Gelassen erziehen

Gelebte Inklusion

Carolin Scholz · 17.03.2021

© Conny Wenk

© Conny Wenk

Parker ist dreieinhalb Jahre alt und der Sohn von Tanja Thalwitzer. Er hat das Down-Syndrom. Seine Eltern waren nicht auf das Leben mit einem behinderten Kind vorbereitet – doch heute sind sie ein gutes Beispiel, wie man trotzdem und deswegen sogar erst recht glücklich sein kann.

Libelle: Wie war der Start mit Parker?

Tanja Thalwitzer: Dass Parker das Down-Syndrom hat, haben wir erst nach der Geburt erfahren. Das mussten wir natürlich erstmal verdauen und uns zurechtfinden. Wir hatten das Gefühl, wir müssen in kürzester Zeit zu Experten werden – immerhin wollten wir ihn von Anfang an so gut wie möglich fördern. Wenn man aber versucht, sich im Internet zu informieren, wird man wahnsinnig. Da gibt es einfach zu viele Informationen auf einmal.

Wie haben Sie sich da zurechtgefunden?

Tanja Thalwitzer: Schon im Krankenhaus haben wir einen Flyer von der Düsseldorfer Gruppe Kleeblatt bekommen. Dort sind Eltern von Kindern mit Down-Syndrom vernetzt. Wir haben uns dort gemeldet und direkt die nötigsten Infos bekommen. Sich mit anderen zu vernetzen und sich auszutauschen ist unheimlich wichtig. Wir sind froh über den Kontakt zu Kleeblatt.

Oft geht es um die Entscheidung Fördereinrichtung oder nicht. Wie war das bei Ihnen?

Tanja Thalwitzer: Bis August war Parker bei einer Tagesmutter, die für uns ein echter Herzensmensch war. Sie hatte viel Erfahrung mit behinderten Kindern und lebt Inklusion. Seit September ist er in einer integrativen Kita. Wir hatten noch überlegt, ihn in die gleiche Kita wie seinen großen Bruder zu schicken, uns dann aber dagegen entschieden.

Wie kamen Sie zu dieser Entscheidung?

Tanja Thalwitzer: Die Leitung war in den Gesprächen zwar sehr offen, hat aber viele Bedenken geäußert. Es gab dort wenig Erfahrung mit behinderten Kindern. Die Sorgen konnten wir gut verstehen. Deshalb haben wir uns für die integrative Kita entschieden. Und da ist es der Himmel auf Erden. In der Gruppe sind 15 Kinder, fünf davon haben einen Förderbedarf – alle ganz unterschiedlich.

Wie funktioniert das Miteinander dort?

Tanja Thalwitzer: Kinder gehen an so etwas einfach intuitiv ran. Die merken vielleicht, dass andere Kinder manches langsamer machen, beurteilen das aber nicht. Auch die Kinder ohne Förderbedarf können dabei viel lernen. Zum Beispiel darüber, dass es okay ist, anders zu sein.

Wie stellen Sie sich in Zukunft die Schullaufbahn für Parker vor?

Tanja Thalwitzer: Vor dem Gedanken graut es mir noch ein bisschen. Im Prinzip müssen wir aber dann schauen, wenn es soweit ist. Natürlich sehe ich Parker im Moment noch an einer Regelschule. Wenn das aber nichts für ihn ist, ist natürlich auch eine Förderschule gut. Im Endeffekt wollen wir ja nur, dass es Parker gut geht und er glücklich ist – egal auf welcher Schule.

Wenn Sie mal träumen dürften – wie stellen Sie sich Inklusion in Zukunft vor?

Tanja Thalwitzer: Ich würde mir wünschen, dass es Inklusion gar nicht geben müsste. Dass es in unserer Gesellschaft ganz normal wäre, dass jeder so angenommen wird, wie er ist und die Möglichkeit hätte, alles in seiner Kraft und Zeit zu erreichen. Eben eine Gesellschaft, die offener für Andersartigkeit ist. Ich finde, wir sind ja ein gutes Beispiel dafür, dass man mit und trotz einer Behinderung in der Familie glücklich sein kann. Ich kann verstehen, wenn es Ängste und Sorgen gibt, aber ich würde mir wünschen, dass wir die in Zukunft ausräumen können. Ich freue mich darauf, diesen Weg mit Parker zu gehen. So eine Veränderung wäre nämlich eine Bereicherung für alle.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Das Interview führte Carolin Scholz.

Inklusion in Düsseldorf

Buchtipps für Eltern und Kinder

Wer bist du?

Leben in Bildern: Friedrich kann nicht sprechen, keinen Augenkontakt halten – sein Vater Florian Jaenicke fragt: „Wer bist du?“ und sucht in einer Kolumne in der Wochenzeitung „Die Zeit“ nach Antworten auf diese Frage. Mit intensiven Fotos und kurzen Texten. Diese sind nun in einem Buch zusammengefasst erschienen und nehmen mit auf die Reise durch das Leben des schwerstbehinderten Jungen und seiner Familie.
Wer bist du?: Unser Leben mit Friedrich
Von Florian Jaenicke
Aufbau-Verlag  2020
ISBN 978-3-351-03768-0
24 Euro
 

Lilly gehört dazu

Für Kinder: Es gibt einige Dinge, die Lilly nicht kann. Aber mindestens genauso viele, die sie toll kann. Mit den Fingern bunte Bilder malen zum Beispiel – und ihre Schwester trösten. „Lilly gehört dazu“ erklärt mit liebevollen Illustrationen, wie schön das Leben mit einer Schwester mit Down-Syndrom sein kann.
Lilly gehört dazu
Von Irmgard Partmann und Laura Bednarski
Ab 5 Jahren
Coppenrath-Verlag 2020
ISBN 978-3-649-63313-6
15 Euro
 

Alles inklusive

Erfahrungsbericht einer Mutter: Mareice Kaisers Buch „Alles inklusive“ beginnt in ihrer 36. Schwangerschaftswoche. Zu diesem Zeitpunkt bekommt sie den ersten Hinweis, dass mit Greta, die da noch im Bauch ist, etwas nicht stimmen könnte. Schließlich wird sie mit einem Chromosomenfehler mehrfach behindert geboren und die erste Zeit des Elternseins schwieriger als erwartet. Doch sie lernen mit den vielen Hürden umzugehen und am Ende doch einfach eine glückliche Familie zu sein.
Alles inklusive
Von Mareice Kaiser
Fischer-Verlag 2016
ISBN 978-3-596-29606-4
Circa 15 Euro
 

Scheiße bauen: Sehr gut

Einblicke mit Witz: In Tobias Steinfelds Roman „Scheiße bauen: Sehr gut“ muss ein Gymnasiast ein Praktikum auf einer Förderschule machen und wird versehentlich für einen Schüler gehalten. Obwohl er vorher selten mit Förderschüler*innen zu tun hatte, hat er eine Menge Vorurteile und muss – nun selbst einer von ihnen – feststellen, wie falsch er mit vielem lag.
Scheiße bauen: Sehr gut
Von Tobias Steinfeld
Ab 12 Jahren
Thienemann-Verlag 2018 (7. Aufl.)
ISBN 978-3-522-20247-3
12 Euro

Tags: Leben mit Behinderung

Kategorien: Stadtleben , Gelassen erziehen , Gesunde Familie