Erziehung

Europa: Schule in Coronazeiten

Aus der Redaktion · 10.06.2020

© Africa Studio – AdobeStock

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Wie laufen Homeschooling und der Start zurück in die Schulen anderswo? Die Libelle hat Familien im In- und Ausland nach ihren Erfahrungen befragt.

Schülerinnen und Schüler gehen in Deutschland allmählich wieder zur Schule – allerdings in den meisten Städten nur tageweise, in kleinen Lerngruppen und mit stark reduziertem Stundenplan. Wie läuft das anderswo? Familien von hier und aus der Schweiz, Dänemark, Schweden und anderswo berichten.

 


Winterthur / Schweiz. Zwei unserer drei Kinder besuchen die neunte beziehungsweise elfte Klasse in unterschiedlichen Gymnasien. Mit dem Eintritt in das Gymnasium hier in der Schweiz ist das Einbeziehen der Eltern in Schulangelegenheiten der Kinder von Seiten der Schule nicht mehr vorgesehen. Als Kommunikationskanal zwischen Schüler und Lehrpersonen dient ein schulinterner E-Mail-Account. Vom Homeschooling selbst bekommen wir Eltern nicht viel mit, vertrauen aber, dass die morgendliche Zeit in ihren Zimmern nicht nur für Netflix-Serien verwendet wird ... Laut Interview der Kinder hat jede Schule hier ihr eigenes Konzept für den „neuen Unterricht“. Bei unserem Sohn läuft das Homeschooling vor allem über Microsoft Teams. Pro Woche werden Arbeitsaufträge durchgegeben, deren Erledigung mehr oder weniger auch kontrolliert werden. Es gibt Gruppenarbeiten, um den Kontakt zu den Mitschüler*innen zu halten und in den Fremdsprachen gibt es Audio-Chats. Bei unserer Tochter ist es uneinheitlicher, die Lehrpersonen stellen die Aufgaben im Zwei-Wochenrhythmus. Verwendete Tools sind Teams, Kurznotizbuch, Moodle sowie auch E-Mails, gelegentlich finden auch Video-Konferenzen statt. Gefühlt hat unsere Tochter immer zu tun und unser Sohn immer frei, aber das liegt wohl auch an deren unterschiedlichen Charakteren ... Der Präsenzunterricht beginnt hier ab dem 8. Juni mit Abstands- und Hygieneregeln und vielem mehr. Die Kinder freuen sich schon darauf. Wir sind gespannt! (Irene und Marcus, mit Kindern im Alter von 15 und 17 Jahren)


Stockholm / Schweden. Ganz Schweden hat geöffnete Grundschulen. Ganz Schweden? Nein, eine kleine internationale Grundschule in Stockholm wurde geschlossen ... Aber von vorn: Als überall in Europa wegen der Covid-19-Pandemie die Schulen schlossen, musste die schwedische Regierung erstaunt feststellen, dass es in Schweden keine Gesetze gibt, die es möglich machen, wegen einer Pandemie Schulen vorübergehend zu schließen. Schulpflicht und Betreuungspflicht den Kindern gegenüber bestehen bis zur 9. Klasse. Daher wurden erst einmal nur, ohne Gesetze zu brechen, die Gymnasien geschlossen (Klasse 10 – 12). Gleichzeitig wurden vorübergehende Notgesetze vorbereitet, die es in Zukunft möglich machen, auch Grundschulen und Kindergärten schließen zu können. Die Deutsche Internationale Schule in Stockholm schloss allerdings, und zwar mit der Begründung, dass der Betrieb wegen eines hohen Ausfalls des Lehr- und Betreuungspersonals nicht mehr möglich sei. Glücklicherweise konnten wir jeweils unsere Arbeitszeiten auf 50 Prozent herabsetzen, sodass die Betreuung unserer drei Kinder (7, 5 und 2 Jahre) gesichert war. Wöchentlich kam ein Arbeitsplan von der Klassenlehrerin per E-Mail für unseren Erstklässler. Dieser mehrseitige Arbeitsplan führte meist erst einmal zu einem Wutanfall ... Mit einem Arbeitsaufwand von täglich ein bis zwei Stunden waren die Aufgaben dann aber leicht abzuarbeiten. Eine Kontrolle, Rückmeldung oder andere Kontakte mit der Klassenlehrerin gab es nicht. Die häusliche Stimmung schwankte von Chaos bis zu recht strukturierten Tagen. Meist zeigte schon der Verlauf des Frühstücks an, wie der Tag so werden würde ... Vor zwei Wochen haben die deutsche Schule samt Kindergarten ihre Pforten wieder geöffnet und ein normalerer Alltag hat uns wieder. (Jan und Katharina, drei Kinder, 7, 5 und 2 Jahre)


