Erziehung

Unterbezahlte Superhelden

Claudia Berlinger · 13.08.2019

Im Rahmen des Libelle-Titelthemas „Solo mit Kind“ berichtet Charlotte Daugstrup über ihr Leben als alleinerziehende Mutter von vier Kindern.

Charlotte Daugstrup, 51, ist alleinerziehende Mutter. Sie lebt mit ihren vier Kindern im Alter zwischen 22 und sieben Jahren in Düsseldorf und empfindet ihr Leben wie ein fragiles Kartenhaus. „Wenn nur eine Karte fällt, ich werde ernsthaft krank oder ich verliere meine Arbeit, bricht alles zusammen und ich stehe vor den Trümmern – allein.“

Libelle: Wie viele Jahre sind Sie bereits alleinerziehend?
Charlotte Daugstrup: Die drei großen Kinder sind aus meiner ersten Ehe. Bei der ersten Trennung waren die Kinder zehn, acht und sieben Jahre alt. Daraufhin lernte ich den Vater meines jüngsten Kindes kennen. Wir trennten uns, als unser Sohn ein Jahr alt war. Damit bin ich jetzt erneut seit sechs Jahren alleinerziehend.

Was ist die größte Veränderung, seit Sie allein erziehen?
Charlotte Daugstrup: Die riesige Verantwortung, die allein auf meinen Schultern lastet. Es gibt keine Möglichkeit der Kompensation und es beinhaltet die fast vollständige Aufgabe meines persönlichen Lebens. Früher war ich begeisterte Motorradfahrerin, musste diese Leidenschaft aber aus zeitlichen und finanziellen Gründen aufgeben. Heute sind es sehr kleine Freiräume, die mein Leben bereichern. Ein kurzer Besuch im Café, ein Blick in ein Buch oder ein Bad in der Sonne.

Was ist die größte Herausforderung in Ihrem Familienalltag?
Charlotte Daugstrup: Die Verantwortung für das Leben komplett allein zu stemmen. Es verursacht existenzielle Angst. Neben dem finanziellen Druck stemme ich die Erziehung und Alltagsorganisation allein. Mein Arbeitgeber nimmt auf meine Situation Rücksicht, sodass ich meinen Sohn rechtzeitig aus der Ogata abholen kann, obwohl ich im Einzelhandel tätig bin. Aber an Samstagen bin ich auf mein soziales Netzwerk angewiesen. Ohne Freunde wäre Arbeiten nicht möglich! Jeder Tag ist ein organisatorischer Spagat.

Welche Hürden müssten Ihrer Meinung nach für eine Gleichstellung von Alleinerziehenden mit gemeinsam erziehenden Eltern genommen werden?
Charlotte Daugstrup: Solange unser Steuerrecht Ehepaare ohne Kinder besserstellt als Eltern, die Kinder allein großziehen, brauchen wir uns über Kinderarmut und aufgeriebene Alleinerziehende nicht zu wundern. Familie ist da, wo Kinder großgezogen werden! Wir brauchen kostenfreie Betreuung auch für Randzeiten, Zugang zu Bildung und Freizeitangebote für Kinder. Wir stehen unter immensem Druck und müssen an allen Fronten funktionieren. Von der Bewunderung für uns „Superheldinnen und Superhelden“ bezahlen wir keine Miete oder Klassenfahrt. Und wenn uns im Alter die schlechtere Bezahlung durch Teilzeittätigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse einholt, ist das Beste gegeben zu haben, ein sehr schwacher Trost.

Wenn Ihnen eine Fee begegnete, welche Wünsche würden Sie formulieren?
Charlotte Daugstrup: Dass meine Kinder und ich als „Familie“ gelten! Ein Leben mit mehr Sicherheit und Leichtigkeit wäre schön. Ich wünsche mir, mich auch als Frau erweitern zu können, langfristig und mit Perspektive und mit erfüllter Partnerschaft. Und dann blicke ich auf meine vier prachtvollen Kinder bin erfüllt von Liebe, Glück, Stolz und Dankbarkeit!

Das Interview führte Claudia Berlinger.

Den ausführlichen Beitrag zum Thema „Solo mit Kind“ findet ihr in der Augustausgabe 2019 der Libelle oder auch online unter https://issuu.com/xitix/docs/libelle_august_2019

Tags: Alleinerziehend , Single

Kategorien: Erziehung