Erziehung

Je früher, desto besser?!

Jule Leger · 29.07.2019

© AndreaObzerova – istock

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Er reißt nicht ab – der Trend zum therapierten Kind. Jedes zweite Schulkind hat schon mal eine Therapie gemacht, los geht’s damit bei vielen schon im Kita-Alter. Ab wann eine funktionelle Kindertherapie sinnvoll ist.

Das Entwicklungsgespräch. Sorgenfalten auf dem Gesicht der Bezugserzieherin meines Sohnes, ihr ernster Seufzer alarmiert mich, ich spüre wie sich meine Schultern verkrampfen. „Ich rate Ihnen zur Ergotherapie. Diese Stifthaltung!“ Ich rutsche tiefer in den Stuhl, atme automatisch tief durch. Wenn’s sonst nichts ist! Okay, er hält den Stift nicht optimal. Aber er wurde gerade drei Jahre alt, immer mit der Ruhe, denke ich. Bei der folgenden U-Untersuchung bestärkt mich unser so wunderbar relaxter Kinderarzt in meinem Gefühl. „Geben Sie ihm richtig große Blätter zum Malen, damit er große Striche machen kann!“, lächelt er uns an. Keine Rede von Ergotherapie. Noch nicht.

Mit Stift und Schere
Doch die Ergotherapie boomt – vor allem bei Kindergarten- und Grundschulkindern. So entfallen laut Krankenkassenberichten über die Hälfte aller Ergotherapie- Verordnungen auf Minderjährige. Der Grund: Immer mehr Kindergartenkinder haben heute Probleme mit eigentlich ganz selbstverständlichen Aufgaben – sie können etwa ihre Bewegungen nicht richtig koordinieren und einschätzen. Bei anderen hapert es eher an der Feinmotorik: Sie können zur Einschulung noch nicht mit Stift und Schere umgehen. Für Ergotherapeuten handelt es sich dabei um schwerwiegende Entwicklungsstörungen, die behandelt werden müssen, sonst bekommen die Kinder spätestens in der Schule große Probleme. Und so erarbeiten und üben Kinder in einer Ergotherapie Handlungen, die ihnen helfen sollen, ihren Alltag besser zu bewältigen. Ziel der Therapieform ist es vor allem, unzureichenden Verknüpfungen im Gehirn dabei zu helfen, sich zu entwickeln. Denn sind bei einem Kind diese Vernetzungen noch nicht optimal, fällt ihm die Koordination seiner Sinnesorgane und Gliedmaßen schwer.

Malen, Spielen, Werken
Aber selbst dann, wenn ein Fünfjähriger noch nicht gegenständlich malt, sollten sich laut dem Bonner Kinderneurologen Helmut Hollmann zunächst einfach die Eltern öfter mit ihm und ein paar Buntstiften hinsetzen, anstatt sich gleich verrückt zu machen. Häufig reicht nämlich etwas mehr Förderung daheim und im Kindergarten schon aus, um solche Entwicklungsrückstände wettzumachen. Denn auch ein Ergotherapeut versucht die fehlenden Fertigkeiten durch im Grunde einfache Maßnahmen zu vermitteln: Malen, Spielen, Werken, Bewegungsübungen – und viel individuelle Zuwendung. Denn Fünfjährige entwickeln sich nun einmal auch ohne professionelle Förderung ständig weiter – mitunter auch sprunghaft. Außerdem gibt es keinen allgemein gültigen „Fahrplan“: Was ein Steppke schon kann, kommt bei einem anderen vielleicht erst ein halbes Jahr später zum Vorschein.

Generell gilt: Beobachten die Eltern im Kita-Alter Verhaltensauffälligkeiten oder werden von Erzieher*innen auf vermeintliche Defizite aufmerksam gemacht, sollten sie in jedem Fall erst einmal den Kinderarzt aufsuchen, denn der weiß am besten, wann eine Therapie angebracht und hilfreich ist. Hält der Arzt die Therapie für nötig, so gilt: die Ergotherapie ist ein anerkanntes Heilverfahren. Sie wird von entsprechend qualifizierten Therapeuten angeboten und die Behandlung wird, sofern der Arzt eine therapeutische Maßnahme für angebracht hält und demnach ein Rezept ausgestellt hat, von der gesetzlichen Krankenkasse gezahlt. Die Ergotherapie umfasst meist 40 bis 60 Einheiten.

