Erziehung

Warum Handschrift wichtig ist

Nadine Lente · 14.01.2019

© Bettina Schipping

© Bettina Schipping

Am 23. Januar ist internationaler Tag der Handschrift. Doch immer mehr Kinder können nur mit Mühe oder unleserlich schreiben. Warum die eigene Schrift auch im digitalen Zeitalter wichtig ist, erklärt Raoul Kroehl, Bereichsleiter Bildung der Stiftung Handschrift. 

Schon Kinder, die noch gar nicht schreiben können, tippen Nachrichten auf Handy, Tablet & Co. – ist die Handschrift ein Auslaufmodell?

Nein. Natürlich ist die Lebenswelt zunehmend digital, aber die Handschrift ist weit mehr als nur Mittel zum Zweck. Wie viele wissenschaftliche Studien zeigen, werden durch sie vielfältige Bereiche des Gehirns aktiviert und trainiert. Das Erlernen und Praktizieren einer guten, flüssige Handschrift hat dadurch großen, positiven Einfluss auf Wortschatz, Grammatik, Sprache. Und im Alltag ist die Handschrift immer noch wichtig: Notizen, Einkaufszettel, To-do-Listen, Familienkalender in der Küche, die Unterschrift im Arbeitsvertrag, die Weihnachtskarte – all das wird mit Hand geschrieben, weil es schneller geht oder persönlicher ist.

Alle sprechen von Digitalisierung und deren Wichtigkeit – ist sie der Feind der Handschrift?

Nein, nur die Reihenfolge muss stimmen. Im Moment geht die Entwicklung leider dahin, dass die Handschrift als eine Art notwendiges Übel wahrgenommen wird. Handschrift sollte hingegen mit Spaß erlernt werden! Die beim Schreiben erforderliche Gehirnleistung und die notwendigen motorischen Prozesse sind Basis jeglichen Lernens. Danach kann ein Heranführen an die Nutzung neuer Medien auch gut funktionieren.

Wie lernen Kinder in den Grundschulen schreiben?

Es gibt keine klaren Vorgaben zum Thema Handschrift und auch schon lange keine Benotung mehr fürs Schriftbild. Jedes Bundesland, jede Schule macht das anders und ist darin völlig frei. Erstmal wird die Druckschrift in Großbuchstaben, dann in Kleinbuchstaben erlernt, danach die Schreibschrift. Ob vereinfachte oder lateinische Ausgangsschrift, Schriftübungen und Co.: Alles hängt davon ab, wieviel Zeit bleibt und welchen Schwerpunkt Lehrer setzen. Lernziel ist zwar eine flüssige, lesbare Handschrift. Jedoch haben wir die Erfahrung gemacht, dass ein Großteil der Schüler in Sekundarstufe 1 wieder auf eine Art Druckschrift in der Handschrift zurückfällt. Denn dies ist sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner: man hat die Druckschrift in der Grundschule noch irgendwie gelernt, ein flüssige Schreibschrift hingegen meist nicht. Diese ist somit oft anstrengend und nicht flüssig zu schreiben, was dann wieder Probleme in Klausuren bereiten kann. Was nicht gut beherrscht wird, wird abgelehnt und somit ist der Wunsch, möglichst oft die Tastatur zu nutzen, weil dies vermeintlich einfacher ist, erklärbar.

Wie finden Kinder von der handgeschriebenen Druckschrift in die individuelle Handschrift?

Über Anleitung und mit Investition von Zeit in der Schule oder im privaten Bereich. Wichtig ist das Erlernen und Schulen der Motorik. Es ist sehr schade, dass motorisches Training wie zum Beispiel Schreibschwungübungen, die viele Eltern aus eigener Schulzeit kennen, in den Grundschulen selten geworden sind. Natürlich gibt es da engagierte Lehrer, aber es werden weniger. 

Ist die Handschrift für die kindliche Entwicklung von Bedeutung und warum?

Auf jeden Fall! Die Handschrift ist ein Zusammenspiel aus 30 Muskeln, 17 Gelenken und zwölf Hirnarealen. Seine Gedanken mit einem Stift zu Papier zu bringen ist ein komplexer, feinmotorischer Prozess. Die Hirnaktivität beim Finden und Drücken eines Buchstabens auf einer Tastatur ist hingegen rudimentär. Wissenschaftliche Studien und viele Infos dazu kann man auf unserer Website einsehen.

Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen? Was raten Sie Eltern?

Vorbild sein und Anreize schaffen: Zum Beispiel eine Postkarte aus dem Urlaub gemeinsam schreiben. Viele Kinder interessieren sich schon früh für Buchstaben und Schrift, darauf sollten Eltern eingehen und so auch eine Wertschätzung gegenüer der Schrift entgegenbringen.

Was genau macht die Stiftung Handschrift?

Wir wollen ein Bewusstsein bei Schülern und Lehrern dafür schaffen, welche Vorteile es hat, wenn man flüssig und leserlich mit Hand schreiben kann. Dazu unterstützen wir die Schulen dabei, dieses Bildungsziel zu erreichen. Den Schülern helfen wir durch verschiedene Aktionen, ein Level der flüssigen und lesbaren Handschrift zu erreichen und zu halten, sodass diese freiwillig als Alternative zur Tastatur gesehen wird.

Kategorien: Erziehung , Kultur