Erziehung

Spielen und Spielzeug

Jan Wucherpfennig · 07.08.2017

© SolStock - iStock.com

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Der Mensch will spielen. Das war schon zu Urzeiten so und ändert sich auch nicht. Ein Plädoyer für eine verspieltere Erziehung.

Lasst uns spielen

Ist ja nur Spiel! Wirklich „nur“? Im Spiel begreifen Kinder ihre Umwelt, tasten sich ran an die Welt der Erwachsenen – und auch denen tut ein ausgelassenen, zweckfreies, fantasievolles Spiel mal gut. Solange es den Menschen gibt, gibt es das Spiel. Eine historische und gesellschaftliche Betrachtung.

Essen – jedes Jahr im September stürmen Zigtausende von Menschen die Essener Messehallen, nur um eines zu tun – zu spielen. Jedes Jahr im September stellen mehr als 1000 Aussteller auf der Essener Messe Spiel die neusten Trends der Spielebranche vor. Ob Groß oder Klein, Frau, Mann, Mädchen oder Junge, sie alle tummeln sich um die Tische der Spieleanbieter, schauen, staunen, informieren sich und probieren aus. Ob Brett- oder Action-, ob Karten- oder Computerspiel, ein munteres Mit- und Gegeneinander findet statt und zeigt vor allem eines: Spielen verbindet. Es ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen, egal welchen Alters er ist. Der große Messeandrang, die vollen Regale der Spielzeugläden und die bunte Werbung auf den einschlägigen Kindersendern besonders in der Vorweihnachtszeit scheinen die Behauptung zu widerlegen, dass das Spielen ausstirbt. Wie aber kommt es überhaupt zu dieser Ansicht, die von namhaften Autoren wie Gerald Hüther oder André Stern aufgestellt wird? Was verbirgt sich hinter dem Phänomen Spielen, wie hat es sich entwickelt und wie beeinflusst es die Entwicklung der Individuen? Und spielen Kinder im 21. Jahrhundert trotz des Überangebots an Spielzeug wirklich zu wenig?

Lange Vorgeschichte
Gespielt hat der Mensch immer schon. Bereits aus vorgeschichtlicher Zeit gibt es Funde von Spielwaren, kleine Tontiere und Rasseln. Aus dem alten Ägypten und dem antiken Griechenland kennen wir vollbewegliche Gliederpuppen aus Holz oder Ton, und römische Kinder spielen mit ganzen Puppenhäusern. Im Mittelalter erfreuen sich die Kinder an Kreiseln und Würfeln, beweglichen Puppen, Holz- oder Tontieren. Nach dem Dreißigjährigen Krieg beginnt sich in ganz Deutschland eine Art Spielzeugindustrie herauszubilden. Zum einen sind es die Bauern und Bildschnitzer, die sich durch die Herstellung von Kinderspielzeug besonders im Winter eine zusätzliche Einnahmequelle erschließen, zum anderen Berufsgruppen wie die Bergarbeiter im Erzgebirge, die den Verlust verloren gegangener Tätigkeiten kompensieren wollen. In den Städten sind es Handwerker und Künstler, die zum Beispiel in Ulm, Augsburg oder Nürnberg Herstellungszentren für Spielwaren entstehen lassen. Die in diesen Zentren erzeugten Spielwaren, bei denen es sich größtenteils um Einzelanfertigungen handelt, sind jedoch ein Luxusgut, das den Kindern reicher Familien vorbehalten ist. Erst mit der zunehmenden Industriellen Revolution und der damit möglichen Massenproduktion von Spielwaren wird diese auch für die bürgerlichen Schichten erschwinglich. Die Kinder der Industriearbeiter jedoch haben kaum Zeit und Muße zum Spielen – sie müssen von frühester Kindheit an zum Familienunterhalt beitragen. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts ändert sich dies.

