Erziehung

Das Fürchten lernen?!

Andrea Vogelgesan · 07.10.2019

© Bettina Schipping

© Bettina Schipping

Niemals Angst haben? Nicht zuletzt Halloween belehrt uns, dass es auch Raum für die Angst geben kann und vielleicht auch sollte.

Kaum jemand fürchtet sich gern, ganz im Gegenteil. Eigentlich sucht der Mensch nach Sicherheit und Wohlbefinden – vom Babyalter an. Aber kann es überhaupt Ziel sein, ganz ohne Angst zu leben? Halloween zeigt uns, dass die Menschen auch gern mal mit der Angst spielen.

Der Mensch hat die Angst sozusagen im Gepäck, wenn er geboren wird. Denn sie ist eine der sieben Basis-Emotionen, die überall auf der Welt unabhängig vom kulturellen oder sozialen Kontext gleichermaßen empfunden werden: Dazu gehören auch Freude, Wut, Ekel, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung, wie der US-amerikanische Anthropologe und Psychologe Paul Ekman herausfand. Babys und Kleinkinder spüren die existenzielle Abhängigkeit von ihren Eltern oder Bezugspersonen. So dominiert bei ihnen zunächst die Trennungsangst und später folgt das dazugehörende „Fremdeln“, als Ausdruck der Furcht vor Unbekannten. Erich Kästners Zitat: „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Fantasie“, bringt auf den Punkt, was sich zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr in der sogenannten „magischen Phase“ im kindlichen Denken und Handeln abspielt. Im Kita-Alter können die Kleinen noch nicht rational mit ihren Ängsten umgehen. Ein Monster oder andere Fantasiewesen werden als real erlebt. Vorstellung und Realität lassen sich auf dieser Entwicklungsstufe kaum trennen und alles erscheint in jede Richtung möglich: Wunschträume oder Furchterregendes sind immer auch ein bisschen wahr. Hinzu kommt, dass das eigene Denken oder Tun ursächlich mit eintretenden Ereignissen in Zusammenhang gebracht wird. Solche Kindheitsängste sollten aber ernst genommen und aufgefangen werden, sonst können sie bis ins Erwachsenenalter belasten.

Beruhigen und verstehen
Susanna hat zwei Söhne, fünf und acht Jahre alt: „Der Jüngere kommt nachts regelmäßig zu uns ins Bett, weil ihn ein Ungeheuer ‚geweck‘ hat. Er möchte dann partout nicht mehr in seinem Zimmer weiterschlafen und kuschelt sich schutzsuchend an mich.“ Beruhigung und Verständnis durch die Eltern oder Bezugspersonen sind mindestens ebenso wichtig wie körperliche Zuwendung. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, wie ein Kind in seinem späteren Leben mit Angstgefühlen umgeht. In einem Umfeld von verlässlicher Sicherheit können Mut und Lust, etwas auszuprobieren und zu wagen, wachsen. Und dann bereitet es Kindern sogar Spaß sich zu gruseln. So erzählt Susanna auch weiter, wie ihr Sohn Halloween entgegenfiebert: „Ich muss immer ein Fest veranstalten, das gar nicht unheimlich genug sein kann. Ob Verkleidung oder Accessoires, je schauerlicher, desto besser.“

Gesichter der Angst
Angst hat viele Gesichter und zuweilen eben regelrechte Fratzen. Letztere werden in der Psychologie als Ausdruck innerer Befindlichkeit betrachtet, die oftmals nach außen verlegt erst verarbeitet und erlebt werden können. Fantasie-Figuren wie Monster, Geister und böse Hexen erscheinen als bedrohlich, abschreckend und anziehend zugleich. Kein Wunder also, dass Menschen immer wieder auf fiktive Weise Gelegenheiten schaffen, um dem Schrecken ins Gesicht zu schauen, so auch zu Halloween. Dabei lassen die Menschen sich aber nicht überraschen, sondern suchen das Unheimliche regelrecht aus eigenem Willen selbst auf. Sie entscheiden sozusagen selbst den Zeitpunkt, um das Dunkle zuzulassen. Wie in einem Spiel, in einem gesetzten Rahmen, entsteht die Möglichkeit, sich aus einem Sicherheitsabstand mit dem Guten oder Bösen zu identifizieren, sich mit Ängsten auseinander zu setzen und sie zu überwinden. Das wirkt wie eine lustvolle Kompensierung. Über Ungetüme als Symbole des Unbewussten werden Verunsicherungen und Krisen darstellbar. Sie können für erlebte, unverarbeitete Erlebnisse stehen, die ihren seelischen Ausdruck suchen. Wichtig ist, auf einen differenzierten und altersangepassten Umgang zu achten.


