Erziehung

Das stille Leid

Susan Loop · 06.05.2019

© nazarovsergey - stock.adobe.com

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Kinder, die kein Wort sprechen und kaum eine Regung zeigen, leiden womöglich unter Mutismus und benötigen professionelle Hilfe.

Die Zäsur kommt meist mit dem Eintritt in Kita oder Schule. Kinder, die sprechen können, verstummen plötzlich außerhalb der engsten Familie. Etwa sieben von 1000 Kindern leiden unter „selektivem Mutismus“, einer Störung der sprachlichen Kommunikation.

Amira* geht schon ein halbes Jahr in die erste Klasse. Doch seit ihrem ersten Schultag hat sie im Unterricht noch kein Wort gesprochen. Nur manchmal, wenn es keiner bemerkt, flüstert sie mit ihrer Banknachbarin. „Manche Erstklässler sind am Anfang eher ruhig und zurückhaltend, aber bei Amira ist das anders“ berichtet ihre Lehrerin Frau Hoffmann*. „Wenn ich sie anspreche, erstarrt sie regelrecht. Sie verfolgt den Unterricht aufmerksam, kann inzwischen schreiben und rechnen, aber ihr Gesicht zeigt keinerlei Regung. Kontakt zu Klassenkameraden hat sie kaum, weil sie nicht spricht.“ Dass etwas mit Amiras Sprechorganen nicht stimmt, ist ausgeschlossen. Denn sobald sie zu Hause ist, quasselt sie wie ein Wasserfall.

Gesicht wie versteinert
Selektiv mutistische Kinder sprechen nur mit ausgewählten Personen. Meist gehören dazu die Kernfamilie und enge Freunde. Kommen Fremde hinzu oder tritt eine ungewohnte Situation ein, wird die Kommunikation schlagartig eingestellt, das Gesicht wirkt wie versteinert. Außerhalb des vertrauten Umfelds verstummen Betroffene dauerhaft und konsequent. Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, vermeiden sie sogar lautes Lachen, Weinen oder Husten. Am auffälligsten zeigt sich die Störung erstmals im Kindergarten. Für Eltern ist das oft schwer erkennbar. Der Sprachtherapeut Dr. Boris Hartmann empfiehlt Eltern daher, sich detailliert zu erkundigen, ob sich ihr Kind in Kita oder Schule kommunikativ normal verhält. Ein andauerndes hartnäckiges Schweigen ohne jeglichen Blickkontakt sollte nicht als Schüchternheit abgetan werden. „Im Unterschied zu schüchternen Kindern können mutistische Kinder nicht bewusst entscheiden, ob sie schweigen oder reden, sondern die Situation entscheidet darüber, ob der Sprechantrieb oder die Sprechangst die Oberhand behält,“ erklärt Sprachtherapeut Boris Hartmann auf seiner Homepage. Zu den Ursachen des selektiven Mutismus verweist er auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Angstzentrum regiert
Fast die Hälfte der Betroffenen haben Sprach- und Sprechstörungen. Ebenso auffallend ist der Anteil von Kindern, die zweisprachig aufwachsen. Auch das persönliche Temperament und genetische Dispositionen spielen eine große Rolle. Häufig leidet schon ein Elternteil unter Angst und Gehemmtheit. Jüngere Forschungen sprechen zudem von einem zu fein justierten Angstreflex im Gehirn. Dabei reagiert das Angstzentrum viel heftiger, als es zum Selbstschutz notwendig wäre. Durch das Unvermögen, mit den beängstigenden Gefühlen umzugehen, verstummen die Kinder. „Ich hatte einfach keine Reaktionsmuster. Wenn jemand spontan etwas von mir wollte oder ich spontan reagieren sollte, war ich wie blockiert“, beschreibt die 25-jährige Johanna rückblickend ihr Erleben. „Als würden sich alle auf mich fokussieren. Ich fühlte mich wie ein bedrohtes Kaninchen, wurde starr und konnte mich nicht mehr bewegen. Durch das Schweigen war ich unantastbar.“ Der Preis für Johannas Verstummen ist hoch. „Weil ich ständig in meiner inneren Welt war und oft bewegungslos, habe ich kaum Körperliches erlebt. Ich habe kaum Erinnerungen an früher.“

Rechtzeitig therapieren
Je länger sich das Schweigen etabliert, desto nachhaltiger sind die Folgen. Die fehlende Kommunikation verhindert eine altersgerechte Identitätsentwicklung. Wer sich nicht mitteilen kann, baut Aggressionen auf oder resigniert. Das Sprechen als Mittel zum Wissenserwerb fällt weg. Langfristig drohen ausgeprägte Schulprobleme. „Mutismus muss kein Schicksal sein“, sagt Boris Hartmann zuversichtlich. „Wenn er rechtzeitig therapiert wird, sind die Chancen, ihn zu überwinden, gut bis sehr gut.“

*Namen von der Redaktion geändert

Therapieren
Am Anfang steht die Diagnose durch den Kinderarzt oder Kinderpsychologen. Die Therapie richtet sich nach der Hauptursache des Schweigens. Bei der Suche nach einem Therapeuten helfen die Mutismus-Selbsthilfe Deutschland oder die Initiative „Still Leben“. Beide Vereine bieten auf ihren Homepages ein Therapeutenverzeichnis und viele wichtige Informationen für Eltern, Lehrer und Erzieher an.

Einlesen
Im Bilderbuch „Selina Stummfisch“ ermutigen liebevolle Illustrationen und eine spannende Geschichte Kinder ab fünf Jahren, sich zu trauen und ihr Schweigen zu brechen. Von Karen-Susan Fessel und Rosa Linke, Psychiatrie-Verlag 2019, ISBN 978-3-86739-177-1, Euro 17

„Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, Ratgeber für Angehörige, Betroffene sowie therapeutische und pädagogische Berufe. Von Boris Hartmann und Michael Lange, Schulz-Kirchner-Verlag 7. Auflage 2017, ISBN 978-3-8248-0506-8, Euro ca. 10

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