Erziehung

Hilfe zur Selbsthilfe

Andrea Vogelgesang · 07.01.2018

© BrianAJackson – iStock.com

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Der Nachhilfemarkt boomt. 14 Prozent aller Schüler und Schülerinnen erhalten private Nachhilfe, viele schon in der Grundschulzeit.

Eltern sind bereit, für Nachhilfeunterricht tief in die Tasche zu greifen. Wir loten Möglichkeiten und Grenzen des Nachhilfeangebots aus.

Mal ganz im Ernst, es gibt wohl kaum ein Kind, das seiner Einschulung nicht mit Neugier und Freude entgegenfiebern würde. So marschierte auch Mara vor zwei Jahren zunächst jeden Morgen gut gelaunt und wissbegierig in ihre Klasse und präsentierte nachmittags zu Hause stolz erste Buchstaben und Zahlen. „Schule war kein Thema. Irgendwann aber schien sie lustlos und begann mit den Hausaufgaben zu schludern. Dann kam ein Anruf der Lehrerin, die mich zu einem Gespräch einlud. Wir müssten einen Blick auf ihre Lesefertigkeiten haben, da sei Mara bedenklich hinter den anderen“, berichtet die Mutter. Sie begann sich zu sorgen, wie es für ihre Tochter weitergehen würde, wenn es schon in der zweiten Klasse haperte. Viele Eltern sehen die Primarstufe längst nicht mehr als eine Zeit des freudigen Lernens, sondern beäugen die Leistungen ihres Nachwuchses im Hinblick auf die Eignung für die weiterführenden Schulen. Dabei steht für die meisten fest, dass es das Gymnasium sein müsse. Diese Haltung erzeugt natürlich Druck. Brigitte ist Klassenlehrerin in einem vierten Schuljahr und bringt dies wie folgt zum Ausdruck: „Insbesondere von Elternseite scheint es nur diese eine Variante zu geben. Sie drängen ihre Kinder deshalb schon früh zum Lernerfolg, während ich die Jungen und Mädchen eher gelassen erlebe. Ich habe zum Beispiel einen Schüler mit großen Lernschwierigkeiten in meiner Klasse. Aber er kommt immer gern zum Unterricht – trotz schlechter Noten.“ Die 49-jährige Grundschullehrerin hatte erst kürzlich wieder Elterngespräche zum Schulwechsel. Dabei rät sie Vätern und Müttern, je nach ihrer Einschätzung, auch immer wieder, Alternativen in Betracht zu ziehen. Mehr als eine Empfehlung kann sie nicht aussprechen. Die Real- oder Gesamtschule sei für manche Kinder eine viel entspanntere Option als das Gymnasium, wo von Anfang an ein ziemlich hohes Lerntempo herrsche und die Fähigkeit zu abstraktem und analytischem Denken unbedingt gefordert sei. Und es dürfe nicht vergessen werden, dass bei guten Noten an der Real- oder Gesamtschule später auch noch der Übergang zum Gymnasium möglich sei.

Zu Hause: reichlich Emotion
Um den Sprung in die gymnasiale Laufbahn direkt zu schaffen, pauken viele Mütter oder Väter zu Hause mit dem Nachwuchs. Es sollte generell aber nicht das Ziel sein, mit einer außerschulischen Unterstützung Leistungen zu erzwingen, die über die tatsächlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse eines Schülers hinausgehen – denn damit ist dem Kind auf Dauer nicht geholfen. Barbara Rückert, die gemeinsam mit ihrem Mann Michael Hülsmann Förderunterricht in einem Lerninstitut anbietet, weist darauf hin, dass bei häuslichem Training zu berücksichtigen sei, dass Eltern in der Regel keine ausgebildeten Pädagogen und Didaktiker seien. Von daher sollten sie entsprechende Hinweise der Lehrer berücksichtigen oder zur Verfügung gestelltes Material nutzen. Nicht zu unterschätzen sei zudem, dass das familiäre emotionale Verhältnis durch gemeinsames „Üben“ negativ belastet werden könne: Denn Kinder würden ihre Eltern nicht enttäuschen wollen und spürten ganz genau deren Sorge. Also dann doch lieber Nachhilfe von außen?

Passgenau: Hilfe von Experten
Handelt es sich um Trainingsrückstände beim Lesen, Schreiben und Rechnen, zum Beispiel nach längeren Abwesenheitszeiten oder aufgrund privater Umstände, dann könnten mit Nachhilfe – als zeitlich befristete Maßnahme – inhaltliche Lücken geschlossen werden. „Allerdings darf dies nicht zum Dauerzustand werden, da ständige Assistenz Unselbstständigkeit fördert und sich negativ auf das Arbeitsverhalten und auf das Selbstvertrauen der Kinder auswirkt“, gibt die Fachfrau zu bedenken. Ansonsten sei – insbesondere bei Grundschülern – unbedingt auch zu klären, wo der Grund der Schwierigkeiten liege. Lehrerin Brigitte hat immer ein Auge auf die Lernfortschritte ihrer Schüler. Wenn ihr zum Beispiel auffällt, dass jemand beim Rechnen schon im Einer-, Zehner- oder Hunderterbereich Schwierigkeiten hat, das Dezimalsystem zu verstehen, wird sie hellhörig. „Denn darauf bauen ja später alle Rechenvorgänge bis in den Millionenbereich auf. Sollte Dyskalkulie vorliegen, muss direkt geholfen werden. Auch Schwächen im Lesen und Schreiben können auf LRS hindeuten, und dann sind spezifische Hilfsmaßnahmen angezeigt. Das hat nichts mit der Intelligenz zu tun. Hier ist die Unterstützung fachlicher Förderung heranzuziehen“, kommentiert die erfahrene Lehrerin und fügt hinzu, dass inhaltliche Übungsmaßnahmen wie bei Nachhilfe da üblicherweise nicht ausreichten.

