Gelassen erziehen

U3: Kita in der Coronazeit

Anna Bolten · 01.04.2021

© santypan – AdobeStock

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Der strenge Lockdown in den Kitas ist vorbei. Eltern und eine Erzieherin berichten von ihren Erfahrungen und den Effekten auf U3-Kinder.

Bis Mitte Februar hieß es für die meisten Kindergartenkinder: zu Hause bleiben. Und auch für diejenigen, die in ihres Kitas gegangen sind, weil die Eltern etwa beide berufstätig sind, war der Alltag ganz ungewöhnlich. Zwar dürfen jetzt wieder alle Kinder in die Betreuungsgruppen kommen, aber noch immer ist die Situation in der Kita nicht wie gewohnt. Wie genau die Abläufe im Kindergarten aussahen und noch aussehen und wie die Umstellung zurück in den Kita-Alltag geklappt hat, erzählt beispielhaft eine Erzieherin für Ein- bis Dreijährige. Zudem berichten zwei Familien – eine, die ihr Kind im Lockdown zu Hause betreuen konnte und eine, die auf die Betreuung im Kindergarten angewiesen war - rückblickend, wie ihre Jüngsten die Zeit erlebt haben.

Wenn die Spielkamerad*innen fehlen

Bis Mitte Februar wurden alle Eltern dazu aufgefordert, ihre Kinder nur dann in den Kindergarten zu bringen, wenn eine häusliche Betreuung nicht möglich war. Dadurch waren vielerorts die Kindergartengruppen nur noch halb so groß wie üblich – und die Kitas mussten zudem ihr Stundenangebot für alle um zehn Stunden kürzen. So auch die Situation einer Erzieherin für Ein- bis Dreijährige. Die üblicherweise zehnköpfige Gruppe schrumpfte im Lockdown auf fünf Kinder, von denen nur ein Mädchen im Alter von drei Jahren war und die anderen noch deutlich jünger. „Somit fehlten dem älteren Mädchen Spielkameraden, was man in dieser Entwicklungsstufe schon ganz stark merken konnte“, erzählt die Betreuerin. Das liege vor allem daran, dass die Älteren meist miteinander und nicht wie die Jüngsten eher für sich spielen.

Bedürfnis nach Nähe, aber auch mehr Selbstständigkeit

Dadurch fragte die Älteste oft nach ihren Spielkamerad*innen und brauchte alternative Beschäftigungen, erinnert sich die Erzieherin. „Wir müssen aber auch sagen, dass neue Spielkonstellationen entstanden und zurückhaltende Kinder etwas offener geworden sind“, ergänzt sie rückblickend. Die unter Dreijährigen in ihrer Gruppe genossen sogar oft die ruhigere Atmosphäre in der kleinen Gruppe. „Es hat ihnen sehr gut getan, dass wir wesentlich mehr Zeit für den Einzelnen hatten“, bestätigt die Betreuerin. „Die Kinder haben alle mehr Körperkontakt gesucht, weil sie das auch brauchten in der Zeit.“ Außerdem konnten die Kleinsten auch davon profitieren, dass ihre Eltern sie bereits an der Tür verabschieden mussten: „So ein bisschen hat sich auch die Selbstständigkeit verbessert, weil am Morgen mal nicht die Eltern die Schuhe mit ausgezogen haben.“