Kopenhagen / Dänemark. Hier in Dänemark kam die Entscheidung für das komplette „Nedlukning“ zwar recht überraschend, traf jedoch auf eine Gesellschaft, die sich vor allem durch zwei Merkmale auszeichnet: Pragmatismus und Digitalisierung. Dank letzterer gelang es mir und meinen Kolleg*innen an einer ganz normalen dänischen „Folkeskole“, an der ich unterrichte, innerhalb weniger Stunden komplette Unterrichtsverläufe auf die digitale Lernplattform zu legen und diese über das interne Netzwerk an die Schüler*innen zu kommunizieren. Nach Ostern gingen wir dann zu strukturiertem Fernunterricht über, wo alle älteren Schüler in einem digitalen Klassenzimmer saßen und am Unterricht teilnehmen mussten! Doch es war auch schnell klar, dass speziell die jüngeren Schüler*innen so nicht gedeihen. Deswegen waren es diese Sechs- bis Elfjährigen, die als erste wieder in den Schulalltag zurückkehrten. Vor zwei Wochen kamen dann auch die älteren Folkeskole-Schüler*innen zurück. Und nach Pfingsten öffnen die verschiedenen Oberstufen. Unser Unterricht findet unter speziellen Bestimmungen statt: Mit Abstand und so viel wie möglich draußen sind die Vorgaben, die völlig neue Herausforderungen an die Lehrkräfte stellen. Ganz pragmatisch zählen die Schüler nun rote Autos und berechnen Wahrscheinlichkeiten anstatt Übungen im Mathebuch zu bearbeiten, oder sie lesen Karten für den Orientierungslauf im Wald anstelle eines Atlas. So wird es weitergehen bis zu den Sommerferien Ende Juni. Fünf Stunden am Tag für Groß und Klein, fünf Tage die Woche immer wieder unterbrochen durch Händewaschen und Desinfizieren. Doch alle sind sich einig: Es war höchste Zeit für eine Rückkehr. (Martina, Lehrerin an einer dänischen Folkeskole)


Madrid / Spanien. In Madrid haben die Schulen am 11. März geschlossen, und die Kinder werden wohl in diesem Schuljahr nicht mehr in die Schule gehen, denn am 19. Juni beginnen die Sommerferien. Kinder aus Madrid, die in verschiedene Schulen gehen, melden sich per Videokonferenz zu Wort:
Hector (9 Jahre): Am letzten Schultag habe ich alle meine Sachen mitgenommen, und meine Fachlehrer senden mir täglich eine E-Mail mit den Hausaufgaben und Videos dazu. Die fertigen Aufgaben müssen meine Eltern einscannen oder fotografieren. Wie macht ihr es?
Paula (15 Jahre), Claudia und Darío (13 Jahre): Wir haben in unserer Schule keine Bücher und Hefte mehr, wir machen alles mit dem iPad. Mit der Software „Teams“ und „IesFácil“ bekommen wir seit April Online-Unterricht und sprechen mit unseren Lehrern. Wir haben sogar echte Prüfungen machen müssen! Und du? Hattest du auch Tests?
Hector: Nein, das haben wir nicht gemacht! Ab März gibt es keine neue Noten mehr. Wir sollen fleißig arbeiten, aber wenn wir etwas nicht verstehen, sollen wir uns keine Gedanken machen. Nächstes Jahr werden wir alles nachholen können, sagt mein Lehrer.
Paula, Claudia und Darío: Du hast es aber gut! Unsere Mama sagt, die Noten von den letzten Prüfungen werden nicht so viel Gewicht haben … was das wohl heißen soll?
Hector: Bis später, ich muss gehen. Meine Mama sagt, wir sollen nochmal kurz spazieren gehen. Menno – sie möchte alle Spaziergänge auf einmal nachholen!
Und tatsächlich, das meinen auch die Mütter, haben sich die Kinder gut an die Situation gut angepasst und seien mit der Ausgangssperre besser klargekommen als die Erwachsenen.


