Kultur

Schluss mit Patina, wo ist der Pinsel?

Petra Baten · 13.11.2017

© Wilfried Meyer

© Wilfried Meyer

Museen haben sich gemausert. Tolle museumspädagogische Angebote machen den Besuch für Kinder unterhaltsam wie eine Party.

Dank umfangreicher museumspädagogischer Angebote können wir zwischen Beuys und Achenbach nicht nur schauen und staunen, sondern entdecken, erleben und sogar selbst zur Farbe greifen. Ein Streifzug durch die Museumslandschaft vor Ort.

„Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?“ … Bei Robert Lembke hätte man mit diesem Beruf die Sau sicher ordentlich voll bekommen und auch bei Scrabble ließen sich damit satte Punkte abstauben. Denn der Beruf des Museumspädagogen ist zwar nicht neu, steckt aber insofern in den Kinderschuhen, als die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist und es noch keinen Studiengang gibt, den man als Museumspädagoge abschließt. Der Weg dorthin führt über ein Studium der Kunst, Kunstgeschichte oder des Kulturmanagements und den Umweg von Weiterqualifizierungen. Heraus kommt ein Allrounder, der auf verschiedenen Ebenen Pionierarbeit leistet: Er managt, organisiert und interagiert zwischen Ausstellungen, Exponaten, Institutionen und Menschen. „Museen haben seit jeher fünf Aufgaben: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln“, erläutert Museumspädagogin Olivia Ebers. „Und das Vermitteln ist genau meine Aufgabe.“ Dazu gehört die Überlegung, wie man eine Ausstellung so präsentiert, dass sie den Betrachter optimal anspricht. „Das beginnt bereits mit der Frage nach der Hängung der Bilder, dem Inhalt und Umfang der Beschriftung, der Überlegung, ob Audioguides angeboten oder Filme aufgestellt werden.“

Für alle was dabei
Wer denkt, Museumspädagogik verstehe sich primär darauf, Kinder möglichst umfassend in 60 Minuten im uniformen Gänsemarsch durch eine Ausstellung zu schleusen, liegt falsch. „Viele denken, Museumspädagogik beschäftige sich in erster Linie mit Kindern. Das trifft aber gar nicht zu“, räumt Ebers mit einem gängigen Vorurteil auf. Die heute irrige Annahme stammt aus der Zeit der reformpädagogischen Einflüsse von Alfred Lichtwark, dem ehemaligen Leiter der Hamburger Kunsthalle. Er trat für eine verstärkte Besucherorientierung ein und wollte vor allem Kinder und Schulgruppen mit Kunst in Berührung bringen. „Im Beruf habe ich mit der Erwachsenenbildung angefangen“, erinnert sich Ebers. „Und das klassische Museumspublikum, das sind auch die Erwachsenen. Wenn man mal absieht von Museen wie dem Explorado oder Schokoladenmuseum, die primär Kinder ansprechen.“ Kinder als alleinige Zielgruppe für die Vermittlung musealer Bildungsinhalte, das wäre für Museen wie den Kunstpalast oder die Kunstsammlung fatal. Schließlich läuft’s auch mit dem Museum nur, wenn die Besucherzahlen stimmen. Jeder muss ins Boot geholt werden, alle Mann an Bord! Und so wird ein umfassendes Repertoire musealer Schmankerl aufgefahren; ob Forschungsprojekt, Workshop, Kunstabend oder Thementag, für eingefleischte Kulturfans ebenso wie für neugierige Erstbesucher aller Altersstufen. Eine Museumspädagogik, die keine Besuchergruppe vergisst, ist heute ein gutes Instrument der Qualitätssicherung geworden.

