Erziehung

Schneller, höher, früher?!

Susan Loop · 03.12.2017

© Bettina Schipping

© Bettina Schipping

"Was, deiner läuft noch nicht?" Besonders für junge Eltern kann das ewige Vergleichen stressig sein. Auswege aus der Optimierungsspirale ...

Alle tun es täglich – das Vergleichen. Besonders junge Eltern setzt dies unter Leistungsdruck. Wir werfen einen Blick auf die zwei Seiten des ständigen „Schneller, Höher, Weiter“.

+Es fängt schon in der Schwangerschaft an. „Wie, du bist schon im siebten Monat? Also bei mir war der Bauch da doppelt so groß!“ Der Kommentar einer Kollegin im Büro lässt mich stutzig werden. Im Geburtsvorbereitungskurs am Abend schaue ich sorgenvoll in die Runde. Irgendwie scheinen alle werdenden Mütter rundlicher zu sein als ich. Dass wir uns in Körpergröße und Statur wesentlich unterscheiden, sehe ich schon nicht mehr. Monate später bei der Babymassage. Die Kinder werden gewogen. Während die anderen Mütter freudig erregt den Gewichtszuwachs ihrer Sprösslinge kommentieren, trifft mich der besorgte Blick der Hebamme. „Das ist aber wenig!“ Als dann auch noch das Thema Schlafen aufkommt, möchte ich mich am liebsten in Luft auflösen. Um mich herum beginnt ein regelrechter Bieterwettstreit. „Also meiner schläft seit drei Tagen durch.“ – „Meine Kleine macht das schon von Anfang an!“

„Ist das normal?“
Je älter die Kinder, desto vielfältiger werden die Wettbewerbsdisziplinen. Hier punkten Eltern, deren Nachwuchs zuerst sitzen, stehen oder laufen kann. Der Wunsch, möglichst alles perfekt zu machen, treibt frischgebackene Mütter in die Konkurrenz um den gesündesten Brei oder die bestmögliche Förderung. Noch nie gab es eine so unendliche Vielfalt an Informationen und Möglichkeiten im Umgang mit Kindern. Das schafft Verunsicherung. Daher greifen wir auf eine ureigene Strategie zurück. Das Vergleichen! Der Sozialpsychologe Jan Crusius forscht und lehrt an der Universität Köln zu diesem Thema. In der Zeitschrift „Psychologie Heute“ beschreibt er die Vor- und Nachteile. So hilft uns der Blick auf andere, uns einzuordnen. Geht es uns schlecht, beruhigt es zu sehen, dass andere noch schlechter dran sind. Schließlich geben Vergleiche Hinweise darauf, wie wir uns verbessern können. Und sie spornen uns an, dies auch zu versuchen. Weshalb wir den Wettkampf oftmals auf die Spitze treiben, fand kürzlich ein internationales Forscherteam heraus. Unser Belohnungssystem im Gehirn ist dann besonders aktiv, wenn wir unsere Mitmenschen überbieten. Aber wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer! „Was, dein Sohn spricht noch nicht? Übt ihr denn gar nicht?“ – „Ist das normal, dass deine Tochter noch nicht trocken ist?“ Manchmal ist es die Art zu fragen, die ganz deutlich macht, wer oben und wer unten ist. Was bleibt, ist das Gefühl, weniger wert zu sein. Oder es kommt Neid auf. Und je größer dieser ist, desto niedergedrückter die Stimmung. Wer dem entgehen will, versucht gern, sich selbst besser darzustellen. „Mein Kind kann das schon!“ Ironischerweise führt das dazu, dass nun die anderen mehr Neid empfinden. Eine Neidspirale wird in Gang gesetzt.

Optimierungszwang
Der elterliche Ehrgeiz birgt auch Gefahren für die Kinder. Hebammen und Ärzte warnen vor den körperlichen Schäden für die Kleinen, wenn sie zu früh in Kinderstühlchen gesetzt werden oder in Lauflernhilfen „hängen“. Der Nachwuchs erhält das Signal: „Ich bin nur gut, wenn ich kann, was ihr wollt!“ Dabei entwickelt sich jedes Kind ganz individuell in seinem eigenen Tempo und mit ganz eigenem Charakter. Kinder brauchen Eltern, die sich empathisch einfühlen können. Nur so fühlen sie sich gesehen und gehört. Dann erst entsteht das lebensnotwendige Vertrauen in sich selbst und die Umwelt. Das fordert heraus, denn wir leben in einer Konsumgesellschaft. Werbung, Leistungsdenken und Optimierungszwang laden gleichsam dazu ein, alles zu vergleichen und zu bewerten. Jan Crusius empfiehlt gegen den Vergleichsstress, sich abzulenken. Oder sich statt mit anderen mit sich selbst zu vergleichen: Ich mache zwar nur alle zwei Wochen Sport, aber früher habe ich es gar nicht geschafft. Alternativ bietet sich ein Wechsel der Dimension an: Ihr Sohn schläft zwar besser, dafür kann sich meiner schon einige Zeit selbst beschäftigen. Einer völlig erschöpften Mutter entgegenzuflöten, wie perfekt alles beim eigenen Kind läuft, ist schlichtweg gemein. Dann hilft es mehr, einfach mal nichts zu sagen.

Sicherheit durch Erfahrung
Im Übrigen geben Studien Hoffnung, auf die Crusius verweist: „Je älter Menschen sind, desto seltener berichten sie über negative Folgen sozialer Vergleiche.“ Als Mutter von inzwischen jugendlichen Teenagern kann ich dem rückblickend nur zustimmen. Mit der Erfahrung wächst die Sicherheit. Auch ehrlich sein hilft. Schließlich fühlen wir uns am wohlsten unter Menschen, die authentisch sind und zu ihren Schwächen stehen. Mein persönliches Rezept gegen Vergleichsfrust stammt von der rheinischen Frohnatur: „Es ist, wie es ist. Es kommt, wie es kommt. Es ist noch immer gut gegangen.“

Absoluter Filmtipp:
Was hat uns bloß so ruiniert, Österreich 2016, Drehbuch und Regie Marie Kreutzer, 96 Minuten.
Ein ehrlicher, emotionaler und gleichzeitig sehr selbstironischer Blick auf das Elternwerden und den damit verbundenen Glaubenskrieg und Wettbewerb in Babymärkten und Krabbelgruppen.

Tags: Kinder , Leistungsdruck

Kategorien: Erziehung