Schwangerschaft

Zu früh ins Leben

Isabella Lacourtiade · 25.11.2019

Fast jedes zehnte Baby ist ein Frühchen. Jährlich kommen in Deutschland etwa 65.000 Kinder vor Termin zur Welt. Die betroffenen Familien müssen meist komplett unvorbereitet mit der schwierigen neuen Situation klarkommen.  

Als zu früh geboren gelten alle Babys, die sich vor der beendeten 37. Schwangerschaftswoche auf den Weg machen oder geholt werden müssen. Je näher am Geburtstermin, desto seltener treten gesundheitliche Probleme und Anpassungsschwierigkeiten auf. Dank des medizinischen Fortschritts der letzten Jahrzehnte können Ärzte und Pflegepersonal mittlerweile auch vielen sehr frühen und leichten Kindern helfen. Ein Großteil von ihnen holt die Entwicklungsdefizite im Laufe der Zeit vollständig auf. Aber der Start ist für die Eltern und Familien oft ein langer, schwieriger Weg. Statt zu kuscheln und das erste Kennenlernen unbeschwert zu genießen, heißt es für sie Hygienevorschriften beachten, Kabelgewirr, Maschinen und blinkende Monitore. Bei Extremfrühchen führen die unreifen Organe oftmals zu Problemen, besonders entscheidend ist die Frage nach der Lungenentwicklung.  Meist treten vorzeitige Wehen oder ein Fruchtwasserabgang ohne Vorzeichen auf. Vor allem bei einer drohenden Frühgeburt vor der 30. Schwangerschaftwoche sollten Eltern auf eine Entbindung in einer Geburtsklinik mit einem sogenannten Perinatalzentrum Level 1 bestehen. Diese neonatologischen Stationen verfügen über eine spezielle Ausstattung und entsprechendes Personal für die routinierte Versorgung von Frühchen. Denn hier gilt: Erfahrung und hohe Fallzahlen sorgen auch bei sehr kleinen Babys für die besten Behandlungserfolge. Gerade wenn die Schwangerschaft abrupt endet, fühlen sich die Mütter oft um die entgangene Babybauchzeit und die nicht erlebte natürliche Geburt betrogen. Viele kämpfen dazu mit Schuldgefühlen und haben Berührungsängste gegenüber dem viel zu kleinen, zerbrechlichen Baby und fühlen sich unheimlich hilflos in dieser Extremsituation. „Viele unserer kleinen Patienten sind mehrere Monate hier. Während des Aufenthaltes der Kinder unterstützen wir den Aufbau einer guten Mutter-Kind-Beziehung und begleiten die Eltern in dieser schwierigen Zeit“, erklärt die pflegerische Abteilungsleiterin der Neugeborenstation an der Kaiserswerther Diakonie Barbara Schmitt. Gerade die Eltern sind für ein Frühgeborenes ganz besonders wichtig, auch wenn augenscheinlich nur Ärzte, Schwestern oder gar Maschinen dem Baby helfen können. Mamas und Papas Stimme kennt das Kind noch aus dem Bauch, der vertraute Klang gibt ihm Sicherheit. Experten raten, die Zeit am Inkubator mit Vorlesen, Singen oder Erzählen zu füllen. Sobald es möglich ist, dürfen die Eltern ihrem Winzling beim sogenannten „Känguruhen“ Körperkontakt, Nähe und Geborgenheit geben. Dabei liegt das Kind für mehrere Stunden Haut an Haut auf Mamas oder Papas Brust. Känguruhen fördert die Bindung und führt nachweislich dazu, dass die Frühchen ruhiger schlafen, stabiler atmen und weniger Stress verspüren.

Erfahrungsaustausch und Nachsorge
Selbsthilfegruppen und Elternberatungen an den Geburtskliniken sind gute Anlaufstellen bei allen typischen Sorgen und Fragen, mit denen Frühchen-Eltern konfrontiert werden. Werdende Eltern, die durch eine drohende Frühgeburt bereits im Vorfeld an einer Klinik betreut werden, können vorab oftmals die neonatologische Intensivstation besuchen. Die Gespräche vor Ort können helfen, Ängste abzubauen. Wenn es nach der langen Krankenhauszeit endlich nach Hause geht, sind viele Kinder an ein Nachsorgeprogramm oder ein Sozialpädiatrisches Zentrum angebunden, wo regelmäßig ein interdisziplinäres Ärzte- und Therapeutenteam die ehemaligen Frühchen auf körperliche, neurologische, geistige oder seelische Entwicklungsauffälligkeiten untersucht und die Familien lange Jahrebegleitet. Um die Familien in der ersten Zeit zu Hause optimal zu unterstützen, bietet die Neonatologie an der Uniklinik verschiedene Nachsorgeangebote für Frühchen an, die sehr positiv aufgenommen werden. Schwester Margit von der Station KK05 betreut das Programm und erklärt: „Viele Eltern sind nervös, wenn sie mit ihrem Kind das Krankenhaus verlassen und ein neues Familienleben beginnen. Mit unserem Programm wollen wir die Eltern, die dies wünschen, unterstützen und ihnen Impulse, Ideen und Anleitungen zur Entwicklung ihrer Babys anbieten.“ Bei den sechs Einheiten des ambunlaten Frühstart-Kurses erlernen Eltern spezielle Übungen zur Förderung der sensorischen Integration und motorischen Entwicklung des Kindes und werden bei der Babymassage angeleitet. Auch medizinische, pflegerische und psychologische Themen werden im Rahmen von Elterngesprächen besprochen, ebenso persönliche Fragen und Unsicherheiten. Am Lukaskrankenhaus in Neuss steht die Elternschule „Menschen’s Kinder“ betroffenen Eltern schon seit mehr als zwölf Jahren zur Seite. Von der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr des Kindes erhalten Familien hier kompetente Beratung, Betreuung und Begleitung. Die Elternschule ergänzt somit die medizinische und pflegerische Seite um eine soziale, persönliche Fürsorge. „Wir stehen den betroffenen Eltern individuell vor- und nachgeburtlich zur Seite bis zur Entlassung. Direkt vor Ort am Inkubator können wir Krisenmanagement anbieten und geben emotionale Erste Hilfe“, erklärt Alexandra van Megen, Sozialtherapeutin, ehemalige Krankenschwester und Leiterin der Elternschule. Jeden letzten Mittwoch im Monat kommen ehemalige Frühgeborene und ihre Familie im Fronberghaus der Kaiserswerther Diakonie zum Frühchentreffen zusammen. Im Düsseldorfer Süden können sich betroffene Eltern an das Angercafé in Unterbach wenden, wo sie die Familiengesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Susanne Bunka auf Wunsch berät und unterstützt.

