Erziehung

Lebenslanges Lernen

Andrea Vogelgesang · 08.10.2020

© Drobot Dean – AdobeStock

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Wer sich den Spaß am Lernen möglichst lange erhält, ist klar im Vorteil. Libelle-Autorin Andrea Vogelgesang erklärt, wie Lernen gelingt.

Seien wir mal ehrlich: Mit dem Thema Lernen verbinden viele eher gähnende Langeweile, nicht enden wollende Unterrichtsstunden und zähe Nachmittage über den Hausaufgaben. Hier machen wir uns auf die verschlungenen und vielfältigen Pfade eines in Wirklichkeit hochspannenden lebenslangen Prozesses.

Lernen – so denken immer noch viele – fange ja erst richtig mit dem Schuleintritt an und finde dann auch vornehmlich im Klassenraum statt. Ab diesem Zeitpunkt beginne der „Ernst des Lebens“, wird i-Dötzchen immer wieder mit auf den Weg gegeben. Hört sich nicht gerade nach Spaß an. Aber wo und wie entsteht eigentlich das, was als Wissensaneignung beziehungsweise dessen Vermittlung? In der Politik, in Erlässen oder Richtlinien? Im Arbeitszimmer des Lehrers, im Klassenraum, auf dem Pausenhof? Schon im Spielzimmer des Kleinkinds oder gar zu dem Zeitpunkt, wenn ein Säugling in seinem jungen Hier und Jetzt im Bettchen scheinbar absichtslos strampelt? Lernen wird gemeinhin als intentionale Aneignung von neuen, eher kognitiven Fertigkeiten definiert. Entgegen früherer Annahmen besitzen Neugeborene allerdings von Geburt an eine ganze Reihe von Fähigkeiten, über die sie von sich aus mit der Umwelt kommunizieren. Heute hat sich der Begriff des „kompetenten Säuglings“ durchgesetzt, den der Psychologe Martin Dornes geprägt hat. Demnach sei ein Baby von Anfang an aktiv, differenziert und beziehungsfähig, ein Wesen mit Kompetenzen und Gefühlen, die bisherige Erkenntnisse der Psychoanalyse weit übertreffen würden.

Das Gedächtnis als Fundament

Sein Weltverständnis erobert sich das Kind mit eigenem Tun innerhalb seiner Umgebung. Die Aktivitäten finden zunächst auf der sensomotorischen Stufe statt, die von null bis zwei Jahren dauert. Diese Bezeichnung geht auf die Erkenntnisse des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget zurück, die, wenn auch schon alt, nach wie vor Gültigkeit haben. In dieser ersten Lebensphase stehen der Erwerb von sensomotorischer Koordination und praktischer Intelligenz im Mittelpunkt, die am Ende zum Erreichen der Objektpermanenz führt. Babys im Alter von sechs Monaten juchzen vor Lachen, wenn ihre Mama ein kleines Schmusetier über ihrem Bettchen hin- und herschwenkt. Verschwindet es aus ihrem Radius, vielleicht hinter dem Rücken der Mutter, vergessen sie es sozusagen und wenden den Blick einem beliebigen anderen Gegenstand zu. Erst ungefähr zwei Monate später fangen sie bei der gleichen Szenerie an zu quengeln und beginnen, den kleinen Kuschelfreund zu suchen, sobald er außer Sichtweite gerät. Sie erinnern sich nun an ihn, das Objekt bleibt also permanent in ihrem Gedächtnis.

Experimentieren und abgleichen

Damit Entwicklung und Lernen überhaupt stattfinden können, bedarf es der Fähigkeit zur Assimilation, die jedes Baby mit auf die Welt bringt. Darunter versteht man, dass neue Eindrücke ständig bereits bestehenden ersten Denkformen angepasst werden, während als überholt erwiesene umgewandelt werden, um sie auf die neuen Bedingungen abzustimmen. Das geistige System steht also in einer kontinuierlichen Wechselbeziehung mit der Umwelt, um ein durch neue Erfahrungen entstehendes Ungleichgewicht wieder in Balance zu bringen. Dieser Prozess der Wissens-Anpassung begleitet uns übrigens ein Leben lang. Was beim Blick ins Babybettchen also vielleicht wie absichtsloses Gebrabbel und Spiel mit den Händchen aussehen mag, ist von Anfang an ein Experimentieren und Lernen.

