Erziehung

Inklusion in Düsseldorf

Carolin Scholz · 12.11.2020

© Frank Schreier / Kleeblatt Düsseldorf *Trisomie 21*

© Frank Schreier / Kleeblatt Düsseldorf *Trisomie 21*

Alle Kinder spielen, lernen und entwickeln sich gemeinsam – jedes Kind in seinem Tempo. In der Praxis ist Inklusion aber noch lange nicht selbstverständlich.

Der Gedanke, der dahinter steht, ist ein schöner: Kinder, die gemeinsam aufwachsen, lernen und sich entwickeln. Die unterschiedliche Stärken und Schwächen haben und beides bei den anderen akzeptieren. Sich auch mal gegenseitig unterstützen und so schon als Kinder lernen, dass Menschen, die eine Beeinträchtigung oder Behinderung haben, zur Gemeinschaft dazugehören und genauso normal und speziell sind, wie alle anderen. Seit die UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2008 international in Kraft getreten ist und 2009 auch in Deutschland bestätigt und angenommen wurde, ist Inklusion immer mehr ein Thema. In der Konvention ist festgelegt, dass es Menschen mit Behinderung ermöglicht werden soll, uneingeschränkt an der Gesellschaft teilzuhaben, ohne dass dabei ihre besonderen Bedürfnisse übersehen werden. In Artikel 24 ist das Thema ausformuliert, über das rund um die Inklusion in den vergangenen Jahren besonders viel diskutiert wird: Bildung und Schule. 

Umsetzung hinkt hinterher

Menschen mit Behinderung dürfen demnach nicht aufgrund ihrer Beeinträchtigungen vom normalen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Die Staaten müssen das Schulsystem also so gestalten, dass Kinder mit Behinderung die gleiche Bildung bekommen können wie Kinder ohne Beeinträchtigung. Auch wenn es schon vorher inklusive Ansätze gegeben hat – etwa bei Montessori-Schulen und in verschiedenen Testläufen – ist das Thema seit der Konvention wesentlich stärker in der öffentlichen Debatte und auch in der Schulpolitik vertreten. Und obwohl seitdem schon mehr als zehn Jahre vergangen sind, ist die Umsetzung noch nicht so weit, wie es sich Betroffene wünschen würden. In der Öffentlichkeit wurde vor allem die Schließung vieler Förderschulen wahrgenommen – ohne dass Regelschulen behindertengerecht ausgebaut wurden. So sind auch in Düsseldorf seit 2014 eine Handvoll Förderschulen geschlossen oder in Dependances anderer Schulen umgewandelt worden. Gerade erst wieder hat eine Forsa-Umfrage unter Lehrkräften auch für NRW zum Teil harsche Kritik am mangelnden Fortschritt in Sachen Inklusion offenbart: zu große Klassen, schlechte Aus-und Weiterbildung der Lehrer*innen und insgesamt eine „Note“ von 4,7 für die Inklusionspolitik der Landesregierung NRW. 

Verein „Gemeinsames Leben und Lernen“

„Da gibt es noch sehr viel Luft nach oben“, sagt etwa Heike Götz, die dem Verein „Gemeinsames Leben und Lernen Düsseldorf“ vorsteht. Sie hat den Eindruck: „Inklusion steht und fällt mit dem Hintergrund der Schulleitung.“ Nur wenn diese dahinterstehe, den Lehrern an der Schule vermittle, dass das Thema wichtig sei und sich mit ihnen gemeinsam auf den Weg mache, gebe es die Chance, dass es vorangehe. Bei den Düsseldorfer Grundschulen laufe es schon ganz gut, bei den weiterführenden Schulen werde es schon schwieriger. Aktuell werden in Düsseldorf laut Stadtverwaltung 650 Schüler*innen an 72 Grundschulen und 993 Schüler*innen an 37 weiterführenden Schulen unterrichtet, die alle einen sogenannten sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Aktuell gibt es in Düsseldorf (noch) sieben städtische Förderschulen, vier vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) und zwei der privaten Graf-Recke-Stiftung. An den Düsseldorfer Kitas sind es derzeit 640 Kinder, die mit einer anerkannten oder drohenden Behinderung in 160 Kindertageseinrichtungen betreut werden.