Brüssel / Belgien: Wir haben je einen Sohn in der ersten und zweiten Grundschulklasse. Die Kinder gehen in eine internationale Schule, die von Schülern aus ganz Europa besucht wird (Frau von der Leyen hat auch schon dort auf der Schulbank gesessen). Das Homeschooling hat so seine Höhen und Tiefen. Am Anfang waren Ausschlafen und Schule mit Mama und Papa richtig cool, dann kamen wir nach Ostern in einen richtig guten Rhythmus, aber inzwischen fehlt der Kontakt mit den Klassenkameraden doch mitunter sehr. Beide Jungs freuen sich riesig auf die Onlinestunden mit den Lehrern und Kameraden über die Plattform „Teams“, allerdings finden die aufgrund des Alters nur in ganz kleinen Gruppen statt. Wir organisieren daher auch öfter mal Zoom-Sitzungen mit ihren Freunden und haben dabei schon sehr amüsante Einblicke in andere Familien erleben dürfen ... Mittlerweile ist aber zumindest auch gemeinsames Radfahren mit maximal einer anderen Person wieder zulässig. Zurück in die Schule geht es vor den Sommerferien für unsere Klassen wohl leider nicht mehr – zumindest nicht systematisch, höchstens noch einmal in kleiner Gruppe, um sich von der Lehrerin und einigen Mitschülern in die Ferien zu verabschieden. In einer Umfrage hatte sich offenbar auch eine Mehrheit der Eltern gegen eine Rückkehr ihrer Kinder vor dem neuen Schuljahr ausgesprochen. Wir sind gespannt, wie der Start im September aussehen wird! (Ewa und Michael mit zwei Kindern, 6 und 8 Jahre).


Düsseldorf / Deutschland. Unsere beiden Kinder gehen beide in die achte Klasse. Das Homeschooling hat sich nach den Osterferien gut eingespielt, die Kinder sind mit 13, 14 Jahren alt genug fürs Selbststudium: Auf der Lernplattform „Itslearning“ stellen die Lehrer*innen Aufgaben ein. Es gibt eine Kachel für jedes Fach, man kann Fristen setzen, Nachrichten schicken und die bearbeiteten Aufgaben hochladen. Insgesamt hatten einige Leher*innen dabei mehr technische Anlaufschwierigkeiten als die Digital Natives, die Kinder ... Außerdem gibt es in loser Folge Videokonferenzen. Das tut den Kindern immer gut, die Klassenkamerad*innen wenigstens am Rechner zu sehen. Wie in der echten Schule tauchen manche Lehrer*innen auch mal gefühlt zwei Wochen ab – aber an sich finden alle Fächer statt. Das Fach Kunst, das sonst jeder Stundenplanänderung als erstes zum Opfer fällt, ist online sogar regelrecht aufgeblüht. Nach Pfingsten beginnt nun die Rückkehr zur Schule: Die Klassen sind in Kleingruppen aufgeteilt, jedes Kind hat noch genau drei einzelne Schultage bis zu den Sommerferien. An der Schule gelten Hygiene- und Abstandsregeln. Die Kinder freuen sich sehr auf das Wiedersehen. Als Eltern bin ich nicht sicher, ob das Homeschooling dann wieder zusammenbricht – denn wie sollen die Lehrer*innen gleichzeitig vor Ort unterrichten und den Online-Unterricht fortführen? Mal sehen, ob dazu beim ersten Video-Elternabend heute Abend etwas gesagt wird ..? (Tanja und Carsten mit zwei Kindern, beide 14 Jahre)