Begrüßungslied gesprochen, nicht gesungen

Aber nicht nur die Betreuungszeit und die Zahl der Spielkamerad*innen waren eingeschränkt, auch das Angebot im Kindergarten war während des Lockdowns begrenzt. So fand zwar zum Beispiel der morgendliche Sitzkreis statt, aber es durften keine eigenen Kissen benutzt werden. „Und wir haben morgens unser Begrüßungslied gesprochen, weil wir nicht singen durften wegen der Aerosole“, fügt die Erzieherin hinzu. Auch das gemeinsame Essen musste auf drei Kinder pro Tisch begrenzt werden und dadurch in Kleingruppen nacheinander ablaufen, damit zwischen den Kindern ein Stuhl frei bleiben kann. „So gestaltete sich das Essen immer über einen längeren Zeitraum und wir mussten den Kindern zum Beispiel die Brote schmieren, sodass dabei die Selbstständigkeit der Kinder etwas eingeschränkt war.“ Auch Spielzeug, wie etwa Bausteine- und -klötze, musste reduziert werden, weil ansonsten der Aufwand fürs Desinfizieren zu groß wäre, schildert die Betreuerin. Zusätzlich mussten nach dem wöchentlichen Turnen in der Sporthalle alle Materialien gereinigt werden: „Dadurch ging uns viel Zeit von der eigentlichen Turnzeit verloren.“ Vom Draußengelände bekam zudem jede Gruppe ihre Fläche zugeteilt und abgesperrt, sodass dort keine Kinder anderer Gruppen hinzukommen konnten. Spielzeug wie Knete und Kostüme mussten sogar ganz aus dem Angebt gestrichen werden und gemeinsames Kochen und Backen musste auch wegfallen. Zudem waren persönliche Elterngespräche sehr selten.

Bilder malen für die Kinder, die nicht da sind

Neben diesen reduzierten Möglichkeiten in der Kita fehlte es vielen Kindern auch am Nachmittag an Bewegungsangeboten wie Kinderturnen oder Schwimmen. Dennoch ließen sich laut unserer Ansprechpartnerin in ihrer Gruppe immer Alternativen finden: „Dafür haben wir in der Gruppe mehr getanzt, damit die Kinder ausgeglichener wurden“, führt die Erzieherin an. Und auch die begrenzte Auswahl an Spielzeug konnte so ausgetauscht werden, dass es immer genug Abwechslung gab. Und wenn gerade die Älteste den Kontakt zu ihren Freund*innen vermisst hat, durfte sie ihnen ein Bild malen, das die Erzieherinnen zusätzlich zu einer Mappe mit Ausmalbildern, Bastelideen und Co. dann diesen Kindern nach Hause vorbeigebracht haben.

Elternhaus spielt eine wichtige Rolle

Insgesamt blickt die Erzieherin bisher soweit zufrieden auf die Zeit im Lockdown: Bei keinem Kind, das weiterhin zur Kita kam, konnte sie bisher Probleme bei der Entwicklung feststellen. „Je jünger die Kinder in der U3-Gruppe waren, desto weniger Probleme hatten sie, weil auch die Eltern und Erzieherinnen da waren“, betont die Betreuerin. Denn die Kinder ihrer Gruppe wurden zu Hause und von den Erziehrinnen viel über die Situation aufgeklärt und waren zum Beispiel auch schon mit den Mund-Nasen-Masken vertraut, die die Erzieherin bei der Übergabe der Kinder an die Eltern trugen. „Wenn sie in ihrer Familie stabil sind, dann hat bisher die Pandemiezeit nichts Negatives verursacht bei den Kleinen.“ Bei sozial benachteiligten Familien könne das aber auch ganz anders aussehen, ergänzt die Expertin. Außerdem lasse sich noch nicht sagen, welche Folgen die Situation in Zukunft hat: „Was das jetzt mit der Entwicklung der Kinder künftig macht, kann man noch nicht sagen.“