Arbeitsgruppe Inklusion im JAEB

Für deren Belange setzt sich seit etwa drei Jahren eine eigene Arbeitsgruppe Inklusion innerhalb des Jugendamtselternbeirates (JAEB) ein. Katharina Carduck ist dort aktiv. Ihr Sohn hat eine Entwicklungsverzögerung und leichte Schwerhörigkeit. „Die erste Idee war es, Informationen für betroffene Eltern besser zu bündeln“, sagt sie. Anfangs sei es anstrengend gewesen, für die Hürden und Schwierigkeiten, die es geben kann, die richtige Anlaufstelle zu finden. Wer ein behindertes oder anders beeinträchtigtes Kind hat, sieht sich bei der Wahl von Kita und Schule oft vor einer Menge neuer Informationen, Begriffe und Entscheidungen gestellt.

Gutachten zum Förderbedarf

Vermuten Eltern, dass ihr Kind in irgendeiner Weise beeinträchtigt ist und mehr Förderung braucht als andere, können sie einen „Antrag auf Überprüfung des sonderpädagogischen Förderbedarfs“ stellen. Dann wird ein sonderpädagogisches und in manchen Fällen auch medizinisches Gutachten gestellt. Die zuständige Schulaufsichtsbehörde entscheidet, ob eine sonderpädagogische Unterstützung nötig ist und schlägt den Eltern verschiedene Schulen und Einrichtungen vor. Das können Förderschulen sein, mindestens eine davon muss aber eine allgemeine Schule mit „Gemeinsamem Lernen“ sein.

Sieben Schwerpunkte

Der Förderbedarf wird in sieben Schwerpunkte eingeteilt: Hören und Kommunikation, Sehen, körperliche und motorische Entwicklung, emotionale und soziale Entwicklung, geistige Entwicklung, Lernen und Sprache. Der im jeweiligen Bereich festgestellte Förderbedarf sorgt dafür, dass klar definiert wird, auf welche Unterstützung das Kind einen Anspruch hat. Er kann aber auch zum Stigma werden, sagt Katharina Carduck aus dem JAEB. „Wir fragen uns manchmal, ob es sinnvoll war, das Gutachten für unseren Sohn so früh zu beantragen“, sagt sie. Er habe zwar nun Anspruch auf verschiedene Förderung, die Schule könne den aber nicht wirklich so erfüllen. Sie habe immer wieder das Gefühl, die Schule weise die Verantwortung zurück. Statt eine Förderung zu ermöglichen, werde darauf hingewiesen, man solle doch den Lernort für das Kind wechseln – also doch die Förderschule.

Zu große Klassen

Grundsätzlich dürfen die Eltern entscheiden, welche Schule die richtige für ihr Kind ist. „Viele Eltern schicken ihre Kinder auf eine allgemeine Grundschule, geben aber beim Übertritt auf die weiterführende Schule auf“, sagt Heike Götz. Etwa, weil sie nicht den Eindruck haben, dass das Kind dort gut aufgehoben wäre – oder ihnen vermittelt wird, dass die Schule nicht auf die besonderen Bedürfnisse des Kindes eingestellt ist. Dass Lehrer*innen sich von der neuen Aufgabe überfordert fühlen können, kann Heike Götz verstehen. Immerhin sei das Thema Inklusion noch immer kein fester Bestandteil des Lehramts-Studiums. Außerdem müsse mehr passieren, als einfach Kinder mit Behinderung nicht mehr nur an Förderschulen zu schicken. „Es fehlt wie immer an Ressourcen“, sagt Heike Götz. Zu wenig Lehrer*innen, zu wenig Klassenräume, zu wenige und damit zu große Klassen.