Wien / Österreich. Ich bin 13 Jahre alt und gehe ins „5. Gymnasium“ (in Deutschland ist das die neunte Klasse) in einem kleinen Gymnasium in Wien. Bei uns ist die Schule (alle Schulen, alle Stufen) seit dem 16. März geschlossen und macht jetzt langsam wieder auf. Die Maturaklassen (in Deutschland die Abiturklassen) am 4. Mai, die Unterstufen und Grundschulen am 18. Mai und schließlich auch meine Gruppe, die Oberstufen, am 3. Juni. Bis zur Öffnung unserer Schule haben wir Online-Unterricht, indem wir jeden Sonntag neue Aufgaben auf eine Plattform geladen bekommen. Diese müssen wir dann auf einer anderen Plattform bis Ende der Woche wieder hochladen. Manche Aufgaben müssen wir auch in unseren Schulbüchern erledigen, abfotografieren und anschließend hochladen. Dazu haben wir noch Videokonferenzen in manchen Fächern, diese halten wir meist über Google Meet ab. Wenn der Schulbetrieb dann wieder läuft, was allerdings bei unserer Schule schwer werden kann, weil wir eine sehr kleine Schule sind, werden die Klassen in zwei Gruppen geteilt. Diese haben dann abwechselnd am Montag, Dienstag beziehungsweise am Mittwoch, Donnerstag, Freitag und dann die andere Woche umgekehrt Unterricht. Bevor man in die Schule kommt, muss man seine Hände desinfizieren und außerhalb der Klasse muss man immer einen Mund- und Nasenschutz tragen. In der Pause müssen alle in der Klasse sitzen bleiben. An den „schulfreien“ Tagen werden Aufgaben zu erledigen sein. Ich werde in diesem Schuljahr nicht wieder in die Schule zurückkehren. Ich möchte meine Schulfreunde erst dann alle wiedersehen, wenn ich auch mit ihnen plaudern und sie ganz fest umarmen kann. (Nele, 13 Jahre aus Wien)


Rom / Italien: Meine Tochter ist neun Jahre alt und geht in die vierte Klasse. Nach dem Lockdown haben sich die Lehrer*innen sofort organisiert, um das Unterrichtssystem umzustellen. Während des ersten Monats bekamen wir Eltern die Lernmaterialien zugeschickt und mussten sie dann abfotografieren und per Whatsapp zurückschicken. Glücklicherweise wurde nach etwa 20 Tagen die Plattform „weschool“ aktiviert und ab diesem Zeitpunkt ist die Didaktik wieder in geordnetere Bahnen zurückgekehrt. Jeden Tag gibt es zwei Stunden Video-Unterricht vormittags und Hausaufgaben-Korrektur nachmittags. Insgesamt ist die Erfahrung aus meiner Sicht als Elternteil eher negativ. Zunächst sind der physische Kontakt und die Atmosphäre in einer Klasse nicht vergleichbar mit dem Video-Unterricht. Dazu kommt, dass die Eltern beim Homeschooling all das ersetzen müssen, was die Lehrer*innen nicht erklären können. Viele Eltern müssen gleichzeitig arbeiten, sich um den Haushalt und weitere Kinder kümmern. Zudem ist der Schulunterricht so anspruchsvoll, dass er nicht von jedem/r verrichtet werden kann. Und nicht zuletzt spaltet diese Form der Digitalisierung. In der Klasse meiner Tochter gibt es viele Familien mit zwei oder drei Kindern. Wenn die Eltern im Homeoffice sind, stellt sich ein mathematisches Problem: zu wenige PCs für so zahlreiche Familienmitglieder! Gerade für Familien mit wenig finanziellen Mitteln kann dies ein Problem darstellen. Die Regierung hat sich dazu bereit erklärt, Tablets und PCs an diejenigen, die sie benötigen, zu verteilen, aber wegen der vielen Anfragen ist bisher noch kein elektronisches Material angekommen. (Ezio mit Tochter Daria, 9 Jahre)

Tags: Europa , Homeschooling

Kategorien: Erziehung , Stadtgeschehen