Freizeit

Gemeinsam singen

Anna Bolten · 30.12.2020

© MIA Studio – AdobeStock

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Die eigene Stimme klingen, sich vom gemeinsamen Gesang tragen lassen: Das Singen findet dieses Jahr vor allem in den Familien statt. Nur zu!

Oh, du Fröhliche! Während wir uns allmählich wieder auf die Adventszeit einstimmen, steigt auch die Lust gemeinsam mit Familie und Freunden unsere allbekannten Weihnachtslieder zu trällern. Aber wie lässt sich das dieses Jahr überhaupt umsetzen, wo doch seit Monaten auf das gemeinsame Singen verzichtet wird? Ein Gespräch mit einer ausgebildeten Chorleiterin und einem akademischen Musiker und Dirigent zeigt, dass Singen auch in der Coronazeit nicht zu kurz kommen muss – und für Kinder auch nicht sollte.

Singen macht glücklich

Weihnachten steht vor der Tür: Die kalte Jahreszeit, in der wir am liebsten in beheizten Zimmern und mit wohlbekannten Düften von Tannenzweigen und frischgebackenen Plätzchen Zeit mit unseren Liebsten verbringen. Was nicht fehlen darf, ist auch das Singen altbekannter Weihnachtslieder. Denn ob alleine, gemeinsam mit Freunden und Familie oder in einem Chor: Singen macht glücklich. Und trotz der Krisensituation ist die Musik für viele ein wichtiger Teil in ihrem Leben – und so sollte es auch bleiben: „Insbesondere bei Kindern fördert das Singen nicht nur die gute Laune, sondern auch die kindliche Entwicklung“, weiß Gabriele Auel-Knecht, die an der Rheinischen Musikschule Köln ausgebildete Kirchenmusikerin und Chorleiterin einer Kinderchors ist.

Glückshormone wecken

Singen gilt als Stimmungsaufheller: „Beim Singen werden Endorphine ausgeschüttet-, Hormone, die etwas mit dem Bewusstsein anstellen“, erklärt Auel-Knecht. „Man wird fröhlicher, man ist ausgelassener und man ist zufriedener.“ Dabei komme es nicht darauf an, in welcher Stimmung das jeweilige Stück gesungen wird. Ob traurig, sehnsüchtig oder verträumt – Gesang mache immer glücklich und auch kreativ: „Durch Musik macht man verschiedene Stimmungen hörbar“, führt der akademische Dirigent und Chorleiter Norbert Brendgen aus. „Dabei probiert man seine Stimme aus und kann mit ihr spielen.“ Nicht nur Zuhörer*innen versetzten sich je nach Lied in die vorgetragene Situation des Stücks hinein, sondern die Musizierenden selbst könnten dabei – auch unbewusst - eigene Emotionen verarbeiten und persönliche Gefühle ausdrücken. Zusätzlich gibt Singen laut medizinischer Studien dem Immunsystem einen Schub – gerade aktuell ein schöner Nebeneffekt.

Gemeinsam doppelt schön

Insbesondere das Singen in der Gruppe, als Chor, vereint viele Vorteile in sich: „Singen ist das Sozialste, was es gibt“, betont Auel-Knecht. Das gilt einerseits für Chöre mit erwachsenen Sängern und Sängerinnen – aber besonders Kinder können durch den Gruppengesang einiges lernen: Es begleitet beispielsweise die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder, denn obwohl sie alle unterschiedliche Stärken und Schwächen haben, arbeiten sie als Gruppe zusammen. „Ein Lauter muss sich zurücknehmen, ein Leiser kommt mehr raus: Man muss aufeinander hören, sonst kann man nicht singen.“ Daraus entstehe ein Gemeinschaftsgefühl. Das heißt aber nicht, dass der Einzelne untergehe. „Besonders der Einzelgesang in der Gruppe, vor den anderen, hat Vorteile, wenn die Kinder später zum Beispiel einen Vortrag in der Schule halten. Sie sind dann weniger aufgeregt“, erklärt Auel-Knecht. Neben der gesteigerten Selbstsicherheit lernen die Kinder, sich auch längere Zeit zu konzentrieren. Im Rahmen eines Chors fällt das häufig leichter als im Unterricht. „Man könnte Musik in fast jedes Schulfach einbauen und damit den Lernstoff manchmal leichter vermitteln.“ Als Chorleiterin mehrerer Kinderchöre hat Frau Auel-Knecht außerdem schon mit Kindern gesungen, die aus Syrien nach Deutschland gekommen sind. Für sie hat das Singen sogar Vorteile für ihre Sprachentwicklung, denn „sie können viel einfacher auf Deutsch singen als deutsche Sätze zu lesen“, so die Erfahrungen. Auch deshalb sei das Singen im Kindergarten und in der Schule so wichtig für die kindliche Entwicklung.

