Gesundheit

„Wir können sicher sein, dass Aggression und Gewalt in den Familien zunehmen“

Redaktion · 22.05.2020

nadezhda1906 – AdobeStock

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Viele Maßnahmen zum Schutz vor Corona koppeln gewaltbetroffene Frauen und Kinder von Hilfsangeboten ab – dazu äußern sich Kinderarzt Prof. Dr. Ertan Mayatepek und Rechtsmedizinerin Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme von der Uniklinik Düsseldorf. 

Kitas und Schulen sind weiterhin im sehr eingeschränkten Betrieb. Doch gerade diese sind Orte, an denen Probleme in den Familien auffallen und Hilfe angeboten wird. Welche Folgen können die durch Corona veränderten Lebensbedingungen auf die Situation in instabilen Familien haben? Gibt es Gewalt hauptsächlich dort? Und wo finden Betroffene Hilfe?

Im Interview äußern Frau Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme, Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin, sowie Prof. Dr. Ertan Mayatepek, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neonatologie und Kinderkardiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) ihre Befürchtungen und schildern ihr Vorgehen in Verdachtsfällen.  
 
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat kürzlich eine steigende Anzahl an Hilferufen aufgrund von häuslicher Gewalt bestätigt. Sehen Sie auch mehr Verdachtsfälle in der Kindernotaufnahme und der rechtsmedizinischen Ambulanz?
 
Prof. Mayatepek: Bislang sehen wir in unserer Kindernotaufnahme keine Zunahme von vermuteten Kindeswohlgefährdungen, was aber keinesfalls ausschließt, dass es keine Zunahme gibt. Von anderen Kinderkliniken wissen wir, dass es dort vereinzelt zum Teil zu einer Zunahme von häuslichen Unfällen und auch schweren Stürzen unter anderem aus dem Fenster gekommen ist. Ob das eine zufällige Häufung in einer Klinik ist beziehungsweise tatsächlich kausal zusammenhängt, lässt sich natürlich nicht sicher beweisen. Aber es ist beunruhigend.  Wir wissen, dass wir im Bereich der Kindeswohlgefährdung grundsätzlich mit einer sehr hohen Dunkelziffer rechnen müssen und es ist eher davon auszugehen, dass diese Dunkelziffer im Rahmen der Corona bedingten Einschränkungen noch weiter steigt.
 
Frau Prof. Ritz-Timme: In unserer rechtsmedizinischen Ambulanz ist die Zahl geschädigter Frauen und Kinder seit dem Beginn des Kontaktverbots um etwa zwei Drittel gesunken. Diese Feststellung ist sehr beunruhigend, wenn man weiß, dass „in normalen Zeiten“ etwa 25 Prozent aller Frauen von Gewalt in der Partnerschaft betroffen sind und Kinder hier oft direkt oder indirekt involviert sind. Unter den Bedingungen der Belastung durch die aktuellen „Corona-Pandemie-Bestimmungen“ ist das Gewaltrisiko in den Familien sicher gestiegen. Und gleichzeitig führen eben diese Bestimmungen dazu, dass gewaltbetroffene Frauen das sehr niederschwellige Angebot unserer rechtsmedizinischen Ambulanz (man kann einfach kommen und wird kostenfrei versorgt) offenbar nicht annehmen können, zum Beispiel weil sie unter „Kontrolle“ des Aggressors sind. Bei den Kindern fehlen zudem die Außenkontakte in Kitas und Schulen, die oft zu einem Einschreiten bei Misshandlungsverdacht führen. Zusammengefasst: Wir sehen gerade deutlich weniger gewaltbetroffene Kinder und auch Frauen – und genau dies macht uns große Sorgen. Viele Maßnahmen koppeln gewaltbetroffene Menschen eben auch von Anlaufstellen für Hilfe und Versorgung ab.
 
 

Sind es vor allem Schulen und Kindergärten, die im Normalfall die soziale Kontrolle aufrechterhalten? Oder wo fallen Fälle von Kindesmisshandlung in der Regel auf?
 
Prof. Mayatepek: Voraussetzung für das Aufdecken einer Kindesmisshandlung sind vor allem Außenkontakte, zum Beispiel in den Kitas, den Schulen, bei Angeboten der Jugendhilfe, wie Jugendzentren, oder auch beim Kinderarzt. Dazu zählt natürlich auch das soziale Umfeld, zum Beispiel die Nachbarschaft. Die gegenwärtigen Maßnahmen reduzieren die Kontakte in Kitas und Schulen, auch Kinderarztbesuche oder Vorstellungen in den Kinderkliniken finden weniger statt als sonst.
 
 
Welche Auswirkungen hat die gegenwärtige Situation Ihrer Ansicht nach auf instabile Familien, in denen auch im Alltag vor Corona Gewalt präsent war?
 
Frau Prof. Ritz-Timme: Gerade in den Familien führen die Einschränkungen zum Wegfall von solchen Aktivitäten und Alltagsstrukturen, die für die Familie eine Ventilfunktion für Aggressionen und Gewalt haben können. Hinzu kommen Ängste und Sorgen aufgrund von möglicher Kurzarbeit/Arbeitslosigkeit und der resultierenden Bedrohung der Existenz. Zusammengenommen lassen diese Faktoren vermuten, dass es zu einer Zunahme von Gewalt kommt. Wir können sicher sein, dass Aggression und Gewalt in den Familien zunehmen – und zwar nicht nur in Familien, in denen schon vorher Gewalt ein Thema war. So weiß man beispielsweise aus verschiedenen Studien, dass ausgerechnet die Schwangerschaft diejenige Zeit im Leben einer Frau ist, in der für sie das zweitgrößte Risiko besteht, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Das größte Risiko betrifft Trennungssituationen. Dies spricht dafür, dass insbesondere auch veränderte Lebensumstände innerhalb einer Familie Stress- und Gewaltpotential erhöhen.

Kategorien: Gesundheit , Erziehung , Stadtgeschehen