Lehrkräfte nicht vorbereitet

Die Meinung von Lehrer*innen geht in eine ähnliche Richtung, wie neben der eingangs zitierten Forsa-Umfrage auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr zeigt. Positive und kritische Blickwinkel auf das Thema halten sich demnach die Waage. Lehrkräfte, die kritisch eingestellt sind, bemängeln vor allem, dass sie sich nicht genügend vorbereitet fühlen. Dass sie etwa zu wenig Erfahrungen haben mit Kindern, die einen Förderbedarf haben. Oder dass die Fortbildungsangebote nicht ausreichen und die Klassen zu groß sind, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Entscheiden sich die Eltern trotzdem für eine allgemeine Schule, kann es sein, dass ihr Kind Anspruch auf eine Schulbegleitung oder eine*n Inklusionshelfer*in hat. Das ist eine erwachsene Person, die das Kind begleitet und bei verschiedenen Dingen unterstützt. Etwa, dass sie hilft, den Schulranzen zu packen, mit zur Toilette geht, wenn das Kind das nicht allein kann, oder auch dabei hilft, den Schultag zu strukturieren. Dafür, Lernstoff zu vermitteln, ist die Schulbegleitung eigentlich nicht zuständig, auch wenn es sein kann, dass sie mal etwas erklärt, das das begleitete Kind nicht auf Anhieb verstanden hat.

Inklusionshelfer*innen

Doch auch daran gibt es Kritik von betroffenen Eltern. Denn dafür, als Schulbegleitung zu arbeiten, ist grundsätzlich keine besondere Ausbildung erforderlich. Im Prinzip kann das also jede*r tun. Dabei sind die Aufgaben mitunter anspruchsvoll, emotional wie fachlich. Denn auch wenn es nicht als deren Aufgabe gilt, Schulstoff zu vermitteln, müssen sie doch oft mal etwas erklären. Außerdem sollen sie helfen, das Kind, das sie begleiten, in die Klassengemeinschaft zu integrieren und in Kontakt mit den anderen Schüler*innen bringen – dazu gehört psychologisches Fingerspitzengefühl. Immer wieder sorge die Begleitung nämlich eher dafür, dass das Kind noch mehr am Rande stehe, sagt Heike Götz. Katharina Carduck hat zudem die Erfahrung gemacht, dass Schulbegleiter*innen oft nur übergangsweise als solche arbeiten. Dabei sei eine dauerhafte Bindung zwischen Kind und Begleitung wichtig.

Gelebte Inklusion

Schulbegleiter*innen oder Inklusionshelfer*innen gibt es nicht nur für Schüler*innen mit Behinderung, die auf eine Regelschule gehen, sondern auch an Förderschulen. Der Düsseldorfer Autor Tobias Steinfeld hat während seines Studiums selbst als Inklusionshelfer an einer Förderschule gearbeitet und seine Erfahrungen später in seinem ersten Roman „Scheiße bauen: Sehr gut“ verarbeitet. Denn die Arbeit dort hat ihn nachhaltig beschäftigt – und beeindruckt. „An den Förderschulen wird Inklusion schon lange gelebt“, sagt er. Denn auch wenn alle Kinder dort einen Förderbedarf haben, so unterscheidet sich dieser doch von Schüler zu Schülerin. „Alle haben unterschiedliche Ressourcen, sind kooperativ und können voneinander profitieren“, sagt Steinfeld. Das sind Erfahrungen, die auch Schüler*innen ohne Beeinträchtigung zugute kommen würden. Insgesamt findet Tobias Steinfeld, dass das Thema zu sehr problemorientiert betrachtet werde. Es gehe oft eher um die Machbarkeit, darum, was alles schwierig werden könnte. Außerdem traue man den Regelschüler*innen oft zu wenig zu, gehe davon aus, dass sie die Förderbedürftigen ausgrenzen könnten. Dabei solle man Inklusion eher als Chance für alle sehen, am Miteinander zu wachsen. „Berührungsängste kann man nur durch Berührung aus der Welt schaffen“, sagt Steinfeld. Die Bertelsmann-Studie weist in eine ähnliche Richtung: die Zahl der Lehrkräfte, die Inklusion positiv sehen, ist bei denen höher, die selbst schon einmal inklusive Lerngruppen unterrichtet haben.