Immer stiller, mehr Fernsehen

Auch aus Sicht der Eltern ist das vorläufige Fazit ähnlich. So etwa bei Eltern, die ihre dreijährige Tochter während des Lockdowns in die Kita gebracht haben. Sie wählten die Kinderbetreuung, weil die Mutter selbst in einer Kita arbeitet und der Vater voll berufstätig im Homeoffice war. „Unser Sohn ist zudem zu Hause und hat Homeschooling, sodass es sehr schwierig war, sich zeitgleich noch um unsere Tochter zu kümmern“, berichtet die Familie. Zunächst war die veränderte Situation im Kindergarten dennoch nicht einfach für ihre Tochter: „Die Freunde unserer Tochter wurden alle zu Hause betreut und es war am Anfang schwierig, unsere Tochter zu motivieren, in die Kita zu gehen. Sie hat es nicht verstanden, warum sie in die Kita geht und andere nicht. Aber das Gruppenteam hat sie jeden Morgen so freundlich in Empfang genommen und sich so stark eingesetzt, dass sie sich am Ende doch wohlgefühlt hat.“ Dennoch merkte man ihr an, dass nicht alle Spielkamerad*innen in der Kita waren, beschreiben die Eltern. „Da unsere Tochter kaum soziale Kontakte hatte, wurde sie zu Hause immer stiller und wollte öfter Fernsehen schauen. Es war schwer, sie zu motivieren, nach draußen zu gehen. Sie wurde immer gereizter und fing wegen Kleinigkeiten an zu weinen.“

Sportangebote für die Kleinsten fehlen

Auch Kinder, die in der Zeit zu Hause waren, wie die rund zwei Jahre alte Tochter der zweiten befragten Familie, hatten es nicht immer einfach: „Auf Dauer fehlen die gleichaltrigen Freunde und das gemeinsame Spielen“, berichten die Eltern. „Obwohl man sich als Elternteil bemüht, ein Alternativprogramm anzubieten, ist es kein Ersatz für die Freunde.“ Je länger der Lockdown anhielt, umso unruhiger wurde das Kind auch und fragte nach der Kita, den Erzieherinnen und Freund*innen, weil es gern wieder in den Kindergarten wollte. Zudem griff ihre Tochter auch wieder häufiger zum Schnuller, wollte öfter Fernsehen schauen und fragte täglich, ob sie wieder schwimmen gehen könnten. Dennoch schaffte es die Familie, den Alltag möglichst schön zu gestalten: „Die Betreuung zu Hause funktionierte gut, wir haben versucht, ihr eine gewisse Alltagsstruktur zu geben und sie in den Alltag einzubinden.“ So durfte ihre Tochter sie zum Beispiel bei Aufgaben im Haushalt unterstützen, viel basteln, malen, lesen, Gesellschaftsspiele spielen oder Fahrradfahren. Wichtig ist den Eltern nun aber dennoch, dass es sobald wie möglich wieder mehr Sportangebote für die Kleinsten gibt, um die Kinder stärker zu Bewegung motivieren zu können. Allen Eltern können sie nur raten, dass man dem Kind momentan noch mehr Rückhalt und Unterstützung gibt. „Denn für sie ist die Situation nicht einfach und nicht so verständlich wie für Erwachsene.“

Rückkehr in die Kita ohne Probleme

Und wie ist die Situation jetzt? Zwar bleiben die Betreuungszeit und das Angebot an Spielmaterial in der Kita noch immer reduziert und es gelten weiterhin die beschriebene Hygienemaßnahmen, aber zumindest sind fast alle Kinder mittlerweile wieder in die Gruppe zurückgekehrt – und das sogar ohne große Probleme, schildert die Erzieherin. „Wir haben festgestellt, dass die Kinder, die jetzt wiedergekommen sind, ohne Probleme in den Alltag reingekommen sind, als wären sie nicht weg gewesen.“ Die Umstellung zurück in den Kindergartenalltag haben sie wohl erst Tage später realisiert: „In den vergangenen Tagen haben sie aber öfter beim Abschied von den Eltern geweint“, ergänzt die Betreuerin. Insgesamt fühlen sich aber alle wieder wohl. Das können auch die Eltern bestätigen. „Jetzt, wo sie wieder mit ihren Freund*innen spielen kann, strahlt sie wieder Fröhlichkeit aus und wirkt deutlich lebendiger“, beschreiben die Eltern, deren dreijährige Tochter solange als einzige Ältere in der Gruppe war.

 

Tags: Kita

Kategorien: Stadtleben , Gelassen erziehen