Gähnen war gestern
Und ein Zeichen von Qualität ist es, wenn ein Kind seinen Eltern freudig den Gutschein für den nächsten Museumsbesuch unter die Nase hält, den es beim Ausflug erhalten hat. Wiederholung beiderseits erwünscht, Projekt erfolgreich. Eines dieser beliebten Projekte mit Wunsch nach Wiederholung ist beispielsweise der „mobile Museumskoffer“ der Stiftung Museum Kunstpalast, der für Kindergruppen im Kita- oder Grundschulalter konzipiert ist. „Das Angebot besteht aus zwei Terminen“, erläutert Birgit van de Water, Leiterin der Abteilung kulturelle Bildung im Museum Kunstpalast. „Wobei der zweite Termin auch separat buchbar ist.“ Beim ersten Termin bekommen Kinder in ihrem Kindergarten einen Koffer in die Finger, der alles enthält, was sie in einem Museum finden können: Aus klapp- und aufstellbaren Architekturelementen bauen sie sich ihr Mini-Museum, hängen magnetische, kleine Kunstwerke an die Wände, ergänzen eigene Bilder maßstabsgetreu und stellen nachgebildete Plastiken auf. „Sie erfahren daran, dass Kunst nicht nur flach ist“, erklärt van de Water. Auch modellierte, kleine Figuren als Wachpersonal und Besucher dürfen nicht fehlen. Schließlich ist das Museum komplett und die Kinder überlegen gemeinsam, was die Besucher dort wohl machen können und was sie selbst sich dort anschauen möchten. Damit ist der Link zum Vor-Ort-Termin gesetzt, bei dem die Kinder im Ehrenhof auf die Suche nach der originalen, großen Variante der kleinen Kunstwerke gehen, sich kleine Geschichten zu den Werken anhören oder selbst ihr Lieblingsbild nachmalen.

Sinnliche Erfahrungen
Szenenwechsel: Das sogenannte Kleine Studio des K21 im Ständehaus ist eben das nicht: klein. Der beeindruckend große, helle Raum verdankt seinen Namen seiner Bestimmung. Denn es ist ein Raum für Kleine gemacht, für Kleine gedacht, und Gedanken gemacht hat das Museumsteam sich bei seiner Konzeption besonders viele. „Bei seiner Gestaltung haben wir uns von verschiedenen Experten für Frühpädagogik beraten lassen. Zentral ist für uns, dass die Selbstbestimmung des Kindes im Mittelpunkt steht“, erläutert Julia Hagenberg, Leiterin der Abteilung Bildung der Stiftung Kunstsammlung. Weiße Holzkisten verschiedener Größe mit schnörkellosen, funktionalen Griffstangen bergen an zwei Seiten des Raumes alles, was sich kreativ verarbeiten lässt: von Farben, Papieren und Klebematerialien bis hin zu Filzfetzen und Luftpolsterfolie. „Die Kinder experimentieren mit den Qualitäten einzelner Materialien. Die Sinnlichkeit des Materials soll für sie erfahrbar werden“, erklärt Julia Hagenberg. „Daher muss alles sorgfältig sortiert und für Kinder gut erkennbar sein.“ Denn die Kinder greifen hier selbst zu: Was ich brauch‘, das nehm‘ ich mir, ist das Prinzip. Deswegen befindet sich das künstlerische Material auf Augenhöhe der Kinder und ist so untergebracht, dass sie sich an den unterschiedlichen Materialien leicht bedienen können. Die riesengroße Arbeitsfläche ist auf einer Höhe, dass die sieben Zwerge ihre wahre Freude daran hätten. Sie lässt sich aber, wenn hier Fortbildungen für Erzieher angeboten werden, flexibel hochkurbeln. Farblich dominiert ein schlichtes Weiß: Tische, Holzkisten und Schränke treten farblich nicht in Konkurrenz zu den in ihnen versteckten Schätzen und den Kunstwerken, die hier erst noch geschaffen werden. „Die Möbel wurden von einer speziellen Schreinerei für das K21 entworfen“, erklärt Julia Hagenberg. „Auch sie sind Teil des pädagogischen Konzepts. Die Oberfläche wurde so gewählt, dass die Holzmaserung zu erkennen bleibt. Denn die Kinder sollen auch hier das Material erkunden können.“

