Erziehung

Online - die Zeit vergeht so schnell

Andrea Vogelgesang · 25.06.2020

© TATYANA TOMSICKOVA

© TATYANA TOMSICKOVA

Der 16-jährige Marc ist groß und schlank. Er hat ein offenes und waches Gesicht. Sein Phänotyp entspricht ganz und gar nicht dem Vorurteil eines blassen Nerds. Und doch gibt er unumwunden zu, täglich ziemlich lange im Internet unterwegs zu sein. Zum Zocken, meistens. Er erzählt von sich, dass er einen guten „Game Sense“ habe, über viele „Skills“ verfüge. „Je mehr ich spiele, desto besser werden meine Mechanics und meine Reaktionen“, berichtet der Schüler. Sein Vater beklagt, dass sein Sohn, einmal online, stundenlang kaum noch ansprechbar sei und das Interesse an der Schule verloren ginge. Er macht sich schlichtweg Sorgen. Berechtigt oder unberechtigt? Vor dieser Frage stehen die meisten Eltern irgendwann ...

Patricia Cammarata ist Bloggerin und hat gerade ein Buch mit dem Titel „In 30 Minuten ist aber Schluss!“ mit Tipps zur Medienerziehung herausgebracht. Sie wirbt für Verständnis der Eltern gegenüber den Kindern und hinterfragt, warum Mütter und Väter den Medienkonsum ihrer Kinder verteufeln und sich gerade auf diese halbe Stunde eingeschossen hätten, wie sie im Telefoninterview aus Berlin betont. Denn  einen konkreten Zeitfaktor möchte sie für den Medienkonsum gar nicht nennen. Sie rät Erziehungsberechtigten, mit Heranwachsenden gezielt über das Thema zu sprechen und teilzuhaben an dem, womit sie sich beschäftigen, vor allem auch inhaltlich. Denn das sei weitaus wichtiger als der strenge Blick auf die Uhr. Auf 318 Seiten führt die Bloggerin durch fast jede mögliche Situation im „Mediendschungel“ und ruft zur Tiefenentspannung dabei auf. Sie vermittelt reichlich Hintergrundwissen zu Netzwerken, Spielen, Funktionen und vielem mehr. Dieser vertiefte Umgang mit dem Medienkonsum des Kindes setzt von Elternseite vor allem eines voraus: sich die Zeit dazu auch zu nehmen (siehe Libelle-Interview). Also fangen wir gleich mal an, uns Gedanken über die Online-Welt unserer Kinder zu machen – von Anfang an.

Erst analog, dann digital

So wie in allen anderen Bereichen in der Erziehung spielt natürlich das Alter der Kinder eine wesentliche Rolle für den medialen Umgang – unter Berücksichtigung der kognitiven Entwicklung und dem damit einhergehenden Grad an Einsichtsfähigkeit, die in der Regel erst zwischen zwölf und 14 Jahren erreicht würden, so Patricia Cammarata. Allerdings gehören Smartphones, Tablets, Computer und andere digitale Medien schon lange davor zum kindlichen Alltag, eigentlich von Geburt an. „Es ist unglaublich, wie unsere bald zweijährige Tochter mit ihren Fingerchen auf dem Display wischt. Gleichzeitig erschreckt es mich, dass sie vollkommen gebannt ist und einfach nur schreit, wenn sie mein Handy wieder hergeben soll. Aber manchmal beim Einkaufsstress bekommt sie es dann doch wieder“, berichtet Lisa, die mit Sophie und dem neugeborenen Brüderchen alle Hände voll zu tun hat. So wie sie nutzen Eltern das Smartphone für den Nachwuchs zur Ablenkung in anstrengenden Situationen, aber auch beim Restaurantbesuch oder, um in Ruhe kochen zu können. Das kann schnell zur Gewohnheit werden, insbesondere in Zeiten des Homeoffice.

Der Medienpädagoge Franz Glaw aus Düsseldorf weist nachdrücklich auf eine angemessene Berücksichtigung der frühkindlichen Phasen hin. Es stehe die körperliche Entwicklung zunächst im Vordergrund und es liege in der Natur jüngerer Kinder, frei zu entdecken, draußen zu spielen, die natürliche Umgebung mit allen Sinnen zu erkunden: mit Schmecken, Fühlen, Riechen, Tasten, Hören und Sehen. Die Früchte eines Baumes selbst in die Hand zu nehmen, sie zu anzufassen und ihren Geruch wahrzunehmen, sei ein ungleich vielfältigeres Erlebnis als so etwas auf einem Bildschirm nachzuverfolgen, wo gerade mal Augen und Ohren involviert seien. Apps für keine Kinder, so bunt und lustig sie auch sein mögen, bieten da keinen Ersatz. Analog würden Kinder hingegen individuelle und nicht vorgegebene Erfahrungen sammeln, was bei einem Computerprogramm nicht der Fall sei. Dort beschränke sich der Horizont auf einen vorgefertigten Rahmen, der aus der Hand von Programmierern stamme. Insofern können bei zu frühem und zu viel Medienkonsum sinnliche Erfahrungsmöglichkeiten und Kreativität eingeschränkt werden. Auch der Erwerb der Sprache leidet, so ist in Studien nachgewiesen worden, wenn Kinder sehr viel Zeichtrickfiguren und keine echten Menschen sprechen hören. Zusammenfassend finden sich all diese Bedenken in dem Spruch wieder: „Immer, wenn ein Kind vor einem Smartphone sitzt, stirbt ein Abenteuer auf einem Baum.“ Erst wenn also haptische, reale Erfahrungen gereift sind, hat der junge Mensch die Voraussetzung, den Anforderungen der technisch-medialen Welt zu begegnen.