Bei Schulkindern werden Ängste durch die Vorstellung von konkreten Gefahren und bedrohlichen Situationen wie Feuer, Einbrecher, Alleinsein oder Stürme ausgelöst, sie haben ihren Ursprung also nicht mehr so sehr in einer Fantasiewelt. In dieser Altersstufe ist es angemessen, gemeinsam mit dem Nachwuchs nach der Ursache für die Angst zu suchen und ihr auf den Grund zu gehen. Über das Verstehen überwinden Heranwachsende ihre Nöte am besten, körperliche Nähe nimmt zunächst dem akuten Angstzustand seine Bedrohlichkeit.

Angst als Begleiterin
Der Heilpädagoge, Kinder- und Jugendtherapeut Henning Köhler betont, dass Angst nicht das Gegenteil von Mut und schon gar nicht ein Feind sei, der bekämpft oder gar weggeschafft werden müsse. Er verweist auf die heutige Tendenz, Angst und Traurigkeit im Zuge des herrschenden Wellness- und Happiness-Kults zu entwerten. Dabei durchlaufe ganz im Gegenteil jeder kreative Prozess Phasen der Verzagtheit und der Niedergeschlagenheit. Solche Engpässe gehörten einfach dazu. So kann man Angst auch als Entwicklungsmotor bezeichnen, der bei ersten Schritten ins Offene, Neue, einen möglichen Übermut reguliert. Wichtig ist es, sich ihr zu stellen, ein Ausweichen wäre einem Stillstand gleichzusetzen. Die Kindheit ist in gewisser Weise eine Zeit der permanenten Angstproben, an denen das kleine Ich wächst: die ersten vorsichtigen Schritte, das erste kurze Alleinbleiben, das Sichbehaupten in der Schule … Kinder steigen aus, wenn es ihnen zu viel wird.
Angstgefühle begleiten uns durch das ganze Leben. Die Inhalte und der Umgang mit ihnen ändern sich dagegen allerdings immer wieder, je nach Phase oder Herausforderung und durch die Einstellung und Verarbeitungsmöglichkeiten in den unterschiedlichen Lebensaltern. Die einhergehenden Zustände beziehungsweise Symptome bleiben allerdings gleich: erhöhter Herzschlag, stärkere Durchblutung, Zittern, Schwitzen, Nervosität und mehr. Ihre überlebenswichtige Funktion sollte nicht vergessen werden: Ohne Angst gäbe es wohl keinen Menschen und kaum ein Tier auf der Welt: Sie sensibilisiert für Gefahren und schützt vor unüberlegten Aktionen. Sie ist eine Bewahrerin und Lebensschützerin.

Schrecklich schön
Trotz Verdrängungstendenzen in unserer Gesellschaft besteht – verlagert auf eine andere Ebene – eine dauerhafte Faszination am Schauer, ohne ihn, so scheint es, würde etwas fehlen und keiner gäbe gern zu, ein absoluter Angstvermeider, gar ein „Angsthase“ zu sein. Angst als Paradoxon: Man will ihr einerseits ausweichen und sie am liebsten gar nicht wahrhaben und doch wird sie immer wieder als Kick oder als Herausforderung geradezu gesucht, um sich selbst zu beweisen. Bei (kleinen) Kindern und Jugendlichen sind es Mutproben, die immer auch die Akzeptanz in der Gruppe steigern, vielleicht der Sprung vom Klettergerüst, die Fahrt mit der Kirmes-Geisterbahn oder eine Nachtwanderung – Erwachsene lassen sich gern an einem Seil in die Tiefe stürzen oder mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug fallen … Und wer es „gemütlicher“ mag, wird vom Sofa aus fündig: Internet und TV liefern rund um die Uhr Krimiserien, Gruselfilme und digital bieten Horrorszenarien in Computerspielen einen ständigen Nervenkitzel.

Schreck, lass nach!

Mehr zu unserem Libelle-Titelthema „Angst“ im Oktober 2019 unter https://issuu.com/xitix/docs/libelle_oktober_2019

Tags: Angst , Oktober 2019 , Titelthema Libelle

Kategorien: Erziehung