Gesundheit

Die Kinder bitte trotzdem berühren!

Andrea Vogelgesang · 02.05.2020

© Oksana Kuzmina – AdobeStock

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Paradox: Auf der einen Seite müssen wir vermeiden, anderen zu nahezukommen, andererseits sind gerade Kinder auf Berührungen angewiesen.

Aktuell müssen wir, egal, wo auf der Welt, etwas noch nie Dagewesenes trainieren oder besser gesagt uns abtrainieren, einen Habitus, den wir von frühester Kindheit gelernt und praktiziert haben, ja eigentlich sogar von Geburt an als Bedürfnis in uns tragen: sich bei Begegnungen mit Verwandten, Bekannten, Freunden oder Kollegen zu berühren, sei es mit einer Umarmung, Wangenküsschen oder per Handschlag. Derartig körpernahe Begrüßungsriten sind angesichts der Coronakrise erstmal auf unbestimmte Zeit Geschichte, zumindest mit Personen, die nicht zu unserem engsten Lebenskreis beziehungsweise Haushalt gehören. Das ist eine regelrechte Ausnahmesituation, denn Menschen sind nun mal Kontaktwesen. In diesem Sinne betont der Leipziger Haptikforscher Martin Grunwald, der den Begriff „Homo hapticus“ geprägt hat, dass die Körperinteraktion unbedingt zur Gruppenkommunikation, sozusagen zum artgerechten Umgang miteinander gehöre.

Berühren ist lebenwichtig

Und gerade bei den ganz Kleinen spielen in den ersten Lebensjahren Berührungen eine essenzielle Rolle, sie sind, man könnte fast sagen, von überlebenswichtiger Bedeutung. Sie stimulieren Rezeptoren unter der Haut, die ja das größte Sinnesorgan des Menschen ist, verlangsamen die Herzfrequenz und Atmung und wirken stärkend auf das Immunsystem. Zu wenig Körperkontakt kann die Entwicklung verzögern, bei einem Ausbleiben können Körper und Seele krank werden. „Der Mensch ist ein Tastwesen. Er entwickelt sich nur gesund und fühlt sich auch im Erwachsenenalter nur wohl, wenn das Sinnessystem stimuliert wird. Vom Fötus bis zum Greisenalter sind wir auf diesen Kontaktsinn angewiesen“, betont der Haptikforscher Grunwald und verweist darauf, dass dies gleichermaßen auch für alle Säugetiere gelte.

Crowding-Effekt zu Hause

Nun dürfen wir ja in der jetzigen Krise im Familienverbund oder in Gemeinschaften, die unter einem Dach ihr Leben teilen, in dieser – nennen wir es ruhig mal – Parzelle oder Insel, noch agieren wie zuvor. Dort wiederum ist die vorherige Nähe aufgrund der aktuellen Maßnahmen um vieles enger geworden. Die geforderte Distanz vor der Haustür komprimiert das Miteinander in den eigenen vier Wänden und das zumeist mit wenigen wohltuenden Ausweichmöglichkeiten. In der Fachsprache nennt man das Crowding-Effekt: „Der kann auch zum Problem werden, also wenn das gesunde Maß an Körperkommunikation überschritten wird, hat das genauso belastende Folgen wie es zu unterschreiten“, kommentiert der Leipziger Professor.

