Gelassen erziehen

Raus aus der Medienfalle

Anna Bolten · 02.09.2021

© Mari Dambi – AdobeStock

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Heutzutage und insbesondere in der Coronazeit hat die Mediennutzung von Kindern zugenommen. Der Kinderschutzbund bietet eine neue Mediensprechstunde an.

Ab welchem Alter dürfen die Kinder selbstständig im Internet surfen? Wie lange dürfen sie ihre mobilen Geräte nutzen? Was macht man gegen Cybermobbing oder eine Mediensucht? Eltern haben viele Fragen, was den Medienkonsum ihrer Kinder angeht. Die neue, individuelle  Mediensprechstunde des Kinderschutzbundes Düsseldorf kann helfen. Wie genau, das erklärt uns der Medienbeauftragte Ansgar Sporkmann (58) im Interview.

Libelle: Warum gibt es die neue Mediensprechstunde?

Ansgar Sporkmann: Die Mediensprechstunde haben wir als festes Angebot eta-bliert, weil in der Vergangenheit im Rahmen der normalen Beratung von Eltern häufiger Anfragen zum Thema Medien und konkret zum Medienumgang zutage kamen. Aufgrund der Pandemiebeschränkungen finden die Beratungen derzeit ausschließlich per Telefon, Skype und Co. statt, mein Wunsch ist es, sie aber künftig auch in Präsenz zu veranstalten. Denn dann können noch einfacher die betroffenen Kinder mit einbezogen und ihre Sicht auf die Mediensituation besser beleuchtet werden.

Weshalb nutzen Eltern die Mediensprechstunde?

Ansgar Sporkmann: Das sind unterschiedliche Motive – einerseits benötigen die Eltern beispielsweise Tipps für eine Kinder-Suchmaschine oder wollen einen geeigneten Jugendschutz-Filter einrichten. Oder sie haben konkrete Anlässe wie zum Beispiel, wenn der Sohn oder die Tochter über das Internet gemobbt wird oder sich bereits im jungen Alter Pornos anschaut. Häufig sind zudem Verunsicherungen der Eltern Anlass für eine Beratung. So etwa, wann die Kinder welches Gerät und welche App nutzen sollten.

Ab welchem Alter empfehlen Sie Mediennutzung?

Ansgar Sporkmann: Früher habe ich geraten, dass Kinder ab acht Jahren eine Spielekonsole und ab zwölf ein Smartphone bekommen können. Heute sieht die Realität aber leider anders aus: Die meisten bekommen bereits als Sechsjährige:r ein eigenes Mobiltelefon, sodass schon in Grundschulen eine Geräteabdeckung von bis zu 70 Prozent vorliegt, bei Jugendlichen sogar von 98 Prozent. Da der Medienkonsum heute ein Bestandteil des kindlichen wie elterlichen Lebens geworden ist, empfehle ich Eltern mittlerweile, die Mediennutzung so lange wie möglich zu verhindern und sie danach gezielt zu regulieren.

Wie sollte die Mediennutzung der Kinder geregelt sein?

Ansgar Sporkmann: Um die Mediennutzung zu regeln, empfehle ich, einen Vertrag zwischen den Eltern und Kindern abzuschließen. Es gibt zum Beispiel die Webseite „mediennutzungsvertrag.de“, die von dem Anbieter „klicksafe“ und dem Verein „Internet-ABC“ betrieben wird. Damit kann man als Familie festlegen, wie lange Spielekonsolen, Smartphone und Co. genutzt werden dürfen – und zwar von den Kindern wie den Eltern. Die festgesetzten Regeln sollten dann zwar gegenseitig eingehalten werden, man braucht dabei aber nicht zu streng sein. Spielt das Kind etwa ein neues Computerspiel länger als abgesprochen, kann man als Kompromiss zum Beispiel am nächsten Tag einen Spaziergang im Park machen.

Welchen Gefahren können Kinder über die Medien begegnen?

Ansgar Sporkmann: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es in nahezu jeder Schulklasse Cybermobbing gibt, das im schlimmsten Fall etwa zu Essensverweigerung, Schulwechseln oder Suizidgedanken führt. Das Gefährliche ist dabei, dass die Täter:innen ihre Opfer anonym attackieren und daher schwer verfolgt werden können. Ebenso bildet auch mangelnder Datenschutz ein Risiko: Werden Name, Adresse oder zum Beispiel Hobbys, aber auch Fotos von den Kindern oder dem Garten veröffentlicht, kann das eine Einladung für Erwachsene wie etwa Pädosexuelle sein. Auch gefährlich sind Livestreams aus dem Kinderzimmer. Zudem merken wir aktuell verstärkt, dass auch unter Kindern Verschwörungsmythen kursieren, die zu Radikalisierungen führen können.

