Erziehung

Raus aus der Hektik

Eva Rüther · 03.12.2017

© miodrag ignjatovic – iStock

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Libelle-Autorin Eva Rüther macht sich auf die Suche nach einem Ausweg aus der alltäglichen Hektik. Gelingt die entschleunigte Familie?

Ich weiß, ich weiß: Wir sollen alles mit den Kindern gemeinsam machen. Und vor allem: ganz in Ruhe. Selbst Ruhe ausstrahlen, immer gelassen bleiben und alles mit ausreichend Zeit planen. Aber ganz ehrlich: Wie soll das gehen zwischen Beruf, Haushalt, den eigenen Terminen und denen der Kinder? Die „entschleunigte Familie“ ist sicher ein Ideal. Unrealistisch oder doch möglich?


Ich liebe Weihnachten. Und ich liebe die Vorweihnachtszeit. Deshalb will ich diese Tage auch unbedingt genießen mit allem, was dazugehört: Plätzchen backen, dekorieren, natürlich basteln, vielleicht noch ein Theaterstück oder lieber eine Kinderoper besuchen, Weihnachtsfeiern (ich finde ganz schrecklich, wenn sie nachgeholt werden), gemeinsam Stollen essen, auf den Weihnachtsmarkt gehen –
meine persönliche Liste ist lang. Vermutlich zu lang. Doch wichtig dabei ist mir, dass es eine Zeit voller Vorfreude, Geheimnisse und Gemütlichkeit ist.

Stillstand nicht vorgesehen
Ich weiß nicht, wie viele Leser bei meiner Aufzählung denken mögen: „Das ist viel zu viel.“ Vielleicht? Totales Klischee? Unrealistische Bilder aus einem Werbefilm? Kann ja alles sein. Und wenn ich ehrlich bin, funktioniert es ja auch nicht in dieser Form. „Nein, es funktioniert tatsächlich nicht!“ – Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, ärztlicher Leiter des Zentrums für psychosoziale Medizin im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, überrascht mich mit dieser Aussage. „Die entschleunigte Familienzeit ist ein moderner Begriff, der etwas völlig Unmögliches beschreibt. Wir können nicht einfach langsamer leben – das ist eine romantische Idee.“ Und er begründet das damit, dass unser Leben von einer Ökonomisierung durchdrungen ist. „Es gibt keine Wirtschaftstheorie, die besagt, dass es anders geht – Stillstand gilt als Rückschritt. In jedem Jahr geht es doch letztlich um die Steigerung der Rendite, um mehr Wachstum.“

Zu Potte kommen
Und er hat ja recht: Wir wollen als Eltern ja auch das Beste für unsere Kinder, einen guten Schulabschluss, die beste Förderung. Das fängt schon in der Grundschule an. Und da müssen die Kinder zunächst einmal pünktlich in die Schule kommen: Vor allem unser jüngerer Sohn, acht Jahre, kennt das Wort „beeilen“ irgendwie gar nicht. Letztens hat er gesagt: „Jetzt muss ich aber echt mal zu Potte kommen!“ Ich war begeistert von seinem Gefühl, sich tatsächlich einmal beeilen zu müssen, und sah ihn aber dann auf dem Boden im Kinderzimmer sitzen, er blätterte in einem Buch und sang ein Lied. Fröhlicher Kerl. Dafür liebe ich ihn. Aber in dem Moment hätte ich durch die Decke springen können: „Warum ziehst du dich nicht an? Die anderen Kinder warten doch auf dich! Ich dachte, du wolltest dich beeilen!“ – „Aber ich finde meine Strümpfe nicht.“ – „Dann zieh eben andere an!“ – „Welche denn?“ – „Das ist mir doch egal! Zieh halt irgendwelche Strümpfe an die Füße!“ Er wird hektisch und klemmt sich fast die Finger in der Sockenschublade ein. Ich gebe es zu: Das hat nichts mit friedvoller Ruhe, geschweige denn pädagogischen Highlights zu tun. Müsste ich ihm die Zeit geben? Ganz lieb sagen: „So, mein süßer Sohn, wenn du möchtest, dann ziehst du dich nun an. Wenn nicht, kommst du zu spät.“ Das weiß er ja selbst. Und: So bin ich nicht.