Zur Logo?
Wenn ich meinen Sohn dienstags von der Kita abhole und ihn frage, mit wem er heute Morgen denn alles so gespielt habe, lautet die Antwort immer: „Erst nur mit dem Nuno, der Jannid (Jannick) war noch nicht da, der war noch in der Lodo (Logo)!“ Aha. Und ab wann sollte mein Sohn diesen Satz jetzt also fehlerfrei sprechen können, und ab wann sollte er besser selbst zur Logo? „Diese Vorverlagerung der Laute ist eine der häufigsten Lautfehlbildungen im Kindergartenalter“, beruhigt mich Juliane Koch, die als Logopädin in Ebersbach in der Nähe von Stuttgart arbeitet. Und auch der Deutsche Bundesverband für Logopädie rät Eltern, die Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung ihres Sohnes oder ihrer Tochter feststellen, sich nicht verrückt machen zu lassen, sondern in Ruhe die Entwicklung des Kindes mit dem Kinderarzt besprechen. Tatsächlich verläuft die Sprachentwicklung sehr variabel, bei dem einen Kind früher oder schneller, bei dem anderen später und mühsamer.

Gutes Bauchgefühl
Und so ist es in der Sprachentwicklung wie auch in allen anderen Entwicklungsschritten der Fall, dass sich bei vielen Kindern die Phasen rascher Fortschritte mit jenen Phasen scheinbarer Stagnation abwechseln. Eltern können auf ihr Bauchgefühl hören, denn meist haben sie – insofern sie nicht durch eigene existenzielle Probleme abgelenkt sind – ein sehr gutes Gespür dafür, ob und wann ihr Kind ein echtes Problem entwickelt. „Häufige Sprachstörungen im Kita-Alter sind Lautfehlbildungen wie eben zum Beispiel jene Vor-oder Rückverlagerungen von Lauten. Außerdem kommen im Kindergartenalter auch solche Kinder zur Logopädie, deren Sprachentwicklung verzögert ist, da heißt, deren Wortschatz und Grammatik einfach nicht altersgerecht ist. Ein Vierjähriger, der noch immer nur Zweiwort-Sätze spricht, wäre ein solches Beispiel“, erzählt Juliane Koch aus dem Praxisalltag. Der Kinderarzt, der im Verdachtsfall auch zur Logopädie überweisen kann, ist der erste Ansprechpartner für besorgte oder auch verunsicherte Eltern. Sieht er einen Therapiebedarf, schreibt er zunächst ein Rezept über zehn Therapiestunden aus.

Eltern sind Co-Therapeuten
„Kommt ein Kind neu zu uns in die Praxis, dann stehen zu allererst die Anamnese, der Kontaktaufbau und die Diagnostik auf dem Plan. Wir sprechen mit den Eltern über eventuelle Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt, stellen Fragen zur allgemeinen motorischen Entwicklung und zur bisherigen Sprachentwicklung. Wir lassen uns dafür viel Zeit, denn es geht einfach auch darum, einen guten Kontakt zu den Eltern und den Kindern aufzubauen, die sind schließlich unsere Co-Therapeuten. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, führt das auch zum Therapieerfolg“, erklärt die 35-jährige Logopädin. Eine Behandlung dauert etwa 45 Minuten und läuft spielerisch ab. Generell rät sie, gerade bei Kindergartenkindern nicht allzu lange zu zögern, wenn Eltern ein ungutes Gefühl mit der Sprachentwicklung des Kindes haben: „Je länger Kinder fehlerhaft sprechen, desto mehr wird dies zum eingeschliffenen Muster. Gerade wenn mehrere Laute betroffen sind, verwächst sich das meist nicht von selbst, sondern muss abtrainiert werden. Da lässt sich schon festhalten: Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto besser ist es.“

Tags: Ergotherapie Düsseldorf , Logopäde Düsseldorf , Logopädie

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