Gesundheit

Hilfe für Geflüchtete

Libelle · 30.12.2020

© privat

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Die Düsseldorferin Verena Würz berichtet von ihren Eindrücken als Notfallmedizinerin auf Lesbos, wo sie war, als das Lager Moria abbrannte.

Libelle: Wie lange waren Sie auf Lesbos?

Verena Würz: Ich war für zwei Monate als Notfallmedizinerin für die britische NGO Kitrinos Healthcare auf Lesbos. Seit nun fast sechs Jahren arbeite ich im Rettungsdienst und beende im April mein Medizinstudium.

Wie sah Ihr Alltag auf Lesbos aus?

Verena Würz: Vor dem alles zerstörenden Feuer im Lager Moria war unser Alltag sehr geregelt. Ich habe mit einem weiteren Kollegen die Notaufnahme für die etwa 12.000 Menschen vor Ort geführt. Hier hatten wir es mit allen Formen von Krankheiten und Notfällen zu tun. Moria war zu keiner Zeit ein sicherer Ort und die Menschen litten unter erheblicher psychischer Belastung und nur unzureichend behandelten Krankheiten, vor allem infektiöser Art. In Deutschland kann man es sich gar nicht vorstellen, unter was für sanitären Bedingungen die Menschen dort jahrelang leben müssen. Das hat verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit der Geflüchteten, die ja vielfach ohnehin schon traumatisiert sind und damit eigentlich besonders schutzbedürftig.

Welches Bild steht Ihnen besonders eindrücklich vor Augen, wenn Sie zurückdenken?

Verena Würz: Ein bestimmtes Bild zu nennen ist schwierig, es ist mehr ein Zusammenspiel aus all den Erfahrungen dort. Wir hatten in der Notaufnahme mit furchtbaren Situationen zu tun. Am nachhaltigsten haben sich mir die vielen Kinder und Jugendlichen eingebrannt, die psychisch völlig zusammengebrochen sind. Als Notfallmediziner sieht man nur die Fälle, wo ganz akut gehandelt werden muss. Also die Fälle, wo Patienten sich so schwer selbst verletzen, dass sie genäht werden müssen, oder versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Oder die, die einfach nicht mehr aufhören zu weinen, zu schreien oder den Kopf auf den Boden zu schlagen und eine medikamentöse Sedierung brauchen. Anhand der überwältigenden Anzahl der Patienten, die ich in diesen extremen Situationen gesehen habe, kann ich mir ungefähr ausmalen, wie groß die Anzahl der psychischen Erkrankungen unter den Geflüchteten in den europäischen Lagern sind.

Wie können Familien aus Düsseldorf dort helfen? Welche Hilfe halten Sie für sinnvoll?

Verena Würz: Ich glaube, dass vor allem die politische Positionierung wichtig ist. Nur wenn die Politik feststellt, dass sich die meisten Wählerstimmen mit einem Programm holen lassen, das aktiv gegen menschenunwürdige Verhältnisse für Geflüchtete steht, wird sich etwas an der Situation ändern. Gerade ist die Gesellschaft in dieser Frage so gespalten, dass es zugelassen wird, dass Menschen auf europäischem Boden in Verhältnissen eingesperrt werden, die unsägliches Leid verursachen. Wir sollten uns hier wieder darauf besinnen, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat. Mit dieser Einstellung und Überzeugung bin ich aufgewachsen, mit einem tiefen Glauben an Recht, Werte und Justiz. Im Zuge meiner Auslandseinsätze inner- und außerhalb von Europa habe ich allerdings feststellen müssen, dass diese Rechte nicht für alle Menschen gelten. Und dass Europa sogar aktiv Menschenrechtsverletzungen innerhalb der eigenen Grenzen begeht.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Hilfe für Geflüchtete

Eine Auswahl von NGOs und Initiativen rund um die Lager auf Lesbos

Kitrinos Healthcare (britische NGO, medizinische Hilfe, mehrere Standorte)
Home for all (griechische NGO auf Lesbos, Mahlzeiten und mehr für Geflüchtete und Bedürftige)
Stand by me Lesvos (griechische NGO auf Lesbos, Soforthilfe in Zusammenarbeit mit Geflüchteten-Initiativen)

Moria White Helmets auf Facebook (Selbstorganisation Geflüchtete Lesbos)
Moria Corona Awareness Team auf Facebook (Selbstorganisation Geflüchtete Lesbos)
 
Aegean Boat Report auf Facebook (Berichterstattung Mittelmeer)
 

Tags: Geflüchtete , Lesbos , Moria

Kategorien: Reisen , Gesundheit , Stadtgeschehen