Frühstart-App
Mit dieser professionellen App lassen sich einfach und sicher alle wichtigen Entwicklungsschritte und Gesundheitsdaten des Kindes festhalten. Bei Bedarf können die Daten mit der Familie, Ärzten, Pflegekräften oder Stillberaterinnen geteilt werden. Datensicherheit wird hier besonders groß geschrieben. Sämtliche Informationen sind nicht nur lokal auf dem Handy, sondern auf einem speziellen Server gesichert. Besonders praktisch: Die App gibt automatisch das korrigierte Alter des Kindes an. Neben Tagebuch- und Protokollfunktionen erinnert die App auch an die Medikamentengabe und führt Check- und Fragelisten, zum Beispiel für den nächsten Arztbesuch.
Gratis-App für iOs und Android

Zum Vorlesen
In den vielen Stunden und Tagen am Inkubator, in denen die Eltern nicht viel mehr tun können als für ihren Winzling da zu sein, ist Vorlesen eine wunderbare Routine, die den Kinder hilft und den Eltern ein bisschen Kraft und Zuversicht gibt. Die kleinen Helden wie der Schneckenkönig Paul I. aus dem Buch "Eine Stimme für Frühchen" zeigen, dass die Kleinsten manchmal die Allergrößten sind. Zusammen mit den Erfahrungsberichten von Frühstarter-Familien und den einfühlsam gezeichneten Bildern macht das Vorlesebuch betroffenen Eltern Mut und begleitet sie auf dem langen Weg.
Eine Stimme für Frühchen: Vorlesegeschichten am Inkubator, Julia Schierhold-Urlichs von Tanja Sehrndt, GrünerSinn-Verlag 2017, ISBN: 978-3946625070, EUR 24,95

Zum Nachlesen
Dieses Ratgeberbuch möchte Frühchen-Eltern informieren und dabei unterstützen, die Besonderheiten ihres Kindes zu verstehen und Behandlungsmaßnahmen einzuschätzen. Während der sehr intensiven Krankenhauszeit hilft das Buch des erfahrenen Neonatologen Prof. Dr. Gerhard Jorch, Direktor der Universitätskinderklinik Magdeburg, das Geschehen auf einer Frühgeborenenstation richtig einzuordnen. Mit welchen Problemen haben Frühchen zu kämpfen? Welche Maßnahmen können helfen? Eltern erfahren, wie sie mit Ärzten und Pflegern auf Augenhöhe über Symptome und Befunde sprechen können und was ihrem Kind hilft.
Frühgeburt - Rat und Hilfe für die ersten Lebensmonate, Gerhard Jorch, Urania 2016, ISBN: 978-3-451-66030-6, EUR 16,99

Für Geschwisterkinder
Kindergartenkind Amelie erzählt in der Hallo Frühchen-App die Geschichte von ihrem kleinen Bruder, der früher als geplant zur Welt kommt. Ihr Stofftiger Tassilo begleitet sie durch diese turbulente Zeit. Auf kindgerechte Weise erfahren Kinder im Vorschulalter mit dieser wertvollen App anschaulich sowie erzählerisch alles über das Thema Frühgeburt. Geschwisterkinder, aber auch ehemals zu früh geborene Kinder selbst, entwickeln so ein Verständnis für die besondere Anfangssituation im Krankenhaus. Im Aktionsbereich findet man Anleitungen für kreative Bastelideen für das neue Geschwisterchen. Und das virtuelle Fotoalbum dokumentiert die Anfangszeit, so entsteht ein schönes Erinnerungsstück für die gesamte Familie.
Gratis-App für iOs und Android


Viele weiterführende Informationen und gute Adressen finden Eltern auch beim Bundesverband „Das frühgeborene Kind“.
www.fruehgeborene.de

Tags: Baby , Frühchen , Frühgeburt , Krankenhaus , Schwangerschaft

Kategorien: Schwangerschaft