singen, pfeifen, küssen, essen – mit dem Mund kann man viel machen! Wecken Sie die Neugierde Ihres Kindes auf das Erlebnis „Zahnarztbesuch“: In vielen Praxen dürfen die Kinder selbst Zahnarzt spielen. Gestalten Sie den Tag frei von Belastungen. Sorgen Sie dafür, dass Sie und Ihr Kind ausgeruht sind. Vermeiden Sie Formulierungen wie „Du brauchst keine Angst zu haben, es tut bestimmt nicht weh.“ Falls Ihr Kind fragt, ob es wehtut, ist es geschickter zu antworten, dass die meisten Kinder sagen, es würde kitzeln. Versprechen Sie bitte keine Belohnungsgeschenke! Gerade Dinge, die sich Ihr Kind möglicherweise sehr wünscht, setzen es bei der Behandlung zu stark unter Druck. Je weniger Aufhebens Sie machen, desto besser.

Libelle: Was machen Kinderzahnärzte anders, kann ich auch zu meinem vertrauten Zahnarzt gehen?
Drs. Johanna Kant: Selbstverständlich können Eltern mit ihren Kindern auch zum vertrauten Zahnarzt gehen. Alle Zahnärzte können Kinder behandeln. Kinderzahnärztliche Teams sind speziell dafür ausgebildet, mit Kindern und ihren Ängsten umzugehen. Kinderzahnärzte behandeln vorwiegend kleine Kinder, aber auch ältere und Jugendliche, die extrem ängstlich sind oder Zahnprobleme haben, die eine aufwendige Therapie erfordern.

Libelle: Wie gehen Zahnärzte bei Kindern mit dem Thema Angst um?
Drs. Johanna Kant: Um den Besuch so angenehm wie möglich zu gestalten, sind die Praxen kindgerecht eingerichtet. Ansprache, Umgang und die zahnmedizinische Versorgung sind auf die speziellen Bedürfnisse von Kindern ausgelegt. Eine Kinderzahnarztpraxis konzentriert sich auf die Prophylaxe, denn vorbeugen ist besser als heilen. Durch regelmäßige Besuche macht Ihr Kind positive Erfahrungen. Sollte trotzdem eine Behandlung notwendig werden, dienen diese Erfahrungen als Schutzimpfung gegen die Angst. Während der Behandlung werden Kinder spielerisch angeleitet und in kindgerechter Sprache an die verschiedenen Prophylaxemaßnahmen, Behandlungsmethoden und -geräte herangeführt: Beruhigende Geschichten, positive Begriffe wie „Zauberluft“ für Lachgas, „Schlafsaft für den Zahn“ (Lokalanästhesie), Hypnose oder ein Kinderfilm entspannen. So wird die Grundlage für zukünftige, angstfreie Zahnarztbesuche geschaffen.

Libelle: Viele Erwachsene und auch Kinder haben Angst vorm Zahnarzt – warum?
Drs. Johanna Kant: Leider werden Kinder oft zu spät beim Zahnarzt vorgestellt – nämlich erst dann, wenn bereits Zahnschäden aufgetreten sind, die Schmerzen verursachen. Dann ist die Behandlung für manche Kinder eine große Anstrengung, sie können überfordert sein. Das kann zu Angst vor der nächsten Behandlung führen, bei jedem weiteren Termin wird die Hürde größer. Als Erwachsene neigen sie dann dazu, den Zahnarztbesuch immer weiter hinauszuzögern, auch den ihrer eigenen Kinder.

Libelle: Vollnarkose während der Zahnbehandlung bei Kindern – wie gefährlich ist das?
Drs. Johanna Kant: Wenn der Befund sehr groß ist und das Kind mit der Behandlung sicher überfordert sein wird, kann eine Behandlung unter Vollnarkose nötig sein. So können wir auch sehr kaputte Milchzähne erhalten und späteren Zahnspangenbehandlungen vorbeugen. In der heutigen Zeit sind die Rahmenbedingungen sehr sicher. Kinderzahnärzte arbeiten mit auf Kinder spezialisierten Narkoseärzten zusammen. Allerdings: Kleinere Behandlungen müssen nicht unter Vollnarkose gemacht werden! Wir achten sehr darauf, dass nur dann, wenn nötig, dieser Weg beschritten wird.

Das Gespräch führte Nadine Lente.

Zur Person
Drs.* Johanna Kant (53) ist Vorsitzende des Bundesverbandes der Kinderzahnärzte. Sie studierte in den Niederlanden und ist seit 1986 Zahnärztin. Sie arbeitet als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ), Trainerin für Kinderhypnose der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose (DGZH) und Referentin im Bereich Kinderzahnheilkunde und Prophylaxe. Kant hat drei Töchter, 19, 22 und 24 Jahre alt.
*Drs. ist die Abkürzung für den niederländischen Studiengrad „Doktorandus“

Tags: karies , milchzähne , zahnarzt

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