Gaaaanz laaangsam
„Und wenn Sie so nicht sind, dann stehen Sie doch auch dazu“, meint Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort dazu. „Eltern sind Vorbilder für unsere Kinder. Es ist zynisch zu verlangen, dass Kinder gelassen ihren Tag verbringen, wenn Eltern das selbst nicht können oder vorleben.“ Das merke ich ja auch: Wenn ich hektisch werde, stelle ich das bei meinen beiden Jungs auch fest. Es baut sich auf einmal eine Unruhe zwischen uns auf, die sich auf alle Familienmitglieder überträgt. Letztens bin ich so durch den Tag gehetzt, dass ich tatsächlich die Sportsachen für meinen Sohn zu Hause habe liegen lassen, als ich ihn zum Sport bringen wollte. Als unsere Jungs klein waren, habe ich oft versucht, mich zu zwingen, nicht hektisch zu werden. Wenn sie so gaaanz laaangsam die Welt erkundeten, laaangsam über den Feldweg gingen, diesen oder jenen Grashalm, Stöckchen, Stein oder Käferchen entdeckten – das war herrlich. Und doch war ich oft innerlich nervös und habe dann irgendwann gesagt: „Nun kommt. Ich will mal nach Hause.“ Schließlich lebe ich nicht in einer Kinderwelt, sondern in einer Welt, in der es Termine gibt. Das ist eben so. Genauso wie es das Handy gibt. Wir können nicht so tun, als lebten wir in einer Welt wie vor 100 Jahren. Dann müsste ich in ein Häuschen nach Griechenland ziehen. Weit ab von allem. Und das will ich nicht. Ich will ja erleben, feiern, alles mitkriegen. Und nun ist Vorweihnachtszeit. Und da will ich doch alles schön haben.

Insel der Gemeinsamkeiten
„Eben. Sie machen sich jedenfalls teilweise Ihren Druck, Ihre Termine selbst. Und damit auch den Stress. Wir alle müssen uns dem heutigen Tempo anpassen und mitlaufen können. In einer Familie sollte deshalb geklärt werden: Welches Tempo brauchen wir? Wo gibt es Inseln der Gemeinsamkeiten? Was interessiert mein Kind? Wo will ich selbst verzichten und wo nicht? Wir können uns eine Zeit schaffen, in der wir uns tief in die Augen schauen und auf uns hören.“ Gut, eine „Insel der Gemeinsamkeit“ ist ein schöner Gedanke. Denn ich kann und möchte meinen Söhnen nicht auf einmal ihre Hobbys nehmen: kein Sport, keine Musik – das geht nicht. Dann würden sie vielleicht gar nicht spielen, sondern sich langweilen. „Und wer langweilt sich schon gern? Wir Erwachsenen doch auch nicht – und gleichzeitig erwarten wir das von Kindern?“ „Ja, und wenn ihnen gar nichts zum Spielen einfällt, gucken sie in die Luft“, sage ich verstehend und werde gleich korrigiert. „Nein, das ist Tagträumen und keine Langweile, das ist Meditation.“