Welche Apps sind kindgerecht?

Ansgar Sporkmann: Da nicht alle Apps kindgerecht sind, empfiehlt es sich, Kindersicherungen für bestimmte Anwendungen zu nutzen. Auch gibt es mittlerweile etwa Youtube für Kids, wobei man dabei vorsichtig sein muss. Deshalb sollte man sich als Elternteil auch über solche „Kinder-Angebote“ und deren Funktionen informieren. Dazu rate ich zur Webseite „handysektor.de“, die Steckbriefe zu verschiedenen Apps und deren pädagogische Altersempfehlungen angibt. Aber auch mit den Kindern lässt sich regelmäßig über die verschiedenen Anwendungen sprechen – so zeigt man das Interesse gegenüber den Kindern und findet gleichzeitig heraus, wofür sie die Apps nutzen.

Wie schnell entsteht Mediensucht?

Ansgar Sporkmann: Es ist nicht direkt jedes Kind, das viele Computerspiele spielt, davon betroffen. Stattdessen gehört dazu auch, dass die Kinder isoliert ohne soziale Kontakte leben und zum Beispiel keinen Ausgleich in Form eines Vereinssports haben. Von einer richtigen Mediensucht, wie sie im ICD-Krankheiten-Katalog charakterisiert ist, spricht man deshalb nur selten: Studien zeigen, dass rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen Anzeichen einer Mediensucht aufweisen. Liegt tatsächlich eine solche Sucht vor, rate ich aber dazu, dass das Kind therapeutische Hilfe aufsucht.

Was geben Sie Eltern bezüglich der Medienerziehung noch mit auf den Weg?

Ansgar Sporkmann: Grundsätzlich möchte ich nochmal betonen, dass die Eltern eine wichtige Rolle bei der Medienerziehung ihrer Kinder spielen. So sollten Kinder im besten Fall durch den Schulunterricht sowie schulische Medienprojekte und ebenso durch die elterliche Erziehung zu Hause auf die Vorteile und Risiken der Mediennutzung aufmerksam gemacht werden. Zudem können sich auch die Kinder untereinander helfen: Ich habe in der Vergangenheit beispielsweise Kinder zu Medienexpert:innen ausgebildet, sodass sie Gleichaltrige bei Fragen unterstützen konnten.

Experteninfo

Ansgar Sporkmann (58) gründete vor 20 Jahren das Internet-Beratungsunternehmen „netaspect GbR“ in Düsseldorf, das Firmen unter anderem bei der Erstellung von Analysen und Konzepten sowie Realisierungsplänen, etwa im Bereich Online-Marketing, unterstützt. Zudem ist Sporkmann seit 15 Jahren bei der „Nummer gegen Kummer“ und dem Kinderschutzbund Düsseldorf und dort heute auch als Vorstandsmitglied tätig. Beim Kinderschutzbund bietet Sporkmann als Medienbeauftragter seit Mai 2021 eine neue, individuelle und auf Wunsch auch anonyme „Mediensprechstunde“ für Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern an. Darin gibt er Tipps zur Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen und berät bei allen Fragen zu Medien sowie über mögliche Risiken. Aufgrund der Pandemiebeschränkungen finden die Beratungen derzeit ausschließlich per Telefon oder Skype statt. Termine können unter der Telefonnummer 0211.617 05 70 oder info@kinderschutzbund-duesseldorf.de vereinbart werden. Zusätzlich veranstaltet Sporkmann beim Kinderschutzbund Düsseldorf regelmäßig Vortragsabende zum Thema Medienkompetenz und -erziehung. Dort gibt er einen allgemeinen Überblick über typische Fragen zur Medienerziehung, spricht aber auch Themen wie Cybermobbing und Mediensucht an. Der Vortragsabend dient dazu, Eltern für den Medienumgang ihrer Kinder zu sensibilisieren.

 

Nützliche Klicks

Auf der von der EU geförderten Website klicksafe.de finden Eltern Tipps, wie sie ihr Kind Schritt für Schritt an Internet, PC-Spiele, Smartphone und Apps heranführen und die Mediennutzung sicher gestalten können. Zudem werden weiterführende Materialien, Flyer und Broschüren bereitgestellt und kindgerechte Angebote empfohlen.

Die von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg angebotene Website handysektor.de ist eine unabhängige Anlaufstelle mit Tipps, Informationen und kreativen Ideen rund um den Gebrauch von digitalen Medien. Sie hilft jungen Nutzer:innen, Fragen zu klären und Probleme zu beheben, um medienkompetent zu sein.

Tags: digital , Erziehung

Kategorien: Gelassen erziehen