Stadtgeschehen

Kunst unter der Haut: „Tattoo ist Gegenkultur“

Tina Lorscheidt · 28.05.2018

© Andreas Endermann

© Andreas Endermann

Tattoos sind für Fabrice Taieb der Ausdruck von Kreativität und ein Gegenstück zur etablierten bürgerlichen Kultur. Er vereint in seinem stylischen Laden 1900 in Oberbilk Tattooing und Kunst-Galerie unter einem Dach. Tina Lorscheidt hat ihn für die Libelle besucht.

Wie kam es dazu, dass du Tätowierer wurdest?

Ich komme aus der Punkrock-Szene, aus der alternativen Szene, die sich vor 30 Jahren noch im Untergrund abspielte. Tattoos und diese Szene – das passte für mich zusammen. Mein erstes Tattoo habe ich mir 1984 stechen lassen. Ich habe immer gern gezeichnet und gesprüht, und irgendwann wollte ich konsequent sein und daraus in meinem Leben etwas machen. Die Punkrock-Szene wurde immer mehr Mainstream, das hat mich genervt. 1994 habe ich als Tätowierer angefangen, denn damals dachte ich, das könnte mit der Tattoo-Szene niemals passieren, und ich wollte immer meine Ruhe haben und außerhalb des Mainstreams bleiben. Das war eine falsche Einschätzung, denn heute sind Tattoos total Mainstream.

Was ist für dich das Besondere an deinem Beruf?

Als Tätowierer habe ich einen direkten Kontakt zu meinen Kunden. Du kannst es Kunst nennen, aber hier ist niemand dazwischen, wie bei einer Galerie oder einem Museum. Tattoos sind kein Produkt, sondern ein Austausch zwischen zwei Menschen, die sich die Frage stellen: Was kannst du für mich machen, und was kann ich für dich tun?

Siehst du dich als Künstler?

Tattoos sind Ausdruck von Kreativität. Aber wenn man sieht, was die Menschen heute als Kunst bezeichnen, möchte ich mich selbst lieber nicht Künstler nennen. Kunst ist schon lange nicht mehr das, was sie sein sollte. Kunst ist für viele, vor allem reiche Leute, in erster Linie eine Geldanlage. Für mich ist Tattoo mehr als Kunst. Im Tattoo ist alles drin – Therapie, Psychologie, Körperhygiene – darüber könnten wir stundenlang reden.

Welche Funktion hat ein Tattoo heute?

Man kann Tattoos nicht in eine Schublade stecken. Mit Tattoos haben frühere Kulturen sich einer Gruppe zugeordnet, und auch heute markieren Tattoos Gruppen von Menschen und schaffen so eine Verbindung, zum Beispiel weil sie eine bestimmte Musikrichtung lieben oder einen bestimmten Tattoo-Style. Man kann sich natürlich auch die Namen seiner Kinder tätowieren lassen, das ist dann eine Art von Verbindung innerhalb einer Familie.

Seit Ende der 90er-Jahre ist das Tattoo in der Gesellschaft angekommen, es zieht sich durch alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Wie findest du das?

Für uns Tätowierer ergeben sich dadurch viel mehr Möglichkeiten als früher. Gleichzeitig geht aber der Ursprung der Tätowierung, der Inhalt verloren – wie immer, wenn aus einer Untergrund-Bewegung Mainstream wird. Viele machen das nicht aus Begeisterung oder Liebe zur Kultur der Tattoos, sondern weil es Zeitgeist ist, das finde ich nicht gut. Tattoos sind Volkskunst, Kunst für die kleinen Leute, deshalb hat Tattoo nichts mit der Kunstakademie zu tun. Tattoo ist counter culture, Gegenkultur. Die Medien und die Gesellschaft haben das Tattoo kommerzialisiert. Tattoo ist nicht mehr gefährlich, nicht mehr provokativ. Es ist einfach nur da, ok, gefressen vom System. Thema gegessen. So funktioniert die Gesellschaft.

Kommen deine Kunden mit Vorlagen zu dir, haben sie klare Vorstellungen von ihren Tattoos?