Zudem warnen Studien, dass das Starren auf den Monitor mit kurzem Sehabstand sowie fehlendes natürliches Licht zu starker Kurzsichtigkeit führen können. Noch bis zum 30. Lebensjahr regen Nähe und Dunkelheit das Wachstum des Auges an: Es wird länger als normal. Augenärzte attestieren bei immer mehr Kindern Kurzsichtigkeit und warnen, dass das mit ausgedehnten Bildschirmzeiten begünstigt werde.

Verantwortungsvolle Medienerziehung

Da der Einfluss der Technik das Leben der nächsten Generationen weitaus mehr bestimmen wird, als das heute schon der Fall ist, steht außer Zweifel, dass sie vorbereitet werden müssen, um sich nicht nur als staunende Konsumenten, sondern als aktive User die Geräte auch erschließen zu können. Dazu gehört es, programmieren und gestalten zu können, technische Zusammenhänge zu verstehen und zu durchschauen, selbst zu produzieren. Denn das führt auch zu einem bewussten Umgang mit den Inhalten und beugt dem unreflektierten Gebrauch im Sinne einer reinen Unterhaltungsberieselung vor. Technisches Verständnis erzieht zu einem selbstbestimmten, sachgerechten, kreativen, sozial verantwortlichen, kritischen und kommunikativen Handeln. Und eines steht fest: So einfach wie die Bedienung von Smartphones, Tablets oder Computern auch sein mag, so komplex sind die Vorgänge, die sich dahinter verbergen.

Insofern sind diffuse Vorbehalte oder gar ein Ablocken von Elternseite wenig hilfreich. Eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema, wie in allen anderen Erziehungsbereichen auch, ist gefragt. Mittlerweile greifen Schulen diesen Gedanken auf und bieten Informatikkurse an. Und doch liegen deutsche Schüler*innen laut der ICLIS-Studie im internationalen Vergleich von computer- und informationsbezogenen Kompetenzen im Mittelfeld.

Für Jugendliche ganz normal

Fragt man Jugendliche nach der Dauer und den Inhalten ihrer Onlinezeiten, sind sie sehr auskunftsfreudig und geben an, täglich mindestens vier bis fünf Stunden im Internet unterwegs zu sein, einige kommen sogar auf weitaus mehr. Sie nutzen es für WhatsApp und Snapchat, als Suchmaschine und nennen das Gamen als Hauptbeschäftigung. Wenn Marc von seinen digitalen Erfahrungen erzählt, geht er auch zurück auf die Vor-Corona-Zeiten: „Ich komme ja normalerweise immer erst so gegen 16 Uhr aus der Schule. Wenn ich dann gegessen habe, setze ich mich an den Computer, chatte mit Freunden und spiele. Das mache ich eigentlich nie alleine, meistens sind wir zu fünft oder zu siebt.“ Mit Freunden, die er analog auch kenne, manchmal brächten die aber auch andere mit in die Gruppe. Und dann tauchen die Jugendlichen ab in eine andere Welt mit ihren eigenen Gesetzen und Rahmenbedingen. Sie sitzen mit Kopfhörern vor einer Online-Szenerie, die für nicht wenige spannender und herausfordernder erscheint als der reale Alltag. Man könnte sagen, die Freunde sind dann fürs analoge Leben erstmal offline – denn sie kommunizieren online über den Spielverlauf miteinander.

Was die Eltern denn dazu meinen? Die bekämen das so gar nicht mit. Denn oft bleibe es ja nach außen hin auch ziemlich ruhig. Die scheinbare Ruhe im Jugendzimmer ist also trügerisch, während sich Kinder von Level zu Level kämpfen. „Das Ding ist“, sagt Marc, „wenn du spielst, vergeht die Zeit anders, viel zu schnell. Du willst unbedingt weiterkommen. Drei Stunden sind da wie eine halbe Stunde.“ Ihm ist es aber wichtig, noch eine andere Seite zu betonen: „Über WhatsApp, Telegramm oder Signal halten wir Kontakt, reden über das, was wir erlebt haben und verabreden uns. Wir schicken uns auch Hausaufgaben, teilen Links und so weiter.“

Das Internet ist eben auch ein Sozialraum, den eigentlich alle Altersgruppen ständig betreten, was sich insbesondere im Lockdown als nicht wegzudenkender Vorteil in vielerlei Hinsicht erwiesen hat. Es wird also nicht nur als Medium zum Konsumieren von Inhalten genutzt, sondern ist auch ein zentraler Ort der Begegnungen und Beziehungspflege.

Offline auf Inlinern

Marc legt zudem Wert darauf hinzuweisen, dass er sein analoges Leben nicht vergisst: „Ich treffe mich fast jeden Tag mit meinem Freund und wir joggen zusammen oder fahren Inliner. Und jetzt nach der Kontaktsperre macht es richtig Spaß, sich endlich auch wieder in echt mit der Clique treffen zu können.“

Patricia Cammarata ist Bloggerin und hat gerade ein Buch mit dem Titel „In 30 Minuten ist aber Schluss!“ mit Tipps zur Medienerziehung herausgebracht.

 

 

 

 

 


Hier findest du das Libelle-Interview mit Patricia Cammarata. 

Tags: Digitale Familie , Patricia Cammarata

Kategorien: Erziehung