Ton, Holz, Blech … und Plastik
Ist das Spielzeug anfänglich noch aus Ton oder Holz, so verändert sich das mit der Zeit. Papiermaché und Hartgussmassen treten an ihre Stelle, im 18. Jahrhundert erobern Bilderbögen die betuchten Kinderzimmer und Mitte des 19. Jahrhunderts begeistern sich vor allem Jungs und ihre Väter für mechanisches Spielzeug. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen die Kinder vermehrt mit Spielzeug aus Blech, doch ist dies heute fast ganz aus den Zimmern unserer Kinder verschwunden, einzig nostalgische Erinnerungsstücke, oft gekauft auf dem Weihnachtsmarkt, zieren die Wohnzimmervitrinen. Heute, soviel ist klar, werden Kinderzimmer von Kunststoffspielzeug dominiert, allen voran Lego und Playmobil. Zwei Milliarden Playmobilfiguren sollen weltweit die Kinderzimmer bevölkern. Zudem verdrängen Spielkonsolen wie die X-Box oder die Playstation zunehmend die klassischen Brettspiele.

Spieltrieb von Anfang an
Nach dem Saugreflex ist der Spieltrieb eine der ersten kindlichen Regungen überhaupt. Bereits beim ersten Stillen beginnt das Kind mit der Mutterbrust zu spielen und würde damit auch nicht aufhören, wenn es nicht daran gehindert würde – sei es durch den gestillten Hunger oder das Ablegen durch die Mutter. Egal, was auch passiert, das Kind will spielen, denn nur so kann es seine Umwelt begreifen und erfahren, lernen, sich in ihr zu bewegen. Spielen ist seine erste Möglichkeit, sich auszudrücken und bemerkbar zu machen. Dabei durchläuft das Kind mehrere Phasen. Zunächst spielt es mit allem, dessen es habhaft werden kann. Das können die eigenen Zehen sein, ein Ball, ein Tuch oder auch der Schlüsselbund. Nach und nach entdeckt es, durch sein Spielen etwas auszudrücken, reale Welten nachzuspielen und neue Welten zu entwickeln. Dafür gibt es dann verschiedenste Arten von Spielzeug für jede Entwicklungsphase. Spielzeug zum Schütteln, Rasseln, Stapeln oder Stecken, aus Holz oder Plastik, dann auch Autos, Puppen oder kleine Figuren und Zubehör, später Aufbauten wie Kaufladen, Puppenküche oder Indianerzelt. Um voll vom Kind akzeptiert zu werden, ist es dabei besonders wichtig, dass die Spielsachen der Realität gleichen, in der sich das Kind bewegt. Dies ist sicherlich auch einer der Gründe, warum die Spielewelten von Playmobil und Lego so erfolgreich sind. Sie gleichen der realen Welt – wobei auch die Star-Wars-, DC- und Marvel-Welten für unsere Kinder „reale“ Welten sind.

Spiel ist Lebensfreude
Beim kleinkindlichen Spielen gelten oft keine Regeln, das Spiel regelt sich selbst. Erst mit fünf bis sieben Jahren beginnt das Kind, nach festen Regeln zu spielen und auch um etwas zu spielen - das Gewinnen rückt mit zunehmenden Alter immer mehr in den Mittelpunkt des gemeinsamen Spielens. Das Kind befindet sich dabei im Wettstreit mit anderen Kindern, die zwar gegeneinander- aber dennoch miteinander spielen. Innerhalb eines fest definierten Regelwerks und fest umrissener Spielräume sind sie zwar Gegner, doch nach Aufhebung dieser Grenzen, das heißt mit Beendigung des Spiels sind sie wieder Freunde. So kämpfen Fußballspieler während des Spiels verbissen um jeden Ball, stoßen und rempeln ihre Gegner, freuen sich über jedes eigene Tor und jedes Missgeschick des Gegners, nur um sich nach dem Ende des Spiels gemeinsam über das Erlebte zu unterhalten und darüber zu freuen. Kinder legen im Spiel ihre Ängste ab und gehen freiwillig über ihre Grenzen hinaus, die sie auf Befehl nicht nehmen würden. Ihr Gehirn wird stimuliert, neue Reize wecken Lust, Freude und Begeisterung, Lebensfreude entsteht. Dadurch werden spezielle neuronale Zentren im Hirn angeregt und es erfolgt eine Art selbst erzeugtes Doping. Die ausgelöste Begeisterung fördert und formt das Gehirn. Je größer diese Anregungen sind, umso besser unterstützen sie die kindliche Gehirnentwicklung. Mit fünf Jahren haben Kinder etwa achtzig Prozent ihrer Intelligenz entwickelt.

