Erziehung

Gespiegelt – Vom Wesen der Nachahmung

Andrea Vogelgesang · 10.10.2017

© Emil Zander

© Emil Zander

Ein Interview mit Dr. Karl-Reinhard Kummer zum Thema Nachahmung und der Wirkung von Vorbildern auf Kinder.

Libelle: Welche Bedeutung kommt der Nachahmung in der kindlichen Entwicklung zu?
Dr. Karl-Reinhard Kummer: Die Nachahmung ist der der Weg, auf dem ein kleines Kind zunächst lernt. Ihre Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ein Neugeborenes verfügt zunächst über angeborene Bewegungsmuster, oft auch „frühkindliche Reflexe“ genannt. Dieses Inventar muss ein Säugling aber abbauen, um zu einer eigenen Bewegung zu kommen. So ist es mit dem gesamten Verhalten: Mit der Geburt Vorhandenes muss zunächst beseitigt werden, um Eigenes zu schaffen. Und hier beginnt die Rolle der Nachahmung. Woher soll ein kleines Kind Neues lernen, wenn nicht aus der Umgebung? Alles, was der Säugling und später das Kleinkind erwirbt, erfährt es aus seiner Umwelt und macht es sich zu eigen. Bewegungsabläufe, Verhaltensmuster, Stimmungen und seelisches Verhalten - das alles erlebt das Kind und bildet sich daraus sein eigenes Verhalten, seine sogenannten eigenen Verhaltensmuster. Daher ist es so wichtig, dass das Kind einen Menschen als physisch anwesendes Vorbild als Gegenüber hat. Durch ihn, sein Mienenspiel und sein inneres Wesen lernt es. Dabei spielt die Atmosphäre im Umfeld eine entscheidende Rolle: In Hektik kann man bekanntlich nicht gut lernen. Angst machende Situationen erzeugen nur Angst, aber keine Früchte.

Lernen Kinder also mehr über die Nachahmung als über Anweisungen oder Erklärungen?
Intellektuelle Anweisungen können kleine Kinder noch gar nicht nachvollziehen. Das Kind lernt nur über das Tun, lange bevor es etwas versteht, das ist der Weg des kindlichen Lernens. Auch Erwachsene lernen im Prinzip ja so. Zum Beispiel erfährt ein Lehrling in einer Schlosserei ja nicht nur theoretisch etwas über die Härte des Stahls oder der Feile, sondern der Meister zeigt ihm, wie genau er die feilen muss, damit ein Werkstück dann brauchbar wird. Die Voraussetzung, Belehrungen verstehen und einordnen zu können, würde bedeuten, dass Kleinkinder schon verinnerlichte Vorstellungen von einem Inhalt haben, wozu sie jedoch noch nicht in der Lage sind. Die Gesetzmäßigkeiten, die hinter Vorgängen stehen, müssen erst im Praktischen beobachtet und dann nachgemacht werden. Daraus können sich später kognitive Fähigkeiten entwickeln.

 

Dr. Karl-Reinhard Kummer (69) praktizierte als Kinderarzt, seit 2012 arbeitet er als Schularzt an der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder sowie vier Enkelkinder.

Dr. Karl-Reinhard Kummer (69) praktizierte als Kinderarzt, seit 2012 arbeitet er als Schularzt an der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder sowie vier Enkelkinder.

 

Wie verändert sich die Bedeutung der Nachahmung im Lauf der Entwicklung?
Nachahmung ist ein allgemeines Phänomen bei Tieren und auch beim Menschen. Spätestens seit der Entdeckung der Spiegelneuronen ist erwiesen, wie jeder Mensch ein Leben lang innerlich mitschwingt mit dem, was um ihm herum vor sich geht, das heißt, wir machen jede Bewegung eines Gegenübers innerlich mit. So führt zum Beispiel das Mitgehen mit den Augenbewegungen zum Verstehen von Mensch zu Mensch. Auch wenn die Nachahmung später im Lauf des Lebens eine geringere Rolle spielt als in der Kindheit, verhalten sich Erwachsene noch nach diesem Prinzip: Wenn das Nachbarauto an einer roten Ampel Gas gibt, gibt man vielleicht auch Gas. Auch Erwachsene können am Fernseher zu Hause bei einer Fußballübertragung hochspringen, wenn ein Tor fällt; sie spielen sozusagen mit. Eltern machen wie das Kind den Mund auf, wenn sie es auf dem Schoß füttern und ihm einen Löffel mit Brei geben. Die Reihe dieser Beispiele könnte man noch viel länger machen.

Wie müssen Eltern und Erzieher ihre Vorbildfunktion angesichts des Nachahmungstriebs einschätzen?
Wichtig ist, dass Eltern wissen, sie müssen authentisch sein. Alles, was sie machen, wird nachgeahmt. So müssen sie sich ihrer Verantwortung als Vorbild bewusst sein. Der kleine Säugling vertraut ganz auf die Erwachsenen. Das muss das Kind auch, schließlich versorgen sie es in allen Lebensbereichen. Das betrifft dann deutlich sichtbar für Eltern und Erzieher das Kindergartenalter. Hier bekommen sie den Spiegel in den Rollenspielen des Kindes. Vorschulkinder können spielen, wie die Erwachsenen das Kind liebevoll versorgen, aber auch wenn sie es im Zorn anschreien oder gar prügeln. Das Schulkind sucht dann schon bewusster ein inneres Vorbild: Hast du moralische Grundsätze, kann ich dir vertrauen, hast du eine Lebenszuversicht? Der Jugendliche sucht ab der Pubertät: Wie steht der Erwachsene der Welt gegenüber, wie geht er mit Problemen um, hält er innerlich, was er verkündet, hält er mich aus? Damit ist aus der Nachahmung eine fragende Haltung dem Erwachsenen gegenüber geworden.

Wie kann man schlechten Vorbildern oder negativen Einflüssen von außen vorbeugen?
Schlechte Vorbilder gibt es natürlich immer, auch sie werden inneres Wesen des Kindes wie ein gutes Beispiel: Aggressivität beim Autofahren wird zu Aggressivität des Kindes mit dem Fahrrad, schlecht über andere zu reden wird zu Missachtung des Kindes anderen gegenüber. Misshandelte Kinder stehen in der Gefahr, später ihre Kinder zu misshandeln … Zusammenfassend kann man sagen: „Das Kind wird so wie wir sind.“ Deshalb ist es so wichtig, die Basis schon in der frühen Kindheit zu legen und von Anfang an zu berücksichtigen, wie wir unsere Handlungen begleiten, wie aufmerksam wir bei allen scheinbar unwichtigen Tätigkeiten sind - Tischdecken, das Bett machen oder etwas Schönes wie einen Blumenstrauß herrichten: Genauso wirkt es, wenn wir nur scheinbar beim Kind sind, uns in Wirklichkeit aber mit etwas ganz anderem befassen, und eigentlich gar nicht anwesend sind, zum Beispiel mit Telefonieren oder Chats im Smartphone beschäftigt sind. Über unsere innere Haltung und Stimmung, aber auch unsere innere Echtheit wirken wir ständig auf das Kind, auch wenn das äußerlich nicht sichtbar ist. Und dies wird zur Basis für das weitere Leben.

 

Tags: Helden , Vorbilder

Kategorien: Erziehung