Spielerisch lernen

Doch das Singen mit Kindern unterscheidet sich von der Arbeit in Erwachsenenchören: Den Kleinsten kann man nicht einfach ein Notenblatt vorlegen, sie lernen neue Lieder am besten spielerisch – mit dem gesamten Körper. „Für kleine Kinder hilft es, wenn man ihnen die Lieder vorsingt“, erklärt Auel-Knecht. „Am besten ist es aber im Spielen: in kleinen Rollenspielen oder Theaterstücken zum Beispiel.“ Dabei brauche auch kein Kind Angst zu haben, nicht singen zu können. „Lange Zeit war Singen in Schulen verpönt, aber langsam kommt es wieder.“ Und das auch zurecht: Selbst Kinder, denen das Singen zunächst schwerfällt, können durchs Zuhören und regelmäßigen Übungen ihre Stimme trainieren. Und für all die positiven Effekte des Gesangs, gibt es kaum einen besseren Anlass als die Weihnachtszeit. „Weihnachten ist für viele etwas Familiäres und normalerweise werden – zum Beispiel in der Kirche – die Weihnachtslieder zusammen gesungen.“ Das macht nicht nur Vorfreude auf das gemeinsame Fest, sondern stärke auch den Zusammenhalt. „Da kommt ein Gemeinschaftsgefühl auf“, so Auel-Knecht. Gerade der Dezember sollte zum gemeinsamen Singen genutzt werden – die vielen, traditionellen Lieder lassen sich sehr einfach zusammen mit Jung und Alt anstimmen.

Mit Abstand zusammen sein

Natürlich kann dieses Jahr nicht ganz so unbeschwert gemeinsam gesungen werden wie sonst. Das heißt aber nicht, dass es nicht trotzdem gute Möglichkeiten gibt: „Digital kann man alles machen, über Zoom oder Facetime zum Beispiel“, betont die Chorleiterin. Wenn das Wetter mitspiele, könne sogar draußen mit viel Abstand gesungen werden. Auch Kleingruppen bieten sich an. „Auch zu zweit oder zu dritt kann man sich gegenseitig unterstützen.“ Und natürlich kann zu Hause, im Kreis der Familie nach Lust und Laune geträllert, gesungen und geschmettert werden. Wer sich nicht so recht traut, nutzt vielleicht eine passende CD zur Unterstützung? Oder die Eltern lassen sich von den Kindern vorsingen, was diese aus der Kita an Liedgut kennen? Nur zu!

SingPause in Düsseldorf

Die SingPause ist ein Projekt des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf und wird vom Kulturamt und Schulverwaltungsamt der Landeshauptstadt Düsseldorf sowie von zahlreichen Förderern unterstützt. Erstmalig startete das Projekt 2006 und entwickelt sich seitdem zu einem wichtigen musischen, sozial-integrativen Bildungsangebot, das inzwischen auch andere Städte kopieren: Sie ist Teil des schulischen Programms, das häufig ansonsten keinen Musikunterricht mehr vorsieht, und beteiligt alle Schüler und Schülerinnen der teilnehmenden Grundschulen von der ersten bis zur vierten Klasse. Aktuell wird die SingPause in Düsseldorf an etwa 70 Schulen vormittags für insgesamt circa 16.000 Kinder angeboten. Die Kinder lernen in kurzen Singstunden von ausgebildeten Musikpädagog*innen eine Reihe von Liedern, die sie im Frühjahr alle gemeinsam in der Tonhalle aufführen. www.singpause.de

Unsere Expert*in

Gabriele Auel-Knecht absolvierte eine kirchenmusikalische Ausbildung an der Rheinischen Musikschule Köln und setzte ihre Gesangsausbildung bei renommierten Opernsängerinnen fort. Jahrelang arbeitete sie mit Norbert Brendgen als Chorleiterin an Kindergärten und Grundschulen zusammen und leitet gemeinsam mit Brendgen den Korschenbroicher Jungen- und Mädchenchor. Nobert Brendgen absolvierte ein Musikstudium in Aachen und Düsseldorf mit den Schwerpunkten Dirigat und Chorleitung. Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Organist und Chorleiter unterrichtete er privat und an städtischen Musikschulen Klavier. 1984 gründete er gemeinsam mit Sabine Fromm die Freie Werkstatt für Musik, Kunst, Theater und Marionetten e. V. 2003 nahm er schließlich mit der Leitung des Bach-Chors Mönchengladbach und des Korschenbroicher Jungen- und Mädchenchors seine Chorleitertätigkeit wieder auf.

Tags: Familie , singen , Weihnachtslied

Kategorien: Freizeit , Erziehung , Kultur