Erziehung

Digital Natives? – Von wegen!

Andrea Vogelgesang · 20.06.2017

© praetorianphoto - iStock.com

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Medienkonsum: Kinder kommen immer früher in Kontakt mit der digitalen Welt. Im Libelle-Interview erläutert Medienpädagoge Franz Glaw mögliche Folgen.

Kinder kommen immer früher mit digitalen Medien in Kontakt. Im Interview erläutert Medienpädagoge Franz Glaw, warum der Bildschirm die reale Welt nicht ersetzen kann und wie Eltern ihren Kindern einen kritischen, selbstbestimmten und kreativen Umgang mit Smartphone und Co. beibringen.


Libelle: Laut einer Studie der irischen Universität Cork geben 87 Prozent der Eltern ihrem Kleinkind das Smartphone in die Hand. Ist das angemessen?
Franz Glaw: Es liegt in der Natur von Kindern, frei zu entdecken und etwas Sinnvolles zu tun. Dabei steht die körperliche Entwicklung zunächst einmal im Vordergrund. Wenn sie draußen spielen, erkunden sie ihre natürliche Umgebung mit allen Sinnen: Sie schmecken, fühlen, riechen, tasten, hören und sehen. Entdecken sie zum Beispiel Walnüsse unter einem Baum, sehen sie sie nicht nur, sondern ertasten die Struktur der Frucht mit ihren Fingern. Sie versuchen, die Schale zu knacken, riechen und schmecken sie. Es liegt auf der Hand, dass dies ein vielfältigeres Erlebnis bietet als so etwas nur auf einem Bildschirm nachzuverfolgen, wo gerade mal Augen und Ohren involviert sind. Dort beschränkt sich der Horizont auf einen vorgefertigten Rahmen, der nach der Willkür von Programmierern entstanden ist. Insofern können bei zu frühem Medienkonsum sinnliche Erfahrungsmöglichkeiten und Kreativität eingeschränkt werden.

Besteht die Gefahr, dass Kinder nicht mithalten können, wenn sie zu spät in Kontakt mit digitalen Medien
kommen?
Für diese Hypothese sind mir keine Belege bekannt. Man setzt ja eine oder einen Dreijährigen ja auch nicht hinters Steuerrad, nur weil sie später mal den Führerschein machen sollen. Davor liegen viele notwendige Reifungsschritte. Genauso ist es in Bezug auf den Umgang mit der digitalen Welt. Die beste Vorbereitung liegt nun mal im Sammeln analoger Erfahrungen in der Kindheit. Man sollte zum Beispiel nicht vergessen, dass Mathematik letztendlich das Abstrahierenkönnen von eigenen Bewegungserfahrungen bedeutet. Das Internet ist dagegen eine konstruierte, vorgegebene Welt ohne die Bandbreite an Alternativen, die in der realen Umgebung zu finden sind, und ohne körperliche Erfahrungsmöglichkeiten.

Kinder und Jugendliche von heute werden oft als Digital Natives bezeichnet. Ist der Begriff treffend?
Tatsache ist, dass sich die jungen User im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten sehr gut auskennen, letztendlich aber den Funktionen „gehorchen“. Meist nutzen sie Computer oder Smartphones als Spielgerät oder zur schnellen Kommunikation. Von einem sinnvollen Arbeiten oder gar Digital Natives kann aber noch lange nicht die Rede sein. Der Bildungsauftrag besteht darin, die Heranwachsenden im Umgang mit neuen Technologien zu einem selbstbestimmten, sachgerechten, kreativen, sozial verantwortlichen, kritischen und kommunikativen Handeln zu erziehen. Und in dieser Hinsicht liegen deutsche Schülerinnen und Schüler nach einer internationalen Studie im Mittelfeld. Nicht eines der Länder erreicht im Durchschnitt die oberen beiden Kompetenzlevels, in denen zum Beispiel das Erstellen eines Informationsposters gefragt ist oder das Beurteilen der Ausgewogenheit einer Webseite.

Was lässt sich dagegen tun?
Es geht darum, Anleitung zu einem selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang zu geben. Ich führe zurzeit im Rahmen der Medienpädagogik ein Projekt mit Zehntklässlern durch. Wir besuchten den Landtag, wo in einer Plenardebatte hitzig und mit so einigen Zwischenrufen diskutiert wurde. Die Jugendlichen machten aus drei unterschiedlichen Perspektiven Film- und Tonaufnahmen. In der Postproduction lagen also Ergebnisse aus dreifacher Sicht vor. Das Filmmaterial von vier Stunden musste auf wenige Minuten geschnitten werden, sodass das Resultat schon deutlich von der Komplexität der Veranstaltung abwich. Nochmal anders war ein Fernsehbeitrag am gleichen Abend: Darin fehlte viel von der erlebbaren Atmosphäre. Zudem war das im Kontext gefallene Wort „grillen“ zu „einen Innenminister killen“ geworden. Die Jugendlichen zeigten sich über den Unterschied zwischen der realen Veranstaltung und dem TV-Bericht beeindruckt. Darüber wurde ihnen klar, dass aus einer komplexen Wirklichkeit nur von einem Autor ausgewählte Informationen an den Fernsehzuschauer gelangen. Diese Erfahrung wirkt mehr als ein theoretischer Vortrag zu dem Thema und führt zu einer gesunden kritischen Haltung gegenüber Inhalten aus den Medien.

Bieten Computerprogramme auch kreative Handlungsspielräume?
Heranwachsende sind oft beeindruckt davon, wie sie mit ein paar Klicks mittels eines Grafikprogrammes etwas darstellen können. An meiner Schule wird bis zur achten Klasse zum Beispiel eine Biografiearbeit überwiegend handschriftlich erstellt. Die Resultate sind vielfältig, individuell, zeugen von Gestaltungskraft und Fantasie. Keine Arbeit gleicht der anderen. Wenn dann in der neunten Klasse die digitale Ebene ins Spiel kommt, sind die Ergebnisse sehr einheitlich. Wir aber wollen die individuelle Ausdrucksfähigkeit und die Gestaltungskraft vormals handschriftlicher Arbeiten auf die digitale Ebene „hinüberretten“ beziehungsweise ausdifferenzieren. Ziel ist es, die Heranwachsenden zu befähigen, auch mithilfe von standardisierten Softwareprogrammen individuelle Ideen und Fertigkeiten zum Ausdruck zu bringen.

Medienexperte
Franz Glaw ist Medienpädagoge und Oberstufenlehrer für Deutsch und Mathematik sowie Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen. Der 60-Jährige war als Lehrer in den Bereichen Gymnasium, Heilpädagogik, Internat und Hochschule tätig und blickt auf 30 Jahre Waldorfpädagogik an verschiedenen Waldorfschulen zurück.

Literatur: Struwwelpeter 2.0 - Medienmündigkeit und Waldorfpädagogik, Struwwelpeter 2.1 – Ein Leitfaden für Eltern durch den Mediendschungel

 

Tags: Interview , Medienkonsum

Kategorien: Erziehung