Gesundheit

„Wir fühlen uns isolierter“

Andrea Vogelgesang · 06.05.2020

© Karlsbart / photocase.de

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Nähe und Berührung zu spüren ist lebenswichtig – ganz besonders für Kinder. Haptik-Forscher Professor Dr. Martin Grunwald erklärt, was uns durch Corona fehlt.

Professor Dr. Martin Grunwald ist Gründer und Leiter des Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. In seinem Buch „Homo hapticus“ beschreibt er die lebenswichtige Rolle unseres Tastsinnes. Für die Libelle äußert er sich dazu im Interview in Bezug auf die massiven Änderungen angesichts der aktuellen Einschränkungen.


Libelle: Kann körperliche Distanz auch zu mentaler Distanz und Grundmisstrauen führen?
Prof. Dr. Martin Grunwald: Das ist ein Begleiteffekt und neuer Aspekt: Fremde (also nicht der engste Familienkreis oder Nahestehende) bedeuten ja in der Tat momentan eine potenzielle Gefahr. Dadurch kommt es zu einer übervorsichtigen Grundhaltung. Und das wirkt auch auf mentaler Ebene. Damit fühlen wir uns isolierter und auch nicht mehr so wohl. Mich erinnert das an die Zeiten der DDR mit der Stasi, als jeder im anderen auch eine mögliche Gefahr sah. Vertrauen hatten wir nur zu wenigen, dann aber zu 100 Prozent.


Libelle: Wie wichtig ist Urvertrauen für uns?
Martin Grunwald: Urvertrauen bedeutet mentale Gesundheit, wenig Angst zu haben und neugierig auf die Welt und die anderen zu sein. Psychisch kranke Kinder oder Erwachsene hingegen haben gegenüber jedem und allem außerhalb der vier Wände Misstrauen. Das Äußere scheint ihnen immer gefährlich.


Libelle: Worin liegt Ihrer Meinung nach die besondere Herausforderung der momentanen Situation?
Martin Grunwald: Man sieht, wie Menschen in Krisen normalerweise näher zusammenrücken und sich gegenseitig helfen, wie zum Beispiel beim Jahrhunderthochwasser an der Elbe. Das wirkt wohltuend und stärkt als Gruppe. Nun aber müssen wir genau das Gegenteil praktizieren und das verunsichert. Wir können nur helfen, indem wir auf körperliche Distanz gehen.


Libelle: Inwiefern verändert Corona unseren Alltag noch?
Martin Grunwald: Zunächst einmal kann man aktuell schon folgende Unterschiede feststellen: Hierarchien fallen plötzlich weg - reich oder arm, weniger klug oder schlau, angesichts Corona sind alle gleich. Lange wurde die biologische Perspektive auf den Menschen als Biologismus abgewertet. Mit der sich immer weiter entwickelnden Technik dachte man, man hätte eine Allmacht gegenüber der Natur. Nun aber sehen wir, dass wir bedingungslos ein Teil der Biologie unseres Planeten sind. Ein Nanometer kleiner Virus hat eine weltweite Wirkung. Er legt unser Leben lokal und global lahm.


Libelle: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Martin Grunwald: Nun sind viele Kinder noch mehr auf der digitalen Ebene unterwegs. Diese bietet jedoch nicht die Komplexität der analogen Welt. Deshalb ist es in Coronazeiten und auch danach umso wichtiger, über zwischenmenschliche körperliche Berührungen zwischen Kindern und Eltern hinaus darauf zu achten, dass der Nachwuchs genügend haptische Reize bekommt. Für die Zukunft glaube und hoffe ich, dass der Wunsch nach analogen Begegnungen und Erfahrungen mehr ausgelebt wird und dass die wohltuende verlangsamte Schrittgeschwindigkeit, die wir jetzt gerade erleben, auch erhalten bleibt. Bewährte Verhaltensänderungen aus der Krise sollten wir mit in den Alltag nach dem Lockdown nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Tags: Distanz , Haptikforschung , Prof. Dr. Martin Grunwald , Tastsinn

Kategorien: Gesundheit , Erziehung , Stadtgeschehen