Entwicklungsprofil beachten
Wenn also die innerschulische, individuelle Unterstützung und Förderung, die immer an erster Stelle stehen müssen, nicht reichen, sind Experten zurate zu ziehen. Barbara Rückert empfiehlt, zuvor das Gespräch mit den Lehrern und den Mitarbeitern der schulpsychologischen Beratungsstelle, die in jeder Grundschule vor Ort sind, zu suchen. Darin kann geklärt werden, ob die Lernschwierigkeiten möglicherweise durch außerschulische Fördermaßnahmen bearbeitet werden müssen. Auch das individuelle Lerntempo muss berücksichtigt werden, um schulische Leistungen nicht vorschnell als defizitär einzustufen. Ein differenziertes Hinschauen und die Berücksichtigung vieler Faktoren sind gefragt. Ein Beispiel dafür ist auch Zweitklässlerin Mara. Als sie ihre Zuckertüte in der Hand hielt, war sie noch fünf, während viele ihrer Mitschüler ihren sechsten Geburtstag schon längst gefeiert hatten. Innerhalb einer Klasse gibt es oft Altersunterschiede, die bis zu einem Jahr reichen können. Nach Angaben der Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin Dr. Gabriele Trost-Brinkhues korreliere die Schulreife nicht automatisch mit einem bestimmten erreichten Lebensalter, sondern jedes Kind habe ein individuelles Entwicklungsprofil und eine eigene Geschwindigkeit, die von zahlreichen Parametern beeinflusst würden. In diesem Zusammenhang spricht sie von der sogenannten Normvarianz bezogen auf körperliche, intellektuelle, sprachliche, soziale und emotionale Fähigkeiten. Besonders fünf- bis sechsjährige Kinder variierten in diesen Bereichen stark, eine Beobachtung, die in den vergangenen Jahren noch zugenommen hat. Gesund entwickelte Fünfjährige können demnach eine Entwicklungsvarianz von bis zu vier Jahren aufweisen, sich in Bezug auf bestimmte Entwicklungsbereiche also auf der Stufe eines Dreijährigen oder aber eines Siebenjährigen befinden. Würden diese Faktoren außer Acht gelassen, könne dies für ein Kind massive Folgen haben. Diese Unterschiede gleichen sich manchmal erst bis zum zehnten Lebensjahr aus. So war es auch in Maras Fall. Sie hatte Glück, ihre Lehrerin blieb entspannt und gab ihr die notwendige Zeit. Und nun, im dritten Schuljahr, bereitet ihr das Lesen kaum noch Schwierigkeiten. Dennoch sollten Eltern und Lehrer nicht leichtfertig zu lange warten, bevor sie gegebenenfalls geeignete Maßnahmen ergreifen, da sich manches Defizit nicht von allein auswächst.

Freiräume fürs Kindsein
Grundsätzlich brauchen wir wohl genau so etwas: Vertrauen darin, dass sich ein Kind entwickelt – das eine eben früher, ein anderes später. Und auch die Fähigkeit, sich in die Bedürfnisse eines Kinderlebens hineinzuversetzen, ist vonnöten. Freies Spielen am Nachmittag oder Aktivitäten, die nichts mit der Schule zu tun haben, sind ebenso Bestandteil gesunden Heranreifens wie das schulische Lernen. In diesem Sinn gibt Barbara Rückert zu bedenken: „Die meisten Grundschüler sind heute von morgens bis in den späten Nachmittag in der Schule. Wann soll die Nachhilfe also stattfinden? Der Schultag verlängert sich in einer Weise, dass das Leben der jungen Menschen nunmehr ausschließlich von schulischen Themen dominiert wird. Kein Erwachsener akzeptiert (zumindest nicht ohne finanzielle Kompensation!) eine solche Verlängerung seines Arbeitstages. Hinzu kommt, dass die meisten Kinder nach dem langen Schultag auch gar nicht mehr aufnahmefähig sind.“ Wenn also eine zusätzliche, befristete Unterstützung notwendig ist, so sei es von Vorteil für die Kinder, diese in den frühen Nachmittag zu legen. In diesem Sinn bieten viele Schulen intern Förderstunden im Rahmen des regulären Stundenplans beziehungsweise der Nachmittagsbetreuung an.

Wo gibt's Lern- und Nachhilfe?
Eine Auswahl der bekanntesten Nachhilfeinstitute, oft Filialen bundesweiter Anbieter:
• Abacus
• Schülerhilfe
• Studienkreis
• Kumon
• AHA
• Duden Institut für Lerntherapie
• Das Lernhaus
• LOS
• Lernwelt

Ganz im Trend, vor allem für weiterführende Schüler: Online-Nachhilfe. Auch hier eine Auswahl:
• Duden Learnattack
• Sofatutor
• Lernbude
• Scoyo
• Lernwerk
• Chat-Nachhilfe
• Easy Tutor
• kapiert.de
• noteeins
• und natürlich … Superprof!

Kategorien: Erziehung