Training für den Tast- und Berührungssinn

Im besten Falle gewinnen die Beteiligten dieser plötzlichen Nähe Vorteile ab, vor allem auch im Umgang mit ihren Kindern. So berichtet die berufstätige Jessica, deren Sohn dreieinhalb ist: „Ich genieße diese Ausnahmesituation und Joshua auch, da ich ansonsten im Alltag jeden Tag arbeite und Joshua normalerweise immer erst spätnachmittags von der Kita abhole. So viel Zeit hatte ich noch nie für ihn. Stressig wird es nur, wenn ich meine Homeoffice-Stunden absolvieren muss und sich mein Mann in dieser Zeit nicht mit ihm beschäftigen kann, weil er zum Beispiel doch in die Firma muss.“ Jessica beschreibt den Corona-Alltag weiter so: „Wir lesen viel und schmusen dabei, aber ich merke langsam auch, wie Joshua die Berührungspunkte mit seinen Freunden fehlen.“ Das bestätigt auch Julie, 42: „Mir fällt auf, wie der Kontakt zu Außenpersonen, also Zeichen, dass sie präsent bleiben, für die Kinder jetzt zählen, ob zu den Lehrerinnen oder der Kindergärtnerin. Irma bekommt der Schule immer wieder Aufgaben, die auch sehr sinnlich sind, wie letztens, aus Naturmaterialien ein Mandala herzustellen. Für Pola und Madlaina ruft einmal wöchentlich die Kindergärtnerin an, um zu hören, wie es ihnen geht. Mir gibt sie wichtige Tipps: Singen für die Seele, etwas mit den Händen arbeiten wie mit Ton zu modellieren. Die Außenbeziehungen aufrechtzuerhalten, tut den Kindern ebenso wohl wie unser häusliches Leben, in dem ja nach wie vor die normalen Regeln gelten.“

Eltern kann zu viel Nähe überfordern

Auch wenn viele Eltern dem Wegfall des äußeren Termindrucks und der Zeit für den Nachwuchs viel abgewinnen können, wird anderen diese unausweichliche Nähe zur Überforderung. „Bei aller Liebe zu meinen Kindern“, gibt die alleinerziehende 36-jährige Vanessa* zu bedenken, „kann ich manchmal nicht mehr, weil ich ständig eines meiner drei Kinder auf dem Schoß oder im Arm habe. Von morgens bis abends, das ist einfach zu viel.“ Da komme eine entspannte Schmuseatmosphäre definitiv nur schwer zustande. Und doch sind gerade in dieser ungewöhnlichen Zeit mit stark eingeschränkten äußeren Kontakten, in der auch Treffen mit den Großeltern oder anderen Bezugspersonen ausfallen, Berührungen so wichtig. Für Erwachsene ist diese Situation wenigstens intellektuell nachvollziehbar, für Kinder dagegen ist die unsichtbare Gefahr viel schwerer zu verstehen und deswegen zuweilen auch beängstigend.

Im Alltag emotional verbunden

Einschränkungen des körperlichen Kontaktes seien für Kinder ausgesprochen bedenklich, sagt Grunwald und umschreibt das so: „Die körperliche Zuwendung ist etwas ganz anderes als die verbale: In Millisekunden Geschwindigkeit werden positive Signale weitergegeben, die mit Sätzen nur unzureichend transportiert werden können.“ Zumal in irritierenden Zeiten wie dieser Kinder zur Beruhigung vermehrt Nähe bräuchten, da sie spürten, dass etwas nicht stimme. Das führe mehr oder weniger zu einer Verunsicherung. Es muss auch nicht gleich eine Schmusestunde sein. Zwischendurch beim Vorlesen zum Beispiel oder während eines gemeinsamen Spiels entstehen automatisch Momente der Nähe. Schon kleine körperliche Verbindungen, wie dem Kind im Vorbeigehen über die Haare zu streicheln oder die Hand auf die Schulter zu legen, schaffen ganz nebenbei im Alltag emotionale Verbundenheit. Liebevolle Berührung baut Stress ab. Wichtig bleibt, gemäß den Bedürfnissen des Kindes zu handeln und nicht die eigenen als Maßstab anzusetzen.

Generell gilt für Eltern gerade jetzt: Bitte berühren! Für die in die Ferne gerückten Lieben kann der Fokus aktuell nur auf seelische Berührung gelegt werden. Dank der digitalen Technik, die die Großeltern in der Regel auch über ihr Smartphone beherrschen, lassen sich zumindest optisch und auditiv Entfernungen überbrücken und gegenseitige Einblicke ins Leben ermöglichen. Oder wie wäre es auf die gute alte analoge Art, mit einem Brief oder einem Bild auf dem Postweg Wertschätzung und Verbundenheit zu zeigen?

Tags: Berührung , Erziehung , Nähe

Kategorien: Gesundheit , Erziehung