Ich nehme keine Vorlagen. Wer ein Tattoo möchte, wird von mir erstmal beraten. Wir reden darüber, was er sich so vorstellt. Manche bringen einen Text mit und fragen, was ich daraus machen kann. Dann kann ich kreativ werden, mich inspirieren lassen. Wer aber zu mir kommt und gar keine Vorstellung hat, der hat hier nichts zu suchen. Ich brauche ein Minimum an Input. Ich muss wissen: Wer bist du? Was bist du? Was willst du mit deinem Tattoo? Da reichen manchmal schon wenige Worte. Aber wenn das Projekt Tattoo noch nicht ausgereift ist, schicke ich die Leute wieder nach Hause. Oder wir reden miteinander, und irgendwann kommt ein Projekt dabei heraus. Wie immer, wenn man mit Menschen arbeitet, läuft das nicht immer nur geradeaus und glatt. Ich möchte nicht einfach nur Vorlagen auf Menschen kopieren. Wenn ich das täte, könnte ich einen kommerziellen Shop eröffnen, in den jeder reinkommt – und zack wird gestochen, was er möchte. Das ist Fließbandarbeit, das interessiert mich nicht.

Wie kommen die Kunden auf dich?

Meine Kunden kommen zu 90 Prozent auf persönliche Empfehlung, durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Manche finden mich durch ihre Suche im Internet, aber das sind nur wenige. Viele meiner Kunden sind Stammkunden, und die schicken mir wieder neue Leute, die wiederum Stammkunden werden. Solange das so läuft, bin ich glücklich.

Hast du einen bestimmten Tattoo-Style?

Meine große Liebe gehört dem asiatischen Tattoo-Style, gesehen durch amerikanische Westküstenaugen. Das ist ein besonders kraftvoller Style, auf den ich immer wieder zurückkomme. Man könnte ihn West-Coast-Japanese-Style nennen. Zwischen 2002 und 2012 war ich immer einmal im Jahr in San Francisco, für mich das Mekka, was diesen Style angeht. Dort habe ich dann ein paar Wochen als Gast-Tätowierer gearbeitet, das war für mich ein Real Deal. Heute fliege ich nicht mehr in die USA - aus politischen Gründen.

Hast du mehr männliche oder mehr weibliche Kunden?

Das ist etwa 50/50. Aber ich arbeite lieber mit Frauen als mit Männern, weil sie flexibler im Kopf sind und weil sie offener sind für neue und andere Ideen.

Wählen Männer und Frauen sehr unterschiedliche Motive?

Nein, da gibt es heute keine großen Unterschiede mehr. Eine schöne Blume kann ich auch bei einem Mann tätowieren, und Frauen können Totenköpfe tragen. Das hat sich im Rahmen des Genderings aufgelöst. Das Tattoo muss zu dem jeweiligen Menschen passen.

Gibt es auch Tattoos, die du nicht stechen würdest?

Wenn die Vorstellung des Kunden meine ethischen Grenzen überschreitet, mache ich das nicht. Ich würde niemals jemanden auf dem Hals tätowieren, wenn er sonst kein Tattoo am Körper trägt. Was soll das? Oder wenn ein 18-Jähriger vor mir steht und ein Tattoo am Hals möchte – no way. Politische Sachen mache ich sowieso nicht. Ich steche auch keine Namen von Partnern. Denn ich weiß, dass 90 Prozent dieser Leute drei Wochen später getrennt sind. Die wollen das Tattoo dann vielleicht als so eine Art Absicherung – aber das mache ich nicht, das entspricht nicht meiner Ethik.

Hast du Kunden, denen man es niemals zutrauen würde, dass sie ein Tattoo tragen?

Bei den meisten meiner Kunden würdest du niemals glauben, dass sie tätowiert sind, dabei sind viele extrem stark tätowiert, denn ich mache nur große Sachen. Man kann zwar auch mal ein kleines Tattoo stechen, wenn das Motiv selber und das Drumherum spannend sind. Aber das ist meistens nicht der Fall. Wenn Leute kommen und einen kleinen Stern oder ähnliches tätowiert haben wollen, dann hat das für mich nichts mit Tattoo zu tun, das hat keinen Inhalt, damit kann ich mich nicht den ganzen Tag beschäftigen. Ich bin jetzt 52 Jahre alt, ich habe nun mehr Zeit hinter mir als vor mir. Und ich möchte diese Zeit so nutzen, dass sie mich reich macht – nicht reich an Geld. Sondern ich will so leben, wie ich will, das ist meine Freiheit, meine persönliche Challenge.

1900 auf der Ellerstraße in Düsseldorf Oberbilk

Tags: 1900 , Fabrice Taleb , Kunst , Tattoo

Kategorien: Kultur , Stadtgeschehen