Spielen fordert und fördert
Das Spiel mit anderen fördert auch die sozialen Kompetenzen der Kinder. Sie erleben Nähe und Vertrauen, entwickeln Einfühlungsvermögen, Verständnis für andere und Gemeinschaftsgefühl, ihr Verantwortungsgefühl wird geweckt. Im Spiel lernen Kinder das Einhalten von Regeln und das Aushalten von Misserfolgen, aber auch, eigene Standpunkte einzubringen, Kompromisse zu finden und Konflikte auszutragen, sie können sich besser anpassen und gegenüber ihren Mitmenschen abgrenzen. Spielen fördert die Denkfähigkeit und Kreativität. Besonders wenn die Kinder klein sind, finden sie ihre Spielgefährten zunächst in der Familie. Die Eltern sind als Mitspieler gefragt, müssen sich auf das Spiel ihres Kindes einlassen, mit ihm die Freude am Spiel teilen und können dabei zugleich beobachten, welche Fortschritte das Kind macht. Neben dem Spielen mit anderen nimmt auch das Alleine-Spielen eine wichtige Rolle ein. Dabei werden Konzentrationsfähigkeit, Selbstwertgefühl und Selbstständigkeit gefördert. Sind es im ersten Lebensjahr oft nur wenige Minuten, die Kinder allein spielen, so beginnen sie ab dem Alter von drei Jahren oft schon ausgiebig und lange allein zu spielen, basteln oder malen. Solange es konzentriert im Spiel ist, sollte das Kind nicht unterbrochen werden – es braucht keine Anregungen, und muss auch lernen, Probleme, die sich beim Spiel ergeben, selbst zu lösen.

Spielen und Lernen
So ist das spielende Kind immer auch ein lernendes Kind, und ein Kind im Spiel zu stoppen, hieße auch, es am Lernen zu hindern. Sind somit Spielen und Lernen zwei Seiten ein und derselben Medaille? Nicht unbedingt, denn immer dann, wenn das Kind im Spiel von den Erwachsenen unterbrochen wird, um etwas „Nützliches“ zu lernen, wird es in seiner Entwicklung gestoppt. Autor André Stern, Sohn des Malort-Gründers Arno Stern, behauptet gar, dass Lernen das Opfern der Gegenwart im Namen einer möglichen, aber nicht immer gewissen Zukunft ist. Nur das Lernen durch Spielen sei nachhaltig und daher auch bis ins hohe Alter möglich. In Schulen und Kursen Erlerntes wird allein dann nicht vergessen, wenn es den durch das Spielen geförderten Neigungen des Kindes entspricht. Kinder spielen und lernen aus eigenem Antrieb. Dazu brauchen sie keine Erwachsenen, die ihnen vorgeben, wie und was sie zu spielen haben. Diese können Anregungen geben, als Publikum dienen oder Mitspieler sein, aber immer nur nach den Spielregeln der Kinder.

Spielen bildet aber nicht nur den Geist, sondern auch den Körper, denn Spielen bringt das Kind in Bewegung. Die körperlichen Fähigkeiten werden geübt und gefördert, Kinder lernen ihren Körper kennen und beherrschen, werden geschickter. Sie trainieren Herz und Kreislauf, Atmungsorgane und Muskeln, festigen Knochen und Gelenke und auch dem Übergewicht beugt das Spielen vor. Gesellschaftliche Zwänge beschneiden jedoch mit zunehmendem Alter das Spiel des Kindes. Es muss sich den Regeln der Erwachsenen unterordnen und ihre Anweisungen als Orientierung für sein Leben annehmen. Über dem Spiel steht zunehmend immer der Versuch, Irrtümer möglichst zu vermeiden. Das Kind wird gezwungen, sein Spiel vorausschauend zu planen. Aus dem spielenden Menschen, dem „homo ludens“, wie der niederländische Kulturhistoriker John Huizinga ihn nannte, wird der planende Mensch, der „homo oeconomicus“, der nicht mehr spielt, um zu gewinnen, sondern um Gewinn zu machen. Ziel ist nicht mehr die Freude am Moment, sondern das Bestreben, im Leben besser dazustehen, sich eine sichere Position aufzubauen. Und so wird das Spiel genutzt, um Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gezielt zu trainieren. Der eigentliche Sinn des Spiels geht verloren.