Kleine Schritte zur Gelassenheit
Ach, es ist irgendwie so schwierig, die Balance zu finden zwischen Schule, Beruf, Freizeit. „Vielleicht haben Sie recht“, gebe ich dann zu. „Ich selbst möchte ja auch in der Freizeit nichts verpassen. Natürlich habe ich das meinen Jungs genauso vermittelt.“ – „Dann gebe ich Ihnen den Rat, mehr miteinander zu teilen, zum Beispiel ein Essen mit allen vorzubereiten und es dann gemeinsam zu genießen. Gemeinsamer Genuss ist wichtig. Dann haben Sie eine Insel inmitten des Alltages geschaffen.“ Und wenn ich aus dieser kleinen Familien-Insel der Gemeinsamkeit wieder den Schritt in den Alltag tue, der nun einmal hektisch ist, dann kann ich damit vielleicht ruhiger und gelassener umgehen. Ein paar Versuche sind es vermutlich wert. Und was soll ich euch sagen? Es ist tatsächlich richtig harte Arbeit, seinen Alltag auch nur ein kleines bisschen umzukrempeln. Die Verhaltensmuster und Strukturen sind so festgefahren! Wir können uns ja nicht einfach von einem Tag zum anderen aus allem ausklinken. Deshalb bietet es sich auch an, mit ein paar Ferientagen die Entschleunigung anzutesten. Vielleicht einfach mal die letzten vier, fünf Ferientage von allem freihalten? Keine Städtereise, kein Ferienkurs, keine Verwandtenbesuche. Natürlich machen wir dann nicht nichts an diesen Tagen – aber wir lassen dem Leben mal wieder eine Gelegenheit, mit einer unerwarteten Überraschung auf uns zuzukommen, anstatt ihm ständig hinterherzurennen … und kommen so vielleicht an eine frisch gestrichene Wand, probieren ein neues Rezept aus oder sind zu Hause, wenn Verwandte sich melden, die eigentlich im Ausland leben, aber gerade für einen Nachmittag in der Stadt sind?

Aktives Terminmanagement
Die Wochen füllen sich im Kalender, je näher sie rücken. Hinter das entspannte Frühstück mit Freundinnen, auf das ich mich so gefreut hatte, hat sich jetzt noch der Besuch des Schornsteinfegers gequetscht und wenn ich nicht aufpasse, gibt es davor noch einen frühen Impftermin für einen der Jungs … Also: Den Schornsteinfeger anrufen und den Termin um eine Woche verschieben und auch beim Kinderarzt einen anderen Tag vereinbaren. So bleibt der Vormittag frei für das Frühstück und ich kann es ohne Termindruck genießen. Ich merke mir: Es ist vielleicht im ersten Moment bequemer, sich die Termine von anderen in den Kalender diktieren zu lassen und irgendwie möglich zu machen – aber der kleine Aufwand, öfter mal aktiv regulierend in die Organisation einzugreifen, macht sich schnell bezahlt. An meinem freien Vormittag möchte ich in Zukunft nicht mehr als einen festen Termin haben!

Hilfe annehmen
Dann sind da die zahlreichen fahrintensiven Hobbys der Kinder. Hier nehme ich konsequenter als früher Hilfe an beziehungsweise fordere sie auch mal aktiv ein. „Kannst du die Großen bitte am Samstag zum Fußball fahren, das wäre mir sehr lieb?“, frage ich die befreundete Mutter. Bisher war es eher so, dass ich ihren Sohn mitgenommen habe – froh darüber, den Wagen für die Herumfahrerei halbwegs lohnend zu füllen. Natürlich tut es auch ein wenig weh, sich auszuklinken und nicht mehr jedes Spiel live zu erleben. Das muss ich mir einmal klarmachen und dann geht es: Schließlich wachsen die Kinder heran und der Große braucht mich am
Spielfeldrand schon lange nicht mehr. Und überhaupt: Als Elternteil kann ich ja nicht auf Dauer das Leben aller im Haushalt lebenden Personen zu 100 Prozent miterleben – so viele Stunden hat die Woche doch gar nicht! Also bleibe ich am Samstag zu Hause, habe endlich mal Zeit für die Zeitung und wenn am späten Nachmittag wieder alle eintrudeln, jeder von seinem Tag berichtet und wir zusammen kochen, macht mir das Mut: Ganz konkrete kleine Schritte, von Insel zu Insel!