Am Anfang ist alles real

„Nicht ist im Verstande, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist.“ Diesen Gedanken formulierte bereits Aristoteles. Etliche Philosophen und Pädagogen betonen seither, wie wichtig die Wahrnehmung mit allen fünf Sinnen, verbunden mit der Motorik, für Kinder ist. Die Grundlage für spätere Denkprozesse liegt im anschaulichen Ausprobieren. Erst nach dem ersten Geburtstag setzt die Entwicklung kognitiver Schemata ein. Darunter fällt beispielsweise die Fähigkeit zur Klassifikation: Gegenstände können jetzt nach Merkmalen wie Farbe, Größe oder Struktur sortiert werden. Piaget spricht dann bei der Entwicklungsphase von circa 24 Monaten bis vier Jahren vom präoperationalen Stadium, mit dem die Sprachentwicklung und symbolisches und vorbegriffliches Denken einsetzen. Das Kleinkind fängt an, mit abstrakten Vorstellungen und Symbolen umzugehen und kann diese von realen Objekten unterscheiden.

Eine innere Vorstellung

Dies veranschaulicht die folgende Beobachtung der dreijährigen Cousinen Letizia und Sophia bei einem Treffen:. Während die Eltern sich unterhalten, haben die Kleinen nach einigem Hin- und Herlaufen eine Idee: „Du bist das Pferd und ich bin der Reitlehrer“, gibt Letizia vor, während Sophia sofort ihre Hände zu Vorderhufen formt und mit einen Wiehern zustimmt. Derartige symbolische „Als ob“- Spiele sind nun nicht nur möglich, sondern auch sehr beliebt und die Fähigkeit zum Konjunktiv ist sozusagen geboren. Gegenstände werden umfunktioniert, der Bauklotz zum Auto oder ein Kissen zur Puppe. Dies ist ein erheblicher Entwicklungsschritt. Erst zwischen vier und acht Jahren können Denkprozesse in rein innerlichen Vorstellungen ablaufen. Begriffsbildung, eine Form von Regelbewusstsein und eine Ordnung nach Zusammenhängen und Kausalbeziehungen finden statt. Mit der Schulreife (7/8 bis 11/12 Jahre) kommt nach und nach die Kompetenz hinzu, verschiedene Merkmale eines Gegenstands und Vorgangs gleichzeitig zu erfassen, die sogenannte Stufe der konkreten Operation. Damit entwickelt sich auch die Fähigkeit, voraus zu schauen und eigene Aktionen zu reflektieren. Man spricht von verinnerlichtem Handeln. Nun sind bei Kindern Spiele mit Regeln beliebt.

Die Welt des Lesens

In der Zeit des Lese- und Schreibenlernens laufen komplexe Vorgänge ab, bei denen in der ersten Klasse der Fokus zunächst auf dem Erfassen der einzelnen Buchstaben liegt. Auch da ist ein haptisch-anschaulicher Ansatz förderlich. Carina, die vergangenes Jahr eingeschult wurde, hatte in diesem Zusammenhang anfangs eine außergewöhnliche Hausaufgabe. Sie musste Stöcke, Kerne oder Gräser sammeln und aus diesen später auf eine Pappe die Buchstaben des Alphabetes kleben. Im Unterricht dann befühlten die Mitschüler*innen gegenseitig die Lettern, teils mit verschlossenen Augen, um den richtigen zu erraten. Das haptische Begreifen und Erfühlen unterstützt das Gehirn, das zunächst nur einzelne Buchstaben erfassen kann. Erst nach der Festigung im Langzeitgedächtnis können mehrere Buchstaben gleichzeitig aufgenommen und als ein Wort identifiziert werden. Über Wiederholung und viel Übung entsteht eine Automatisierung. Das geht parallel einher mit der Übung der Augenbewegungen, die unbewusst bleiben, jedoch entscheidend dafür sind, wie schnell über die Augenmuskulatur ein Text in größeren Abschnitten erfasst werden kann. Dieser Bewegungsablauf muss im Kindesalter automatisiert werden, damit sich ein flüssiges Lesetempo entwickelt.