Inklusion in Düsseldorf

Libelle-Interview mit Tanja Thalwitzer und Buchtipps zur Inklusion.

UN-Konvention

Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde 2006 verabschiedet, ist 2008 in Kraft getreten und wurde 2009 auch von Deutschland ratifiziert. Insgesamt haben sie 182 Staaten weltweit bestätigt. Sie wurde über fünf Jahre erarbeitet und betrifft etwa 650 Millionen Menschen. Darin geht es nicht nur um Inklusion in Kita und Schule, sondern auch um Teilhabe am Arbeitsleben und an politischen und öffentlichen Prozessen. Sie definiert behinderte Menschen als gleichberechtigt und beschreibt, dass Behinderungen „aus der Wechselwirkung aus Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entstehen“. Außerdem werden darin verschiedene Begriffe definiert. Das Wort Inklusion fällt dort übrigens nicht – dort ist meist von Integration die Rede. https://www.behindertenrechtskonvention/bildung

Inklusion oder Integration?

Auch wenn in der UN-Konvention von Integration gesprochen wird, nach allgemeinem Verständnis aber Inklusion gemeint ist, haben beide Begriffe unterschiedliche Bedeutungen. Integration geht eher von einer homogenen Mehrheit aus, in die kleinere Randgruppen integriert werden. Zwei getrennte Gruppen also, bei der sich die kleinere der größeren anpasst. Bei der Inklusion wird mehr die Vielfalt gesehen, die es ohnehin gibt. Die unterschiedlichen Fähigkeiten und Eigenschaften der Einzelnen werden nicht bewertet, sondern eher Wert darauf gelegt, die Gesellschaft so zu gestalten, dass alle unabhängig von ihren Voraussetzungen daran teilhaben können.

Kleeblatt Düsseldorf

Die Gruppe „Kleeblatt“ ist ein Zusammenschluss von Eltern, deren Kinder Down-Syndrom haben. Seit 2016 organisieren sie Elternstammtische und Familiennachmittage, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Angefangen mit fünf Familien ist die Gruppe immer weiter gewachsen. Viele Eltern haben vor der Diagnose ihres Kindes kaum mit Trisomie 21 zu tun und fühlen sich erst einmal unsicher. Da sei es wichtig, an die Hand genommen zu werden, sagen die Initiatorinnen Simone Eßer und Eva Schwientek. Kleeblatt heißt die Gruppe übrigens, weil ein vierblättriges Kleeblatt eine seltene, genetische Besonderheit ist, die sogar Glück bringen soll - und auch ein Kind mit Down-Syndrom viel Glück in eine Familie bringen kann. www.kleeblatt-duesseldorf.de

Filmtipp: Kinder der Utopie

Im Film „Kinder der Utopie“ geht es um sechs junge Erwachsene – drei mit und drei ohne Behinderung – die sich zwölf Jahre nach ihrer Grundschulzeit wieder treffen. Letztere wird in der Dokumentation „Klassenleben“ dargestellt, „Kinder der Utopie“ ist also gewissermaßen die Fortsetzung dieser Doku-Reihe über Schüler*innen einer integrativen Schule in Berlin. Die nun Herangewachsenen blicken gemeinsam auf die Zeit, die seit der Grundschule vergangen ist, und auf die Wege, die sie seitdem eingeschlagen haben. Der berührende Film nimmt sich Zeit für die Protagonist*innen – neben der gelebten Inklusion geht es dabei vor allem um das Erwachsenwerden.

Tags: Inklusion in Düsseldorf

Kategorien: Gesundheit , Erziehung , Stadtgeschehen