 

 

Tagesablauf:

6.45 Uhr: Die beiden Jungs schlafen so schön. Ich mag sie gar nicht wecken. Wenn sie sich ein bisschen beeilen, dann klappt es bis 7.25 Uhr. Dann treffen sie sich mit ihren Freunden, um gemeinsam in die Schule zu gehen.
7.15 Uhr: Beeilen am Morgen? Habe ich falsch eingeschätzt. Mein Mann mault, dass es zu spät ist, ein Sohn singt im Zimmer fröhlich und streichelt die Katze, obwohl ich ihm gesagt habe, dass er mal Gas geben muss. Den anderen Sohn erwische ich mit seinen Hanteln. Ich bin schon auf 180. Ein Turnschuh fehlt. „Ich kann nicht immer eure Klamotten suchen! Und ich will es auch nicht!“ Ich suche natürlich doch. „Hast du deine Schuhe endlich angezogen? Komm, ich mach’ dir schnell die Schleife, das dauert ja ewig.“ Ich weiß – pädagogisch nicht gut.
7.25 Uhr: Nach lautstarkem Antreiben flitzen die Jungs aus dem Haus. Es war viel zu hektisch. Für mich. Für die Jungs. Für meinen Mann. Nun habe ich ein bisschen Zeit. Für den Haushalt, für meinen Beruf, fürs Einkaufen. Was wollte ich noch erledigen heute? Wo ist der Zettel? Was will ich kochen? Ach, heute Abend ist ein beruflicher Termin. Da muss ich um 17 Uhr im Auto sitzen. Ich habe noch nicht geregelt, wo der älteste Sohn dann in der Zeit ist, wann und wo mein Mann ihn abholt. Ich gehe schnell in den Supermarkt. Das Handy klingelt. Oh, der Text muss gleich fertig sein – alles klar, kein Problem. Ich kann ja später einkaufen, Ich habe das Gefühl, quer durch die Stadt zu sauen.
12 Uhr: Ich beginne mit dem Essen, habe ein bisschen improvisiert. Wenn die Jungs kommen, muss sich unser ältester Sohn beeilen, weil seine Trompetenstunde sofort um 14 Uhr beginnt. Ein total blöder Termin.
13.45 Uhr: Endlich kommen die Jungs. In aller Seelenruhe! „Du musst gleich wieder zur Musikschule, wie willst du jetzt in Ruhe essen?“, begrüße ich die Kinder. Ach nööö, das ist nicht schön.
15.30 Uhr: Nach den Hausaufgaben wollen die Jungs mit Freunden Fußball spielen. Suchen mal wieder die Schuhe. „Ich muss echt noch was Wichtiges schreiben!“, rufe ich. Und suche, wie immer, dann doch mit.
16.30 Uhr: Also schnell umziehen, bin zu spät dran, dann fahre ich los, um unseren Kleinen vom Fußballspielen einzusammeln und zum Sport zu fahren. Da ist er: „Koooomm!“, rufe ich, und er tut mir leid. So viele Kinder spielen zusammen. Er kommt mit langem Gesicht angewackelt. „Es war gerade so schön.“ „Ja, das verstehe ich“, sage ich. „Montags ist eben auch noch dein Sportkurs.“ Ich bin natürlich zu spät. 16.58 Uhr. Um 17 Uhr fängt sein Sport an. Die zweite Ampel ist auch rot. Ich könnte innerlich platzen.
17.03 Uhr: „Ich dachte, ihr kommt nicht mehr“, werden wir begrüßt. Ich drücke meinem Sohn einen Kuss auf die Wange. „Hab Spaß!“ Ja, das wünsche ich ihm. Er freut sich dann doch auf seine Freunde, und sie laufen lachend los.
18 bis 20 Uhr: Mein Termin. Ach, wenn ich so hier sitze, werde ich auf einmal furchtbar müde. Schade, ich sehe die Jungs bestimmt nicht mehr. Morgen sind weniger Termine. Ich möchte mit den Jungs was basteln. Oder rausgehen. Vielleicht beides. Und noch einen Kuchen backen, Und noch gemeinsam was spielen. In Ruhe Hausaufgaben machen. Und dann vielleicht mal ... nehme ich mir eigentlich gerade zu viel für die freie Zeit vor?

 

 

Tags: Familie , Stress

Kategorien: Erziehung