Berühren und begreifen

Die Wissenschaftlerin Maryanne Wolf spricht beim Lesenlernen von der Vernetzung einer Vielzahl von Gehirnregionen mit dem Effekt einer „bewusstseinsverändernden Dimension“, bei der Empathie, Kreativität, Intelligenz und letztendlich auch Spaß gefördert würden. Sie warnt, dass durch häufigen Gebrauch digitaler Geräte mit tendenziell kürzeren Sätzen das Gehirn in der Folge längere Sätze nicht mehr aufnehmen könnte. Die für das Lesen so wichtige Geduld würde nicht mehr aufgebracht und kognitive Fähigkeiten wie das Erfassen, Analysieren, Durchdenken komplexer Zusammenhänge könnten sich kaum entwickeln. Auch mathematisches Denken geht von haptisch-körperlichen Erfahrungen aus. Der Konrektor einer Grundschule, Thomas Berg, verweist auf die Wichtigkeit der Verknüpfung körperlicher Erfahrungen mit kognitiven Prozessen. Beim Balancieren, Klettern, Treppensteigen und Rückwärtsgehen zum Beispiel würden Nervenzellen im Gehirn miteinander verbunden, die das mathematische Denken fördern würden.

Freies Spiel ist Lernen

Pädagoge Berg will diese motorischen und haptischen Erfahrungen nicht getrennt vom schulischen Lernen sehen und zeigt sich besorgt in Bezug auf den Mangel an freien Entfaltungsmöglichkeiten schon bei jüngsten Kindern und deren verplanten Terminkalendern über den Unterricht hinaus. Er plädiert für genügend Raum zum freien Spiel eben auch im Schulalter und betont dabei die positiven Aspekte für schulische Leistungen. Es sei weit mehr als ein schöner Zeitvertreib, ganz im Gegenteil – es wirke sogar als ein bedeutender Ko-Faktor fürs lebenslange Lernen. Der Hirnforscher Gerald Hüther bezeichnet das kindliche, absichtslose Spiel sogar als „Dünger für das Gehirn“. Es fördere optimale neuronale Vernetzungen, viel mehr als zu frühe gezielte Belehrungen und Förderungen. Kinder würden darüber am besten lernen, wobei sie sich unbewusst Inhalte suchten, die sie gerade bräuchten. Man könnte also sagen, sie selbst sorgen im Spiel für ihre eigene optimale Förderung. Dabei würden sie in regelrechte Flows eintauchen, die wiederum die Ausschüttung von Glückshormonen und neue neuronale Verbindungen im Gehirn begünstigten. Und genau das ist auch dann noch vonnöten, wenn der sogenannte „Ernst des Lebens“ beginnt, der heutzutage schon in den ersten Schuljahren mit seinem Leistungsdruck angekommen ist.

Als Person reifen

Der Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor Dr. Herbert Renz-Polster möchte die frühe Kindheit keinesfalls als eine Schulvorbereitungsveranstaltung oder gar ein vorgezogenes Berufskolleg sehen, sondern als Aufbau eines Lebensfundaments. Heutzutage bestehe die Gefahr darin, die Kleinsten schon zu früh zu „Naturwissenschaftlern“ oder zu „Mathematikern“ zu machen. „Aber Kinder werden nicht stark, kreativ und als Persönlichkeiten kompetent, indem sie das Handbuch der Erwachsenen abarbeiten. Sie wollen an ihren eigenen Geschichten wachsen. Und diese Geschichten selbst zu entdecken, das liegt ihnen im Blut.“ Eltern oder Erziehende dürften nicht vergessen, wie wichtig es für die Heranwachsenden sei, Fertigkeiten auszubilden, die sie im Leben als Person bestehen lassen. Voraussetzung dafür sei, sich selbst mit seinen Impulsen, Emotionen und Gefühlen kennenzulernen und zu erfahren, mit anderen klarzukommen, also vor allem auch in sozialer Hinsicht „erwachsen“ zu werden. Ein junger Mensch hat ja nun mal mehr zu erwerben als abfragbares Schulwissen. Vielmehr geht es um ein Zusammenspiel von körperlichen, sozialen und charakterlichen Komponenten.