Da war’s gut!
Die linke Hälfte des Raumes dominieren verschiebbare Malwände mit zugehörigen, sogenannten Materialservern, rollbaren Mehretagenregalen mit Vertiefungen für Wasserbecher. Denn kreativ ist man hier nicht nur im Sitzen. Und was rollt, muss sicher vor Verschütten sein. Die Malwände sind nicht passives Mobiliar, sondern aktive Elemente bei der Konstruktion von Räumen, Komfortzonen und Landschaften um Bilder herum. Die Allerkleinsten sitzen hier bei ihren Workshops gemeinsam mit den Eltern zum Anfangs- und Abschlussritual auf dem Boden und machen sich den Raum vertraut. Die etwas Größeren schieben die Wände zusammen, räubern Tücher aus Kisten und schaffen so ihre ganz eigenen Wohlfühllandschaften. „Die Kinder sollen sich den Raum erobern“, erklärt Julia Hagenberg. So haben die jungen Besucher zum Thementag auch schon mal aus Kartons, Packpapier und Klebeband nach und nach ein komplexes, praktisch nur für Kinder bekriechbares Tunnel- und Höhlensystem in dem Raum angelegt. Gern erinnert sich die Museumspädagogen an den Ausspruch eines zweijährigen Workshopteilnehmers. „Der Junge sagte: ‚Ich will wieder in das Haus mit dem Glasdach. Da war’s gut.‘ Kinder nehmen Kunst nicht als Kunst wahr, sondern als Element des Alltags. So wie sie zum Beispiel auch eine Ampel wahrnehmen. Bei uns lernen sie, den Radius ihres Alltags zu erweitern.“

Der große, reife Bruder des Kleinen Studios ist die Medienwerkstatt, die jeden Informatiklehrer vor Neid erblassen ließe. Im zur Hälfte als PC-Raum, zur Hälfte als Fotostudio gestalteten Raum können medial gewandte Kinder und Jugendliche mit der Greenbox experimentieren. Was früher blau war, ist heute grün: Mithilfe der Greenbox werden Aufnahmen vor grünem Hintergrund erstellt, der in der Videobearbeitung herausgefiltert und ersetzt werden kann. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. „Ein Thema können Zukunftsvisionen sein“, nennt Julia Hagenberg ein Beispiel für eine praktische Arbeit. „Die Kinder erstellen Bilder, wie sie sich die Zukunft vorstellen, und bewegen sich in ihrem Videoprodukt selbst durch ihre eigene Zeichnung. Sie erleben so die Manipulierbarkeit von Bildern und lernen Gesehenes kritisch zu hinterfragen.“

Nix wie hin!
Damit die Leute wirklich kommen, setzen die Museen auf offene Angebote für Kinder und Familien – zum unverbindlichen Kennenlernen. Eine Auswahl.
„Ab in die Greenbox“: In der offenen Medienwerkstatt wird das Greenbox-Verfahren erprobt und kreativ umgesetzt. An jedem 2. und 4. Samstag im Monat, ab 10 Jahren, kostenfrei, K21 Ständehaus.
„Mini Mix“: Kunstworkshop für Kinder im Vorschulalter aus aller Welt, der Kunst im globalen Kontext in den Blick nimmt. An jedem 3. Dienstag im Monat, kostenfrei, K20 am Grabbeplatz.
„Good to see you“: Workshopreihe in Kooperation mit der Alfred-Adler-Schule sowie in der Uniklinik für Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht ins Museum kommen können. Wöchentliches Angebot des K21 Ständehaus.
„Linklaters-Thementag“: Großer Aktionstag mit Programm für Familien mit Führungen und kreativen Workshops. Dreimal jährlich, nächster Termin: Sonntag, 19. November, Thema: „Licht ins Dunkel“, kostenfrei, K21 Ständehaus.
„Die Bilderjäger: Kunstklub für Kinder“: Kinder und Jugendliche ab 7 Jahren gehen in der Kunstsammlung auf Entdeckungsreise und setzen ihre Erfahrungen kreativ um. Zweimal monatlich, 30 Euro Jahresbeitrag, abwechselnd im K20 und K21.
„Jugendklub“: Schon seit stolzen zehn Jahren bestehendes Angebot für kunstinteressierte Jugendliche ab 13 Jahren mit besonderem Schwerpunkt auf der künstlerischen Arbeit. 100 Euro Jahresbeitrag, Museum Kunstpalast.
„Kleine Freunde“: Programm für Familien mit Kindern ab 6 Jahren, bestehend aus Führung, Gespräch und praktischer Arbeit. Einmal pro Quartal für die Dauer von drei Stunden, Museum Kunstpalast am Ehrenhof.
„Kunst mit Baby“: Thematisch begleitete, kleine Kunstpause vom Alltag für Eltern mit Baby. Jeden Donnerstag, UHRZEIT? Museum Kunstpalast am Ehrenhof.

