Erziehung

Familienalltag zwischen WhatsApp, Fortnite und Instagram

Juliane Faller · 13.07.2020

„Mama, dürfen wir noch etwas schauen?“ Es ist kurz nach halb sechs und ein langer Tag liegt hinter den Kleinen. Die Chance, dass die nächste halbe Stunde in einträchtiger Geschwisterliebe verbracht wird, während Mama das Abendessen zubereitet, geht gegen Null. Wie praktisch also, dass da dieser nette viereckige Kasten im Wohnzimmer steht, der der ganzen Familie eine halbe Stunde Pause gönnt, in welcher die Kinder wie betäubt auf die bewegten Bilder starren. Wenn wir ehrlich sind, können wir uns ein Leben ohne sie oftmals nicht mehr vorstellen, die digitalen Helfer, die uns das Leben ein bisschen leichter machen.

Und das ja nicht nur zum gelegentlichen „Parken“ der Kinder. Nein, der Alltag ist voll von Situationen, in denen Familie digital wird: So kann die Mama, die stillend auf der Couch sitzt, plötzlich vernetzt sein mit anderen Mamas und sich mit ihnen austauschen. Während der Erkältungszeit schalten wir mal schnell die Maus-App auf dem Tablet an und siehe: Da inhaliert das Kind plötzlich auch die notwenigen zehn Minuten ohne Jammern. Während der Zeiten der Zähneputz-Kämpfe einfach das Putzen auf die Peppa-Wutz-Zeit gelegt und schwupps, sind auch schnell noch die Haare gekämmt und die Nägel beschnitten. Digitale Helfer können uns das Leben in der Familie und den Alltag um einiges erleichtern. Allerdings sollte dennoch darauf geachtet werden, dass sie keinen zu großen Raum einnehmen und altersgerecht eingesetzt werden.

Eltern als Vorbild

Besonders wichtig ist, dass Eltern sich in diesem Zusammenhang ihrer Vorbildfunktion bewusst sind. Denn wenn die Eltern den halben Tag am Handy zubringen, wird es schwierig, den Kindern zu vermitteln, einen anderen Weg einzuschlagen. Mit der Plakatkampagne „Sprich mit mir“ wollte der Kinderschutzbund im vergangenen Jahr auf Gefahren des Handykonsums von Eltern aufmerksam machen. Auf einem der Motive, die derzeit in den Düsseldorfer Kindertagesstätten hängen, sind zwei Mütter zu sehen, die mit ihren Handys in der Hand mit den Kinderwagen zusammenstoßen … Durch die Kampagne sollen Eltern dafür sensibilisiert werden, aktiv Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, anstatt ständig auf ihr Smartphone zu schauen. Sicher ein wertvoller Ansatz, den Eltern sich zu Herzen nehmen sollten. Gleichzeitig muss an dieser Stelle aber auch wieder abgewogen werden, wo Sensibilisierung aufhört und wo Eltern-Bashing anfängt. Gerade ältere Menschen neigen nämlich dazu, ungefragt ihre Meinung zum Medienkonsum von Eltern zu offenbaren. Wenn die Mutter, den ganzen Tag mit ihrem Anderthalbjährigen liebevoll zu Hause spielt, ihn bekocht und ihm vorliest und dann bei der Spazierrunde bei einem schnellen Blick aufs Handy von einem Herrn Mitte 70 zu hören bekommt „Ja du Armer? Hat die Mama mal wieder nur Augen für ihr Handy?“, kann das schon richtig unangebracht sein.

Digitale Alltagshelfer

Fakt ist auch, dass ältere Menschen gar keine Vorstellung davon haben, welchen Stellenwert ein Mobiltelefon heute für das Familienleben hat und dass die Mutter es im seltensten Fall dazu nutzt, Candy-Crush-Saga zu spielen. Vielmehr organisiert sie damit Familientermine, tätigt Einkäufe, holt Erziehungstipps ein, checkt das Spielplatzwetter für den Nachmittag und sucht Kochrezepte. Die Studie „Die Digitale Familie“ zeigt auf, dass 75 Prozent der Eltern angeben, dem Smartphone eine wichtige Bedeutung bei der Organisation des Familienalltags beizumessen. „Es gibt unter Eltern den Bedarf, den Alltag durch digitale Tools besser zu strukturieren, leicht an relevante Informationen zu gelangen, sich zu vernetzen“, erklärt Anna Figoluschka, die Initiatorin des Netzwerks „Digitale Elternhelfer“ im Zuge der Studie. Im Zuge der Studie werben Expert*innen außerdem dafür, Kinder frühzeitig mit einem verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien vertraut zu machen anstatt diese zu verbieten.

Altersgerechter Umgang

Neben dem guten Vorbild kann die „digitale“ Erziehung durch die Vereinbarung von Bildschirmzeiten und auch durch Gespräche über das Erlebte und die gemeinsame Aufarbeitung von Computerspielen und Filmen geschehen. Jüngere Kinder sollten Fernsehsendungen, Spiele und Apps nur mit den Eltern gemeinsam erfahren. Älteren Kindern und Jugendlichen, die sich auch schon ohne die Begleitung eines Erwachsenen im digitalen Raum bewegen, sollten die Gefahren, die das Internet birgt, bewusst sein. Gleichzeitig ist es gerade bei Jugendlichen wichtig, ihnen hier auch einen gewissen Freiraum zu lassen und auf die Kompetenz des eigenen Kindes zu vertrauen. Häufig gehen Jugendliche sogar sehr viel verantwortlicher mit ihren persönlichen Daten und Fotos um als ihre Eltern. Sie mit dieser Verantwortung aber nicht allein zu lassen und weiterhin im Blick zu haben, welche Inhalte das eigene Kind teilt und konsumiert, ist in jedem Alter wichtig.

Die Verantwortung der Großeltern

Auch Großeltern haben in Bezug auf digitale Medien eine große Verantwortung, der sie sich bewusst sein sollten. Wie häufig erleben wir es als Eltern doch, dass das Kleinkind bei der Familienfeier bei Opa auf dem Schoß sitzt und dieser der Familie und damit auch dem Kind vermeintlich witzige Fotos und Videos auf seinem Smartphone präsentiert. Die Großelterngeneration, welche selbst nicht mit diesen Medien groß geworden ist, verliert manchmal aus dem Blick, welch große Verantwortung sie an dieser Stelle trägt und wie unangebracht es sein kann, einem Kleinkind das Video zu zeigen, welches beim Kegeltreff vergangene Woche für einige Lacher sorgte ... Hier können die Eltern mit einem freundlichen Hinweis schon viel erreichen, um bei Oma und Opa einen achtsamen Umgang zu schaffen. Denn diese wollen ja meist nur das Beste für ihre kleinen Enkel – und da gilt gerade bei kleinen Kindern: Weniger ist mehr. Wenn Eltern und Großeltern die Zeit mit ihren Kleinen bewusst genießen wollen, dann dürfen Handy, Tablet und Co. auch gern mal für die eine oder andere Stunde in der Schublade verschwinden.

Tags: Digitale Familie , Newsletter KW26

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