Weniger ist mehr
Die Flut der in den vergangenen Jahrzehnten erschienenen Lern- und Förderspiele hat einzig den Sinn, bestimmte Fähigkeiten der Kinder zu trainieren, um sie für den Konkurrenzkampf in Schule und Beruf zu rüsten. Individuelle Eigenheit, Spontaneität und Kreativität werden dadurch vielfach zunichtegemacht. Auch die gut gemeinten Versuche der Eltern, ihre Kinder durch Mal-, Sport- oder Musikkurse zu fördern, sind unter diesem Aspekt zu sehen und eher kontraproduktiv, wenn sie nicht den Neigungen und dem Willen des Kindes entsprechen. U3-Betreuung und Kita können für kleine Kinder stressig sein. Reizüberflutung, Hektik und streng durchstrukturierte Abläufe wecken in ihnen den Wunsch, sich zurückzuziehen, mit sich und ihrem Spiel allein zu sein, zu entspannen. Dann ist auch die Reizüberflutung, die in vielen Kinderzimmern herrscht, nicht immer hilfreich. Viele Kinder wissen vor lauter Spielzeug gar nicht mehr, was sie spielen wollen - weniger wäre da oft mehr. Angst vor Langeweile braucht dabei niemand zu haben, denn gerade aus der Langeweile heraus entwickeln sich zumeist neue Spielideen. Oftmals genügen ein paar Alltagsgegenstände, um neue Spielwelten entstehen zu lassen. Da wird aus dem Schuhkarton ein Mondfahrzeug, aus der Klopapierrolle die Mondrakete und die Zahnbürste wird zu Buzz Lightyear. Eine Idee, die ja auch manche Kindertagesstätte mit sogenannten spielzeugfreien Wochen umsetzt.

Heutzutage entspannen sich ältere Kinder mehr und mehr am Computer, dem Handy oder der Spielekonsole. Diese Art des Spielens lässt jedoch jede Art von Eigeninitiative vermissen. Hier ist das „spielende“ Kind auf die Rolle des Konsumenten beschränkt, reagiert nur noch und agiert nicht mehr. Das Miteinander bleibt weitgehend außen vor, hier geht es nur noch um den Gewinn, nicht mehr um das Gewinnen. Und je älter wir werden, desto weniger spielen wir. Erfolg in Berufs- und Privatleben halten uns immer mehr davon ab, unbeschwert zu spielen. Selten sind die Momente, in denen wir uns gedankenlos dem Spielen hingeben, in denen wir ohne Zweck und Ziel mit den Kindern herumtollen und in denen wir einfach nur wir sind. Schon Schiller sagte: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ So gefährden weder Handy noch Spielekonsole, weder Fernsehen, Computer oder das World Wide Web unser Spiel, sondern vor allem der gesellschaftliche Zwang, Gewinn zu machen, Erfolg zu haben im Privaten wie auch Beruflichen. Nur durch eine Besinnung auf „gewinnfreie“ Zonen können wir uns und unseren Kindern die Freude am Spielen bewahren. Daher ist die Befürchtung von Buchautoren wie Hüther und Stern, dass das Spielen aussterben könnte, durchaus nachvollziehbar. Doch wenn das Spielen in der Tat einer der ursprünglichsten Instinkte des Menschen ist, wird es sich immer wieder Bahn brechen. Selbst in den aussichtslosesten Momenten spielt der Mensch - nicht umsonst sind selbst in den verlassenen Baracken von Auschwitz Spielsachen gefunden worden. Nicht nur gilt, solange gespielt wird, ist der Mensch, sondern auch, solange der Mensch ist, spielt er.

Fürsprecher des Kinderspiels
André Stern: Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben. Sandmann 2016, ISBN 978-3-945-54323-8, 19,95 Euro. Der Autor, als Sohn des Pädagogen Arno Stern ohne Schulbesuch aufgewachsen, schreibt naturgemäß aus einer ungewöhnlich, aber gerade deswegen bedenkenswerten Perspektive.

Gerald Hüther / Christoph Quarch: Rettet das Spiel!: Weil Leben mehr als Funktionieren ist. Hanser 2016, ISBN 978-3-446-44701-1, 20 Euro. Ein Hirnforscher und ein Philosoph setzen sich intensiv mit allen Aspekten des Spielens auseinander und liegen dabei auf einer Linie mit André Sterns Gedanken des Freilernens.

Tags: Erziehung , Kind , Spiel

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