Erziehung

Kindererziehung: Alles nur eine Phase!

Pia Arras-Pretzler · 27.01.2020

© PeopleImages – AdobeStock

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Schlaflose Nächte, Trotzanfälle, Kinder, die nur Nudeln mit Ketchup essen: Im Kinderleben ist alles nur eine Phase – wer das versteht, bleibt gelassener.

Mal ganz ehrlich: Das Leben mit Kindern hat durchaus seine anstrengenden, nervigen oder schlicht langweiligen Momente. Aber die gehen vorbei, weiß die Libelle – und diese Gewissheit hilft zu mehr Gelassenheit ... und vielleicht sogar zum kleinen Glück.

Ich erinnere mich so deutlich daran, als wäre es gestern gewesen. Dabei studiert der Säugling von damals seit zwei Jahren in einer anderen Stadt. Jedenfalls weiß ich noch genau, wie ich da auf der Couch saß. Am Silvesterabend, gegen Mitternacht. Kind eins schlief. Kind zwei, damals knapp zwei Monate alt, hatte ich im Arm, es nuckelte gerade friedlich vor sich hin. Draußen war es stockdunkel, man hörte aber schon vereinzelte Raketen. Und als es dann zwölf Uhr schlug, wünschte mir mein Mann ein gutes neues Jahr. Ach, nee, dachte ich mir: Neues Jahr? Ich wusste so genau, was das neue Jahr bringen würde: In etwa drei bis vier Stunden hätte der kleine Kerl wieder Hunger. Und danach nach drei Stunden wieder. Für Neugier oder Vorfreude auf ein ganzes Jahr war ich zu müde. Und andererseits zu sehr im Moment.

Nächte und Jahre
Alles nur eine Phase. Und so schnell wieder vorbei. Ach ja? In Bauchweh- und Zahnzeiten dauert eine einzige Nacht gefühlt zehn Jahre, von schnell kann also keine Rede sein. Dachte ich mir damals, als mir Freunde mit erwachsenen Kindern den ach so brauchbaren Rat gaben: Genieß es, sie werden so schnell groß! Heute ertappe ich mich dabei, dass ich diese ewige Weisheit auch weitergebe. Weil’s stimmt! Ich war dabei.

Der grüne Becher gehört mir!
Es gab eine Zeit, da konnte ich selbst im Halbschlaf ins Regal greifen und würde immer die richtige Becherfarbe erwischen, weil das damals überlebenswichtig war. Sobald nämlich eines meiner Kinder den falschen Becher neben dem Teller stehen hatte, wurde protestiert und/oder geheult, das Essen war gelaufen. Also: Augen auf beim Tischdecken. Damals. Heute genieße ich unsere Tischgespräche und habe jede Menge von den einstigen Becherwüterichen gelernt. Hat sich also durchaus gelohnt, die manchmal holprigen Jahre durchzuhalten.

Zeichen und Wunder
Manche Phasen überfallen uns wie ein Spuk und gehen so plötzlich, wie sie gekommen sind. Wie damals, als sich meine Tochter irgendwann zu Kindergartenzeiten beim Abholen jeden verdammten Tag, den der liebe Gott werden ließ, selbst in Rage motzte. Diese wirklich grässliche Phase fand ein wundersames Ende, als ich irgendwann nicht mehr weiterwusste und das Kind schlicht und einfach darum bat, uns beiden nicht jeden Tag die Laune zu verderben. Und es hat geklappt!

Mal eben schnell … Fehlanzeige
Alles nur eine Phase. Damit trösten wir uns, wenn wir uns schon nicht mehr erinnern können, wann wir das letzte Mal wie zivilisierte Erwachsene im Kino waren. Ach, was rede ich, Kino … es gab Zeiten, da hätte ich meinen rechten Arm dafür gegeben, spontan das Haus verlassen zu können, um zum Beispiel schnell etwas zu besorgen. Anziehen, Geldbörse schnappen, raus. Klingt so einfach, lag aber einige Jahre in unerreichbarer Ferne. Stattdessen: Kinder aus allen Winkeln des Hauses holen, Unausweichlichkeit der Lage darlegen, jedes Kind mit Schuhen und Jacke versorgen – nein, wir nehmen diesen Stock nicht mit! Doch, ihr setzt alle eine Mütze auf! –, schließlich schweißgebadet los. Im Schneckentempo natürlich.

Vorsicht beim Wünschen
All das ist lange her. Und schnell vergangen. Im Nachhinein natürlich. Als ich mitten drin steckte, zogen sich manche Nachmittage wie Kaugummi. Und diese fiesen halben Stunden am Abend, die mein Mann später als erhofft nach Hause kam … Hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich da ein klein wenig schneller durchzuschummeln, hätte ich es gemacht. Aber leider – oder zum Glück – kam keine gute Fee und half mir, mein Leben ein bisschen vorzuspulen. Ich hätte dadurch viel verpasst. Weiß ich heute.

Irgendwas ist immer
Eindeutig hilfreicher als Feen mit zweifelhaften Deals ist da die Phase-Phrase. Sie zeigt uns völlig nebenwirkungslos, dass diese Situation, in der wir gerade stecken, nicht von Dauer sein wird. Sie wird vorbeigehen. Auch wenn es sich im Moment nicht so anfühlt. Sie ermöglicht uns, sich auf das einzulassen, was gerade ansteht: Auf die täglichen Ermahnungen, die wir selbst nicht mehr hören können. Brüllende Trotzkinder an der Supermarktkasse. Elternabende, an denen wir uns fragen, wann wir denn nun endlich nach Hause dürfen. Medienzeit-Diskussionen. Pubertäres Mein-Zimmer-gehört-mir-Gegifte. Weil uns angeblich egal sein kann, wie dieses Zimmer aussieht. Ist es uns nicht, aber was sollen wir machen?

Das kleine Glück
Uns in Geduld fassen. An den Stellschrauben drehen, über die wir bestimmen können. Uns selbst und liebe Menschen jenseits der Kinderblase nicht aus den Augen verlieren. Mit dem kleinen Trupp, den wir da um uns geschart haben, in Dankbarkeit durch’s Leben ziehen und neugierig darauf sein, was kommt. Dabei das Chaos, die Müdigkeit, die Langeweile, den Frust und das kleine und das große Glück zulassen. Weil alles nur eine Phase ist und irgendwann alles wieder ganz anders sein wird. Versprochen.

Tags: Erziehung , Phasen der Kindererziehung

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