Kinder brauchen Zeit

Das Wesen des kindlichen Lernens hat Maria Montessori sehr einfühlsam erfasst, von ihr stammt auch der Begriff „Pädagogik vom Kinde aus“. Bei ihren Beobachtungen an kleinen Kindern stellte sie etwas fest, dass sie als „Wiederholung der Übungen“ bezeichnet hat. Haben die kleinen Händchen im wahrsten Sinne des Wortes etwas begriffen, sieht man Jungen und Mädchen regelrecht in reiner Konzentration versinken, eine gefühlte Ewigkeit. Da wird zum Beispiel nochmal und nochmal eine Murmel eine schiefe Ebene herunterrollen gelassen. Die italienische Pädagogin deutete die Wiederholung als ein inneres Streben des Kindes nach einer vollkommenen Entwicklung, der einen Zustand innerer Stärke nach sich ziehe. Ließe man ein Kind dabei sich selbst überlassen, könne es sich, ohne auf andere zu achten, seinen ureigenen Motivationen und Interessen zuwenden. Solch ein Lernen erfordert haptische, anschauliche Erfahrungen in einer stressfreien Atmosphäre. Die Realität sieht oft anders aus und endet in Überforderung – nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Oft werden junge Schüler*innen auch zu früh mit zu wenig anschaulichen Inhalten konfrontiert. Laut Piaget wird erst ab ungefähr elf Jahren die Fähigkeit erreicht, abstrakte Inhalte wie Hypothesen gedanklich zu erfassen, Fragestellungen theoretisch und systematisch zu analysieren. Erst dann sind Heranwachsende zur höchsten Form des logischen Denkens gereift. Er nennt es Stufe der formalen Operationen.

Individuelle Entwicklung

Die Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Gabriele Trost-Brinkhues, weist noch auf etwas anderes Entscheidendes hin: Schulreife korreliere nicht automatisch mit einem bestimmten erreichten Lebensalter, sondern jedes Kind habe ein individuelles Entwicklungsprofil und eine eigene Geschwindigkeit, die von zahlreichen Parametern beeinflusst würden. Es bestehe eine sogenannte Normvarianz bezogen auf körperliche, intellektuelle, sprachliche, soziale und emotionale Fähigkeiten, die besonders bei fünf- bis sechsjährigen Kinder in diesen Bereichen stark variierten. Eine Beobachtung, die in den vergangenen Jahren noch zugenommen hat. Gesund entwickelte Fünfjährige können demnach eine Entwicklungsvarianz von bis zu vier Jahren aufweisen, sich in Bezug auf bestimmte Entwicklungsbereiche also auf der Stufe eines Dreijährigen oder aber eines Siebenjährigen befinden. Würden diese Faktoren außer Acht gelassen, könne dies für ein Kind massive Folgen haben.

Risse im Gebäude

Das Gebäude an Erkenntnissen, Wissen und Erfahrungen, sei es zur Didaktik, Methodik oder Pädagogik – über Jahre, über Generationen aufgebaut – bekommt aufgrund neuer Erkenntnisse kontinuierlich immer wieder mal den ein oder anderen neuen Baustein hinzugefügt und ersetzt alte, die als überholt gelten. Dieses Gebäude also ist nicht statisch, sondern wird ständig ein wenig renoviert, könnte man sagen. Zurzeit wankt es gewaltig, ein Beben – ein Nachbeben, ausgelöst durch die Corona-bedingte Schulschließung. Neue Bildungs-Wege insbesondere auf dem digitalen Gebiet erfahren praktische Erprobung und stehen mehr im Fokus als je zuvor. Derzeit probt NRW den vorsichtigen Wiedereinstieg in den „normalen“ Schulalltag. Dem digitalen Weg sei Dank, kann das Lernen inzwischen alternativ fortgesetzt werden – mehr oder weniger erfolgreich, aber auf lange Sicht ein nicht mehr wegzudenkendes Medium. Beim digitalen Lernen bleibt die Präsenz der Lehrerin oder des Lehrers jedoch äußerst wichtig. Die Lehrkraft muss vorausschauend berücksichtigen, welche Fragen oder Probleme seitens der Kinder beim eigenständigen Suchen und Lernen im Internet oder auf entsprechenden Lernplattformen der Schule auftauchen können und den Prozess möglichst individuell begleiten. Zudem brauchen Schüler*innen nach wie vor den zwischenmenschlichen Austausch auf der realen Ebene, der ihnen Rückmeldung spiegelt, sei es mit Lehrpersonen oder Klassenkamerad*innen. Und wie hier aufgezeigt, dürfen durch die Zunahme digitalen Lernens nicht die ganzheitlichen Faktoren in Vergessenheit geraten, denn nur damit wird es ein spannender Vorgang, der nicht nur Wissensanhäufung, sondern schlichtweg auch Spaß bringt.

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Tags: Bildung , Kompetenz , Lernen , Schule

Kategorien: Erziehung