Erziehung

Wutkinder – was tun?

Tina Lorscheidt · 25.11.2019

© Jean Kobben - stock.adobe.com

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Was tun, wenn das eigene Kind übermäßig aggressiv ist und sich sogar gegen die eigenen Eltern richtet? Experten geben Rat.

Sie kratzen, beißen, hauen um sich – jedes sechste bis achte Kind verhält sich überdurchschnittlich aggressiv. Opfer sind nicht nur andere Kinder, sondern manchmal sogar die eigenen Eltern. Wie kann es dazu kommen? Experten beobachten eine zunehmende Ellbogenmentalität in der Gesellschaft ...

Anja* weiß oft nicht weiter: Ihr Sohn rastet manchmal ohne erkennbaren Anlass aus. Leon haut den Löffel in die Suppe, weil er das Essen nicht mag, tritt und schlägt die Nachbarskinder und weigert sich beharrlich, ins Bett zu gehen. Der Vierjährige tritt auch mal zu, wenn er im Supermarkt nicht bekommt, was er haben möchte. Opfer ist dann seine Mutter. Und Anja ist ratlos. Sie fragt sich: Ist das eine Phase? Hat mein Kind ADHS? Wie soll ich reagieren – besonders in der Öffentlichkeit? Schon im Kindergarten hauen immer wieder Kinder um sich, versuchen mit aggressiver Gewalt, ihre Ziele zu erreichen. Laut einer Studie der Universität Braunschweig über Verhaltensstörungen bei Drei- bis Sechsjährigen erleben Erzieher*innen 20 Prozent der Jungen und Mädchen als häufig aggressiv.

Emotionaler Puffer fehlt
Trotzdem gibt es nach Ansicht namhafter Pädagogen kaum Anzeichen dafür, dass die Gewalt von Kindern zugenommen habe. Zugenommen habe jedoch die Stressbelastung der Kinder, meint Dr. Andreas Schick. In dem Antigewaltprojekt „Faustlos“ vermittelt der Psychologe und Familientherapeut Erzieher*innen und Lehrer*innen, wie sie mit aggressivem Verhalten bei Kindern umgehen und deren soziale Kompetenzen verbessern können. „Die Kinder müssen heute viel mehr verarbeiten als noch vor zehn oder 20 Jahren“, sagt Dr. Andreas Schick. „Die Stressbelastung nimmt zu, und je nachdem, wie die Kinder damit umgehen, kann das unter anderem auch zur Entladung in Form von Gewalt führen.“ Eltern seien nicht mehr so präsent, Kinder müssten viel mit sich selbst ausmachen und haben keinen Ansprechpartner mehr, der Dinge relativieren könne: „Häufig fehlt ein emotionaler Puffer für die Kinder.“

Lauter Prinzen und Prinzessinnen
Eine der Hauptursachen für aggressives Verhalten schon im Kindergarten sieht Dr. Andreas Schick in der zunehmenden Individualisierung als Folge der veränderten Familienstrukturen und der zunehmenden Bedeutung der neuen Medien. „Es ist ein Trend hin zu negativem Egoismus entstanden“, erläutert er. „Kinder und Erwachsene denken heute weniger als früher in sozialen Rastern oder Gefügen, sondern die Maxime scheint zu sein: Ich zuerst! Dadurch entsteht eine Ellbogenmentalität. Die Erziehungskräfte, mit denen wir arbeiten, haben uns schon vor Jahren gesagt, sie hätten immer mehr Prinzessinnen und Prinzen in ihren Gruppen. Und wenn man davon 20 in einer Gruppe hat, wird es schwierig.“ Auch der Diplompsychologe und Gesellschaftsforscher Stephan Grünwald kommt in der Rheinischen Post vom 10. September zu dem Schluss, dass es kaum noch Gemeinschaftssinn gebe und viele Menschen nur noch ihrer „persönlichen Ego-Maximierung“ frönen. „Immer öfter“, so Stephan Grünewald, „stellen einige Wenige ihre persönlichen Befindlichkeiten über das Allgemeinwohl oder die Lebensgestaltung anderer.“


Nicht selten richtet sich Gewalt von Kindern auch gegen die eigenen Eltern, die Dunkelziffer ist nach Ansicht von Dr. Andreas Schick hoch. „Der schlimmste Vorwurf, den man Eltern machen kann, ist ja: Ihr habt etwas falsch gemacht, das mag niemand hören. Das kann dazu führen, dass diese Gewalt aufgrund der Scham der Eltern nicht offengelegt wird.“

Früh gegensteuern
Aggressives Verhalten sei nicht immer destruktive Gewalt, meint Dr. Andreas Schick. Im Kern sei Aggression Energie, die man brauche. Es gehe bei der Aggression um die Dauer, darum, ob jemand immer häufiger zu massiver körperlicher oder psychischer Gewalt greife und ob er weitermache, obwohl der andere signalisiert: Stopp! „Dagegen muss man etwas tun, und zwar möglichst schnell. Wenn man dann nicht schnell reagiert, etabliert sich das aggressive Verhalten, weil derjenige, der es ausübt, damit sein Ziel erreicht.“ Im Rahmen des Projektes „Faustlos“ bildet das Team des Heidelberger Präventionszentrums Erziehungs- und Lehrkräfte aus. Mit den Materialien des Projektes sollen gezielt das Einfühlungsvermögen, die Empathie und die Impulskontrolle von Kindern gefördert werden, um einen konstruktiven Umgang mit Ärger und Wut zu lernen. Dabei setzen die Trainer*innen unter dem Namen „Fäustling“ schon bei den ganz Kleinen in den Kinderkrippen an. „Wir glauben: je früher, desto besser“, erläutert Dr.  Andreas Schick. „Es geht darum, Türen zu öffnen für mehr soziales Miteinander. Es geht um soziale und emotionale Kompetenzen. Wenn wir Empathie und Achtsamkeit bei den Kindern fördern, wirken wir präventiv einem destruktiven, aggressiven Verhalten entgegen.“

*Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert

Tags: Aggression , Erziehung , Wut

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