Wer, wo, was?
Stiftung Museum Kunstpalast smkp.de
Aus dem Zusammenschluss von Kunstpalast und Kunstmuseum entstanden und als Stiftung fortgeführt, besteht die Sammlung aus mehr als 100.000 Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Exponaten. Zum regulären Eintritt können Familien sich kostenlos einen Stofftaschen-Koffer ausleihen, der kurzweilige, kleine Aufgaben für die Runde durchs Museum enthält.
Kunstsammlung NRW kunstsammlung.de
Kunstsammlung von der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart in drei Häusern: K20 am Grabbeplatz, K21 im Ständehaus und Schmela-Haus. Kinder können sich hier mithilfe kostenloser Ausstellungstagebücher und Audioguides gut unterhalten durch die Exponate führen lassen. Ein für die Besucher kostenloser Bus-Shuttle verbindet die Häuser.
Explorado explorado-duisburg.de
Das größte Kindermuseum Deutschlands im Duisburger Innenhafen ist ein Mitmachmuseum für 4- bis 12-Jährige mit großer Mitmachausstellung auf mehreren Etagen. Es gibt regelmäßig neue Schwerpunktthemen und sogar Escape-Room-Spiele im Gebäude. Klar, dass hier auch Kindergeburtstagspakete buchbar sind.
Freilichtmuseum Kommern kommern.lvr.de
Eine 100 Hektar große Museumslandschaft mit Werkstätten, Obstwiesen und Windmühlen. Hier können zum Beispiel Körbe geflochten oder Brot gebacken werden. „Bewohner“ der vielfach idyllischen Höfe und Häuser stehen Rede und Antwort und zeigen alte Handwerkskünste.
Neanderthalmuseum neanderthal.de
Auf den Spuren der Menschheitsgeschichte mit besonderem Schwerpunkt auf dem Neanderthaler mit extra Audioguide für Kinder. Wer in der Gegend wohnt, sollte unsere Vorfahren mal besichtigt haben, zumal Angebote wie Bogenschießen oder Klingenschleifen für den nötigen Abenteuerspaß sorgen.
Odysseum odysseum.de
Das Abenteuermuseum in Köln mit 150 Erlebnisstationen für Kinder unterschiedlichen Alters zum Forschen und Experimentieren lockt immer wieder mit hochaktuellen Sonderthemen wie zum Beispiel zu Harry Potter oder Ice Age. Zahlreiche Mitarbeiter stehen eigens für ein ansprechendes Kinderprogramm bereit.
Schokoladenmuseum schokoladenmuseum.de
Die museale Kölner Kinder- und Touristenattraktion schlechthin - mit Informativem und Schmackhaftem rund um Schokolade und Kakao. Wer den riesigen Schokoladenbrunnen nicht gesehen hat, hat etwas verpasst. In Workshops lernen nicht nur Kinder, eigene Pralinenrezepte praktisch umzusetzen. Mmmmh!

Tags: Museen , Museumspädagogik

Kategorien: Kultur